Franz Kugler: Emanuel Geibel, 1849 (Detail), Foto: Michael Haydn

Christian Volkmann
Emanuel Geibels Aufstieg zum literarischen Repräsentanten seiner Zeit

Manfred EickhölterVon

Er hat Anlagen, die ihn herausheben: seine Erscheinung, seine Stimme, die frühe spielerische Beherrschung metrischer Regeln, die Musikalität, die Improvisationsgabe und die anziehende Geselligkeit.

Dann war da das literarisch hoch gebildete Elternhaus. Der Vater, Johannes Geibel, ein Aufklärer und Erweckungsprediger, der die geistig Aufgeschlossenen der Stadt um sich und in seiner reformierten Kirche wie magisch anzog; er selbst freundschaftlich verbunden mit Gelehrten ersten Ranges in den Kulturhauptstätten des Reiches. Nicht zu vergessen: Johannes Geibel war ein mutiger Patriot und Dichter der nationalen Einheitssehnsucht. Dann ist da die Mutter, Louise Ganslandt, herstammend aus einer französischen Flüchtlingsfamilie, die wegen ihres Glaubens aus Frankreich fliehen musste. Auch die Mutter war Mitglied einer überregional ansässigen Kommunikationsgemeinschaft.

An die Seite des Elternhauses tritt die Schule, das Katharineum, in einer sehr besonderen, wohl einmaligen Hochphase seiner mehrhundertjährigen Wirkungsgeschichte: Jeder Schüler wird individuell gefördert, Lehrer verbinden sich im Geiste des Neuhumanismus freundschaftlich mit den ihnen anvertrauten Schülern. Und dann ist da eine städtische Führungselite, offen für Kunst, Theater und Literatur: Die Plessings, Overbecks, Nöltings, Hachs, Curtius denken und agieren in der europäischen Tradition der Aufklärung. Und dann ist da, für die berufliche Weichenstellung nicht der unwichtigste: Carl Friedrich von Rumohr, einer der führenden Köpfe der romantischen Kunstbewegung. Mit dieser Mitgift zieht der neunzehnjährige Emanuel Geibel 1834 in die Welt.

Christian Volkmann hat in seiner Doktorarbeit, die am Zentrum für Kulturwissenschaftliche Forschung und an der Europa-Universität Flensburg entstanden ist, die Karriere Geibels und deren Ursachen nachgezeichnet, ausgerüstet mit einem geschärften Blick auf die Literatur- und Politikverhältnisse der Zeit. Wie konnte es geschehen, dass ein Talentierter unter Tausenden, die denselben modischen Berufstraum träumten, Lyriker zu werden, innerhalb von nur wenigen Jahren ein nachgefragter Künstler wird, der von seinen Einnahmen ein gutes Auskommen hat und von den königlichen Apanagen, die er erhielt, finanziell gar nicht abhängig war? Welche kreativen Fähigkeiten zeichneten Emanuel Geibel aus, dass es ihm gelang, mit nur wenigen schmalen Gedichtbüchern, die alle im ersten Jahrzehnt seiner Autorschaft entstanden, hohe Auflagen zu erzielen und zu einer ersten Stimme im literarischen Deutschland zu werden? 

Man führe sich das vor Augen: Da kommt ein Student im dritten Semester, 20 Jahre jung, in die Literarturhauptstadt Berlin und innerhalb weniger Monate zählen ihn die großen, einflussreichen Granden der Zunft, Eichendorff, Chamisso, Bettina von Arnim, zu einem der ihren, öffnen ihm Tür und Tor zur Mitarbeit und er wird aufgenommen in die maßgebende Literaturgesellschaft der Stadt. Und, kaum eingelebt, zerfleddert 1838 einer der angesehensten Literaturkritiker der Zeit ein Gedicht aus der Schulzeit Geibels (König Dichter) und dieser Verriss vernichtet nicht den Anfänger, sondern löst eine Welle der Sympathiebekundungen aus und beflügelt dessen Aufstieg.

Volkmanns Studie konzentriert sich auf die Zeit von 1840 bis 1848, also die Periode des sogenannten Vormärz, die Zeit vor dem Ausbruch der blutigen Unruhen im März 1848 in Berlin. Sie will beitragen zum Verständnis einer Autorenbiografie, für die es im 19. Jahrhundert kein vergleichbares Gegenstück gibt. 1850, Geibel ist 35 Jahre alt, ist das künstlerisch kreative Potenzial des Lyrikers fast schon verbraucht. Trotzdem wird er bei seinem Tod 1884 vom Hochadel, von Bildungsbürgern in höchsten gesellschaftlichen Stellungen und von der Fachwissenschaft als erster Patriot und Nationaldichter hofiert und geehrt.

Vierzig Jahre später, beim Ende des Kaiserreichs 1918, gerät er in Vergessenheit und nach 1945 stempelt ihn die bundesrepublikanische Literaturgeschichtsschreibung ab als einen Blender und Nachahmer, der nur deshalb erfolgreich gewesen sein soll, weil eine konservative Kulturpolitik in ihm eine starke Unterstützerstimme fand. Christian Volkmann hegt Zweifel an dem damit still vorausgesetzten Urteil, das literarisch wohl nie höher gebildete Deutschland habe seinen Geschmack an einen Stümper, einen Epigonen verschwendet.

Volkmann ist überzeugt, dass es der traditionellen Literaturgeschichtsschreibung an Maßstäben und Verfahren fehlt, um die Leistungen von Autoren wie Emanuel Geibel, aber auch anderer erfolgreichen Autoren der Zeit, wie etwa Felix Dahn, Friedrich Bodenstedt oder Paul Heyse, angemessen zu beschreiben. In der Zeit zwischen 1820 und 1850 bildet sich ein moderner Literaturmarkt heraus, Bücher werden zur Ware, zu nachgefragten Objekten. Geibel erkennt die neuen Gesetzmäßigkeiten, er wechselt die Verleger, um damit literaturpolitische Zeichen zu setzen, er handelt für ihn günstige Verlagsverträge aus und durch ein Verfahren textueller Anspielungen gelingt es ihm, große Lesergruppen für sich zu interessieren und an sich zu binden.

Geibel, der es für seine Autorschaft ablehnte, sich als Originalgenie zu positionieren, entwickelt ein meisterhaft gehandhabtes Verfahren der Intertextualität, das heißt der offenen und stillen, aber immer durchschaubaren Anspielung auf Texte anderer Autoren. Das Spiel mit Überlieferung, das Fachwort dafür heißt Epigonalität, ist das genaue Gegenteil dessen, was als bloße Nachahmung diskreditiert ist. Besondere Aufmerksamkeit verdient nach Volkmanns Urteil die Semantik des Wortes Dichter. Die rhetorische Konstruktion der Figuration „Dichter“ erhebt den lyrischen Autor, und damit auch Geibel selbst, zu einer Ausnahmeerscheinung im geistigen Zeitzusammenhang, macht ihn anschlussfähig für Diskurse in Philosophie, Theologie und Debatten um ein (natur-)wissenschaftliches Weltbild.

Volkmann fasst die Geibelʼsche Ästhetik so zusammen: „An die Stelle des lyrischen Ichs treten mit einer Objektivität suggerierenden Erzählinstanz, deren Blick allein dem überzeitlichen und unvergänglichen Kunstschönen gilt, idealisierte Deutungen, metaphysische (Letzt-)Begründungen und Reflexionen. Die Außenwirkung weicht, anders als beim ebenfalls auf Formvollendung anstrebenden Klassizismus, der Introspektion; die individuelle Wirklichkeitserfahrung löst sich in Ästhetizismus auf. Diese Ästhetikkonzeption ist ihrer Anlage nach antidiskursiv und paternalistisch, in ihrer Logik tautologisch und in ihrem Anspruch absolut: Die Erzählinstanz – und damit implizit auch immer ihr Erschaffer, der Dichter – versteht sich als ein souveräner Beherrscher der Wirklichkeit und alles Geistigen. Doch auch diese Selbstermächtigung kann sich legitimieren: Ihre Voraussetzung ist eine unbedingte Gewissheit des Göttlichen.“

So ganz nebenher erfährt der Leser der Studie Volkmanns, dass der Autor auf die Einnahmen aus den Ehrengehältern des preußischen und des bayerischen Königs nicht angewiesen war, sie zeichneten ihn als Repräsentanten aus und das war ihm wichtig. Volkmann schildert aber auch, dass die frühe Festlegung auf einen bestimmten Dichtertyp, einen festen Themen- und Formenkanon der literarischen wie der persönlichen Entwicklung des Autors nicht gut taten, Geibel erstarrte. Andererseits waren diese Festlegungen notwendige Voraussetzungen für den angestrebten Erfolg, als Lyriker zu bestehen. Geibel wollte sich nicht, eingezwängt in einen Brotberuf, mit der Rolle eines nebenberuflichen Hobbydichters zufrieden geben.

Christian Volkmanns Studie, es ist der erste Versuch einer Gesamtwürdigung des Phänomens Geibel seit rund 100 Jahren, kann die fehlende Geibelbiografie nicht ersetzen. Sie würde sich mit den anderthalb Jahrzehnten erfolgreichen literaturpolitischen Wirkens in München (1852–1868) zu beschäftigen haben. Und der Blick müsste gerichtet werden auf diejenigen Texte Geibels, die ihm die uneingeschränkte Anerkennung von Künstlern und Wissenschaftlern seiner Zeit, wie etwa Felix Mendelssohn, Johannes Brahms, Franz Kugler, Jakob Burckhardt und Karl Goedeke einbrachte.

Man kann nur dankbar sein dafür, dass Hans Wißkirchen, später das Zentrum für Kulturwissenschaftliche Forschung und zuletzt das Museum Buddenbrookhaus die sich seit 2005 mehrenden Anregungen, beim Thema „Geibel“ neu anzusetzen, aufgegriffen haben. Es bleibt indes Christian Volkmanns eigene Leistung, eine sehr gut lesbare, außerordentlich klug und umsichtig argumentierende Studie verfasst zu haben, die als Doktorarbeit gleich dreifach mit der Note „Hervorragend“ bewertet wurde.

Volkmann sichtete die aus Russland zurückgekehrten Teile des Geibel-Nachlasses in der Stadtbibliothek, er grenzt sich ab von den Lobeshymnen der Geibel-Philologie bis 1918 und er reflektiert die vernichtenden Befunde der bundesdeutschen Nachkriegs-Germanistik. Viele Lübecker haben sich gewünscht, dass Geibel als Bürger der Stadt umfassend gewürdigt wird. Aber Emanuel Geibel ist kein Heimatdichter und Lokalpatriot gewesen und er ist auch kein historisches Phänomen. Ein Autor, den Kaiser Wilhelm I. als den ersten patriotischen Dichter des zweiten Kaiserreichs bewertete, musste und muss als nationales Phänomen behandelt werden.

Und zu Emanuel Geibel als Phänomen gehört auch, dass beispielsweise Hanno Kabel zu dessen 200. Geburtstag 2015 einen leidenschaftlich formulierten Beitrag mit dem Titel „Vergesst Geibel!“ in den Lübecker Nachrichten verfasste. Und das, obwohl es seit 100 Jahren keine aktuelle Auswahl seiner Gedichte im Buchhandel zu erwerben gibt.

 Volkmann hat dafür eine Antwort bereit: Geibel war von Anfang an umstritten. Einer Stadt wie Lübeck, die erinnerungspolitisch darauf setzt, ein Ort für große Literatur des 20. Jahrhunderts zu sein, wäre zu wünschen, dass an der Stadtbibliothek der Hansestadt eine Geibel-Forschungsstelle dauerhaft eingerichtet wird. Denn Lübeck war die Heimat eines wichtigen, wenn nicht des wichtigsten deutschen Lyrikers des 19. Jahrhundert. Und, so mein Vorurteil: Wer sich mit Geibel auseinandersetzt, wird den Herausforderungen der deutschen Identitätsdebatten des 21. Jahrhunderts gelassener entgegenschauen.

Christian Volkmann: Emanuel Geibels Aufstieg zum literarischen Repräsentanten seiner Zeit, J.B. Metzler, November 2018, 360 Seiten

Das Buch ist in den inhabergeführten Buchhandlungen BellingProsa, Buchfink, Arno Adler, Langenkamp, maKULaTUR und Buchstabe erhältlich.

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Manfred Eickhölter
Manfred Eickhölter
Dr. Manfred Eickhölter ist Chefredakteur der Lübeckischen Blätter, Kulturwissenschaftler und Journalist. Er beschäftigt sich u. a. mit der Stadtentwicklung Lübecks und der Familie Mann.
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