Foto: Leila Slimani (Buchcover Detail)

Büchertipps
Die wahre Kunst des Erzählens - Drei neue, großartige Bücher

Heute möchte ich die wunderbaren Geschichten von drei ganz unterschiedlichen Autor*innen vorstellen, die jeweils preisgekürt sind und weltweit herausstechen.

Beginnen möchte ich mit dem finalen Band der sehr persönlichen und autobiografischen Trilogie über eine marokkanische Familie von der französisch-marokkanischen Autorin Leila Slimani, geboren 1981 in Rabat und für ihren Roman „Dann schlaf auch du“ mit dem renommierten „Prix Goncourt“ ausgezeichnet. Zwei Vorgänger-Romane habe ich hier ebenfalls ausführlich besprochen und sehr geliebt. Mittlerweile sind wir in den 80er Jahren angekommen und die Haupt-Protagonistin lebt in Paris als Schriftstellerin. Auf Anraten ihres Arztes und wegen der Diagnose „Brain Fog“, ein Gehirnnebel in Nach-Corona-Zeiten, begibt sie sich zurück in das Heimatland ihrer Kindheit, das sie als junge Frau mit dem Drang nach Freiheit und eigenem Leben verlassen hat.

Der aktuelle Band entwickelt die Lebensgeschichte der wohlhabenden Familie zwischen der Zitronen-Farm der Großeltern in Meknes, dem modernen Leben der Eltern, des erfolgreichen Bankchef-Vaters und der engagierten Gynäkologin als Mutter und den beiden Töchtern Mia und Ines, die mittlerweile in London lebt, weiter. Daneben spielt der Konflikt zwischen Tradition und Moderne, radikalem Islamismus und demokratischen Bestrebungen im heutigen Marokko eine große Rolle. Dieses allgemeine Spannungsfeld trifft auf das individuelle Begehren der jüngeren Protagonisten nach Freiheit, Selbstbestimmung und gelebter Sexualität. Während in Marokko nach wie vor ein brutaler Rassismus an der Tagesordnung ist und eine allgegenwärtige Scham besteht, kann Mia ihre Homosexualität in Paris endlich ausleben. Sie hatte ihrem Vater versprochen, das Feuer, das in ihrem Inneren brennt, weiterzutragen. So wie Mathilde, die Großmutter und Aisha, ihre Mutter entscheidet sie sich für ihren ganz eigenen Weg.

Gleichzeitig berichtet das Buch mit einem großen Panorama an Personen von gesellschaftlichen Umbrüchen, folgenschweren Verwicklungen, sowohl in der Kernfamilie, als auch im Umfeld. Dann wird der Vater, der als Bank-Chef sehr erfolgreich ist und von großen finanziellen Investitionen in seinem Land träumt, unter dubiosen Umständen verleumdet und ins Gefängnis geworfen. Die liberale Fassade der Familie bröckelt und auch der Irakkrieg 1991 lässt das gewohnt offene und Intellektuelle Familienleben in sich zusammenfallen. Ein Ereignis, das Slimani selbst zum Schreiben brachte. Zurück in Marokko fühlt sich Mia wie eine Fremde, die nirgendwo mehr dazu gehört und nebenbei auch noch ihren Geruchssinn verliert.

Insgesamt ein ganz großes Stück Weltliteratur, voller historischer und persönlicher Kontexte, ein famoser Text zwischen Witz, Wut und Wissen. Keine verstaubte noch verkitschte Erinnerungsreise anhand von alten Familienfotos, sondern eine großartige Reise zwischen Pop-Kultur und alten Traditionen, die in verschiedensten Stadien der Familiengeschichte stecken. Wie Slimani Gesellschaft- und Bildungsroman und Coming-of-Age-Geschichte verwebt, ist für mich ganz große Erzählkunst, die sich mit alten Meistern der modernen Literatur messen kann. Denn in dieser „Archäologie ihrer selbst“ geht es in der opulenten Familiengeschichte immer auch um Identitätssuche, Selbstbefreiung und den Versuch, sich aus dem Klammergriff zwischen dem Hass der Islamisten im Heimatland, wie auch in der Fremde und der Ignoranz des Westens zu lösen. Hatte nicht schon der Vater, bevor sie nach Paris aufbrach, ihr mit auf dem Weg gegeben: „Komm nicht wieder!“ und „Verteidige deine Freiheit, geh keine Kompromisse ein!“. Ein hoch politisches Buch voller persönlicher Geschichten, ein absoluter Pageturner - unbedingt zu empfehlen!

Leila Slimani: Trag das Feuer weiter, Luchterhand Literaturverlag, München Januar 2026, 448 Seiten.

Meine nächste Geschichte stammt von dem ungarischen Autor mit dem fast unaussprechlichen Namen László Krasznahorkai, der 2025 den Literatur Nobelpreis bekam. Mit „Zsömle ist weg“ hat der Schriftsteller ein durchweg amüsantes und „gemütlich-brutales Alterswerk“ geschaffen. Aber zunächst eine kleine Warnung: Anfänglich ist das Buch sehr schwer zu lesen, denn die Geschichte um den angeblichen Thronfolger der ungarischen Monarchie ist in einem unglaublichen Fluss aus Wörtern, Gedanken, Beschreibungen und unendlich langen Sätzen geschrieben, die fast schon schwindelig machen. Aber bitte nicht abschrecken lassen, man liest sich ein, denn die ästhetische Programmatik erschließt sich, wie Krasznahorkai selbst zusammenfasst: „Schönheit in der Sprache. Spaß in der Hölle“.

Es geht um die irre Geschichte des 93jährigen József Kada, der selbst glaubt, ein legitimer Erbe der ausgestorbenen Dynastie der Arpaden von 1301 zu sein. Er wurde angeblich ausgesandt, im Wirrwarr der ungarischen Gegenwart für stabile Verhältnisse zu sorgen. Eigentlich will der seltsame Alte sich nicht in die Politik einmischen und lieber wie seine Vorfahren im Verborgenem leben. Doch dann scharrt sich eine merkwürdige Gruppe vermeintlicher Anhänger um ihn herum, die ihn ausfindig gemacht haben und anhimmeln als die letzte Rettung Ungarns, der Nation und der Kirche nach Orban und Co.

Sich selbst präsentiert sich der vermeintliche Thronfolger als wüster Geschichtenerzähler und „Mythenspinner“, der allerhand verrückte Ideen entwickelt und daraufhin letztlich in der Psychiatrie landet. Eigentlich ein ganz liebenswürdiger alter Spinner, zwar mit nationalistischen Überzeugungen, aber ansonsten völlig harmlos. Doch seine unterschiedliche Armada aus Anhängern hat andere Pläne, man palavert und schmiedet wilde Umsturz-Szenarien. Als rechtsextreme Anhänger von Jószi plötzlich mit einem Plan für einen bewaffneten Putsch zu ihm kommen, wird er zum Mittelpunkt der nationalen Aufmerksamkeit. Mitgerissen von der allgemeinen Aufbruchseuphorie und seiner neuen, königlichen Stellung inszeniert er sich als Nachkomme von Dschingis Khan und in der Vergangenheit bereits gekrönter, in Vergessenheit geratener Herrscher.

Becketts Absurditäten mischen sich im Stile von James Joyce mit jenen Horrorszenarien von Franz Kafka oder humorvollen Gedankenwelten eines Thomas Bernhard. Verschwörungstheorien prallen auf schrullige Typen, Apokalypse auf Komik. Wilde Ideen kursieren, während das bescheidene Leben vom Alten in sich zusammenbricht. Leichtfüssig sprudeln die Worte, Gedanken, Intrigen und das traditionelle ungarische Leben auf dem Land aus dem Autor heraus, der genüsslich seine Fabulierkunst und Wortgewandheit ausspielt. Schlussendlich bleibt dem verwirrten Onkel Jószi und seinem geliebten Hund Zsömle nur noch die Flucht per Sprung aus dem Fenster in der Psychiatrie.

Fazit: Ein anfänglich schwer zu lesendes Konglomerat aus unendlich vielen Worten, oft ohne Punkt und Komma, dann ein amüsantes Lesevergnügen im Grenzbereich zwischen Wahnsinn und Realität, voller Witz und genialen Wendungen mit viel psychologischem Feingefühl und realen Anklängen an den realen Alltag des heutigen Ungarn unter dem selbstherrlichen Orban und seinen korrupten Konsorten. Schräg, aber seltsam lesenswert.

László Krasznahorkai: Zsömle ist weg, Roman aus dem Ungarischen, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main Dezember 2025, 304 Seiten.

Der nächste großartige Geschichtenerzähler, den ich hier gerne mit seinem neuen Buch vorstellen möchte, heißt Abdulrazak Gurnah. Er wurde 1948 im Sultanat Sansibar geboren, lebt und arbeitet jetzt aber in England als Literatur-Professor an der Universität von Kent. 2021 wurde der Literat, nachdem er bereits 11 viel gelobte Romane geschrieben hat, mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet. Sein aktuelles Werk hat den Titel „Diebstahl“, Schauplatz ist Tansania zwischen Sansibar und Daressalam und es ist in der Jetztzeit angesiedelt. Es geht um drei junge Menschen, die dort aufwachsen und deren Leben über verschiedene Stationen ineinander verwoben ist.

Da ist Karim, ein ehrgeiziger junger Mann voller Energie und Ideen, der sich nach seinem Studium wieder in seiner verstaubten Heimatstadt Daressalam niederlässt. Ihm folgt Fauzia, die in Karim nicht nur den geliebten Partner hat, sondern auch die Chance sieht, ihrer allzu behüteten Kindheit zu entfliehen. Und dann gibt es den mittellosen, armen Badar, der familiär irgendwie mit den beiden verbunden ist, sich mit ihnen anfreundet und auch Hilfe bekommt, aber trotzdem in einen dunklen Verdacht reinrutscht. Das Ganze ereignet sich auf dem Hintergrund einer schleichenden Entwicklung in Tansania, die aus langsamen Fortschritt, wachsendem Tourismus und daraus folgenden gesellschaftlichen Umbrüchen besteht. Dabei geht es nicht um die üblichen Klischees wie Kolonialismus und die daraus begünstigten autoritären, postkolonialen Regimes in Tansania an sich, sondern eher um den Fluch der neuen Zeit, der nicht nur Segen bringt und neue Freiheiten. Es geht vielmehr um kulturelle Identität und den Konflikt zwischen Tradition und Moderne.

Neben den drei genannten Protagonisten gibt es außerdem ein gut austariertes Figuren-Kabinett, deren Lebenswege, Höhen und Tiefen in ruhigem Ton geschildert werden. Zusammenhänge erschließen sich langsam und differenziert in einem Schreibstil, in denen Gurnahs Sätze fließen wie der Lauf eines alten Flusses, selbst wenn er das komplizierte moderne Leben beschreibt. Es gibt bei ihm keine einfachen Wahrheiten, sondern das normale Leben, das zwar kulturell spezifisch daher kommt, trotzdem emotional universell verständlich ist.

Alles beginnt mit Raya, der Mutter von Karim, die früh zwangsverheiratet wurde und im Roman überwiegend als fürsorgliche Mutter, Schwiegermutter mit Ängsten von Fauzia erscheint und dann auch noch als Hausherrin über Badar, dem willigen Hausangestellten auf niedriger Stufe, das Sagen hat. In diesem Gemisch beweist Gurnah seine meisterhafte Fähigkeit, wie wenig wir oft häufig von einander wissen, obwohl sich daraus große Verflechtungen zwischen den Figuren entwickeln können. Badar, eigentlich ein Waisenkind, muss als „Boi“ in Rays Haushalt diverse Demütigungen ertragen und lernt trotzdem langsam und auf sehr mühsame Weise, sein hartes Leben und seine ursprüngliche Geschichte zu erkennen und ertragen. Währenddessen Karim, der gerade die Karriereleiter herauf rutscht, seine liebevolle Beziehung zu Fauzia durch einen egoistischen Seitensprung zu einer gedankenlosen, selbstsüchtigen Entwicklungshelferin zerstört.

Meisterhaft und vielschichtig schildert Gurnah die Personen und Geschehnisse seines Romans, ohne zu sehr zu psychologisieren oder sich in den Lebensfäden der Einzeln zu verheddern. Dabei untermalt er die gesamte Geschichte mit historischen und landschaftlichen Kulissen des früheren und heutigen Sansibars und Tansanias. Er beschreibt den Alltag der meisten Frauen, die noch immer in zweiter Reihe stehen und die Mühsal der armen Arbeiter, bei denen der neue Wohlstand noch nicht angekommen ist. Dem gegenüber gibt es aber auch das Leben der aufstrebenden Mittelklasse, die von Tourismus und Modernisierung profitieren und auch teilweise unverschämt ausleben.

Ein Buch, das leise und ruhig demonstriert, wie wunderbar die erzählerischen Fähigkeiten des großen Schriftsteller-Meisters funktionieren und wie er zugleich Coming-of-Age-Kammerspiel und ein breit angelegtes Panorama aus postkolonialen Zeiten zeichnen kann. Dabei vermeidet er bewußt eine Exotisierung seiner Heimat, obgleich er auch immer einmal ein paar Phrasen und Geschehnisse, die der europäische Leser vermutlich nicht kennen kann, einstreut. Aber er ist auch ein Meister der Leerstellen: „So macht man das, wenn man den Leser keinen Vortrag halten will. Der Leser kann dann diese Arbeit machen und die Spuren zusammenführen. Und vielleicht weiß er zu schätzen, wie sich Kultur vermittelt. Sie vermittelt sich auch in Bruchstücken, in kleinen Happen, die man aufschnappt“, erklärt der äußerst reflektierte Schriftsteller sein Tun. Damit folgt er der genialen Maxime: „Wahre Kunst ist es, die eigene Kunstfertigkeit zu verbergen, keine Aufmerksamkeit auf die Machart zu lenken, sondern im besten Sinn einfach zu erzählen“.

Genau diese Fähigkeit macht Abdulrazak Gurnah zu einem ganz großen Geschichtenerzähler unserer Zeit, der mit Recht dafür den Nobelpreis verliehen bekommen hat. Bravo!

Abdulrazak Gurnah: Diebstahl, Penguin Verlag, München, September 2025, 332 Seiten.

Die Bücher sind in den inhabergeführten Buchhandlungen BellingProsa, Buchfink, Arno Adler, Langenkamp, maKULaTUR, Buchstabe und Bücherliebe erhältlich.


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