Büchertipps für den Herbst
Neue Bücher voll packender Dramatik und spannender Kunstfertigkeit

Holger KistenmacherVon

Diesmal geht es um eine grandiose Familienchronik aus Marokko und einen Kunstkrimi, bei dem sich alles um ein Gemälde von Caravaggio dreht.

Leila Slimani gilt zur Zeit als wichtigste literarische Stimme Frankreichs. Für ihren bitterbösen Roman „Dann schlaf auch du“, den ich hier ebenfalls vorgestellt habe, bekam sie 2016 den renommierten Prix Goncourt zuerkannt. Jetzt hat sie sich die Aufgabe gestellt, in einer geplanten Trilogie mit dem Ausgangspunkt der eigenen familiären Geschichte zwischen Frankreich und Marokko ein großes Familien-Epos zu schreiben. Teil eins ist jetzt unter dem Titel „Das Land der Anderen“ erschienen und sofort in die Bestseller-Listen gestürmt.

Sie erzählt darin von einer Elsässerin, die am Ende des zweiten Weltkriegs einen aus Marokko stammenden Offizier der französischen Armee aus Liebe heiratet und mit ihm in seine Heimat zieht. Angelehnt ist die Geschichte an dem Leben ihrer eigenen Großmutter, die einen ähnlichen Weg ging. Zunächst ist die 20jährige Mathilde noch stolz und naiv abenteuerlustig, als sie gemeinsam mit dem geliebten und äußerst attraktiven Mann 1946 nach Rabat reist. Über beide Ohren verliebt und voller romantischer Träume über ein exotisches Leben im Orient werden diese dann sehr schnell über den Haufen geworfen. Auf engstem Raum leben sie gemeinsam mit der Schwiegermutter und den Geschwistern von Amine in der Medina von Meknés. Die Matratzen stecken voller Wanzen und Ungeziefer und auch vor dem Schnarchen und sonstigen Geräuschen im engen Haus gibt es kein Entrinnen. Aber demnächst soll ja ein eigenes Haus mit Ländereien im Atlas-Gebirge gekauft werden.

Dort angekommen erweist sich das Land als dürre, staubtrockene Landschaft, deren Boden mühsam kleinste Erträge abgetrotzt werden müssen. Außerdem ist Mathilde überall fremd. Keine Spur vom romantischen Liebesleben mit kolonialem Anstrich, vom Reichtum und exotischen Luxus. Mathilde wird von ihren eigenen Landsleuten angefeindet als Araber-Hure, von den Arabern verachtet, weil sie zur weißen Kolonialmacht gehört; aber auch ihr Ehemann Amine wird nirgendwo anerkannt, weil er als Einheimischer für den Feind gearbeitet hat, die ihn in seinem eigenen Land aber als Menschen zweiter Klasse behandeln.

Leila Slimani erzählt von den spöttischen Blicken der französischen Siedler, die ihre Nachbarn sind, über die Demütigungen durch die Kolonialbeamten und dem Hass und Rassismus, dem sie beide und später auch ihre Kinder ausgesetzt sind. Zunächst widersteht das ungleiche Paar (die Weiße und der Mohr) durch ihre beständige, gewaltige und unerschütterliche Liebe. Aber schnell wachsen die Probleme. Die eigene Landwirtschaft kommt aufgrund von Dürren und schlechten Böden nicht voran. Die Nationalisten im Land drängen auf die Unabhängigkeit von Frankreich und die eigenen Geschwister von Amine geraten in die Wirren des Bürgerkrieges. Sein Bruder Omar radikalisiert sich und geht in den terroristischen Untergrund, während seine Schwester Selma gegen alte patriarchale Normen rebelliert und sich somit in akute Gefahr begibt.

Überhaupt lebt der Roman von der Stärke seiner Vielstimmigkeit und des genau gezeichneten Personals. Da gibt es die Schwiegermutter, die als traditionelle Muslimin ihre Söhne bedient wie eine Magd. Oder den Freund und jüdischen Arzt, der aus Ungarn vor den Nazis geflohen ist, der in die Kinder der beiden vernarrt ist und ansonsten allen Seiten hilft, so viel er kann. Daneben zeichnet Slimani ein Land im Aufbruch und Bürgerkrieg mit all seinen Widersprüchlichkeiten, aber auch Schönheiten. Die beiden Kinder werden einerseits als Mischlinge verunglimpft, aber Amine pflanzt für sie einen „Zitrangenbaum“, eine Mischung aus Orange und Zitrone. „Wir sind wie dein Baum - halb Zitrone, halb Orange - wir gehören zu keiner Seite“.

Slimani erzählt das grandiose Epos aus Liebe, Kampf, Gewalt und verlorengehenden Träumen ohne orientalischen Kitsch, dafür aber mit Sex, detaillierten Personenbeschreibungen und genauen historischen Bezügen, die gut recherchiert sind. Das Familien-Epos vor dem Hintergrund der marokkanischen Unabhängigkeitskämpfe beschreibt dabei zwei Freiheitskämpfe. Einerseits geht es um die Emanzipation Marokkos von Frankreich, die 1956 mit der Unabhängigkeit gelingt, anderseits um den Kampf um Selbstbestimmung und Freiheit gegen patriarchale Strukturen und Traditionen, den Mathilde sowohl gegen ihren Mann als auch gegen die rückständige Gesellschaft führt.

Langsam aber sicher verliert Mathilde ihre überschwängliche Lebensfreude, weil sie sich steigernder Gewalt von allen Seiten ausgesetzt fühlt. Sie lernt zu schweigen, um ihre Kinder groß zu ziehen und um selber zu überleben. Am Ende des Romans, wenn die Häuser der Nachbar-Siedler brennen, sitzen Amine und seine kleine Familie auf dem Dach ihres Hauses, körperlich allesamt unversehrt, aber seelisch gezeichnet von der Geschichte aus Demütigungen, existenziellen Notlagen, familiären Dramen, Hass und Rassismus. Ein eindringlicher Appell an die Menschlichkeit und die Liebe, die dringend nötig ist in einer Situation, wo man nirgends dazu gehört.

Leila Slimani: Das Land der Anderen, Luchterhand-Literaturverlag,2021, 384 Seiten, Amazon.

Mit „Caravaggios Schatten“ von Bernhard Jaumann legt der Galiani-Verlag seinen zweiten Kunst-Krimi um die Kunst-Detektei von Rupert von Schleewitz und seinen Kolleg*innen vor. Nach „Der Turm des blauen Pferdes“, den ich hier ebenfalls besprochen habe, gelingt es erneut, einen spannenden, raffinierten Kriminalfall um Kunst und Kindesmissbrauch zu veröffentlichen. Diesmal lässt Bernhard Jaumann seinen Fachmann für Kunst und Verbrechen, Ruppert von Schleewitz ermitteln, warum das berühmte Werk von Caravaggio „Der ungläubige Thomas“ zunächst von seinem Freund und ehemaligen Internats-Mitschüler Alban mit dem Messer zerstört, dann aber auch noch gestohlen wird.

Alles beginnt mit einem gemeinsamen Besuch in der Gemälde-Galerie in Berlin, wo das berühmte Werk ausgestellt wird, als plötzlich der Freund sich wütend mit einem Dolch über das Gemälde hermacht. Später wird das Bild beim Transport zum Restaurieren auch noch von einer ominösen Bande geraubt, damit Geld erpresst werden kann.
Die Kunst-Detektei, die sich normalerweise mit gestohlenen Kunstwerken, Provenienzforschung und Expertisen zur Echtheit von Kunstwerken befasst, muss nun zunächst klären, was in den Freund Alban gefahren ist, warum er das Werk zerstören wollte. Dabei gerät der Detektiv tief in die eigene Geschichte aus seiner Internatszeit, die er eigentlich verdrängt hat. Es geht um Kindesmissbrauch, Erpressung, Entführung und ein hohes Lösegeld. Allesamt spannende Utensilien für einen packenden Roman, der aber auch immer wieder auf das konkrete Bild zurückfällt. Ein sehr emotionales Bild, das keinen kalt lässt. Der ungläubige Thomas bohrt dabei mit seinem Finger tief in der Wunde des wiederauferstandenen Jesus, weil er nicht glauben kann, dass dieser wieder lebt nach der Kreuzigung und Grablegung.

Diese Beschämung des zweifelnden Apostels vermengt sich mit der verdrängten Geschichte aus frühen Kindertagen des Detektivs. Ein vielseitiges Puzzle muss zusammen gebracht werden, es wird recherchiert in alten Bibliotheken und im ehemaligen Internat. Dann wird auch noch Klara Ivanovic, eine Mitarbeiterin von Schleewitz entführt, und sein anderer Kollege, Max Müller stößt auf die Räuberbande und stellt den Kontakt zu den Dieben her. Dann gibt es auch noch einen dubiosen Mittelsmann aus dem Ministerium, der das Lösegeld beschaffen soll.

Ein herrlicher Krimi voller Spannung, aber auch viel Informationen zur Kunstgeschichte und Rückgriffen zum immer aktuellen Thema des Kindes-Missbrauchs. Eine gelungene Kombination, die zwar nicht schlaflos macht und böse Träume bewirkt, aber eine raffiniert und kunstvoll konstruierte Geschichte zwischen Kunst- und Kriminal-Roman.

Bernhard Jaumann: Caravaggios Schatten, Galvani-Verlag, 2021, 304 Seiten, Amazon.

Die Bücher sind in den inhabergeführten Buchhandlungen BellingProsa, Buchfink, Arno Adler, Langenkamp, maKULaTUR und Buchstabe erhältlich.

Holger Kistenmacher
Holger Kistenmacher
Jahrgang 1956, freischaffender Journalist seit gut 25 Jahren, studierter Realschullehrer, praktizierender psychosozialer Betreuer, ambitionierter Fotograf und Kulturschreiber mit den Fachgebieten: Moderne Gegenwartskunst, Literatur, Musik zwischen Jazz und Rock, Nordische Filme, Moderner Tanz. Weltenbummler und Reisejournalist.
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