Foto: Oliver König

Emanuel Geibel
Eine frische Ausstellung über ein staubiges Thema

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Mit der Sonderausstellung „Emanuel Geibel. Aufstieg und Fall eines Umstrittenen“ krönt das Buddenbrookhaus das städtische Geibel-Jahr – eine in mehrfacher Hinsicht bemerkenswerte Schau. Sie endet diesen Sonntag, 31.1.2016.

Man wundert sich: Werk und Rezeption des einst auflagenstärksten deutschen Dichters ist kaum erforscht. Emanuel Geibel (1815 bis 1884) findet außerhalb seiner Heimatstadt Lübeck so gut wie nicht mehr statt und selbst hier kennen die meisten außer dem Denkmal in einem Winkel an der Königstraße selten mehr als das „Wanderlied“ und den fragwürdigen Vers, dass „am deutschen Wesen einmal die Welt genesen“ möge. Dem Jubiläumsjahr sei Dank, ist dies mit der Arbeit Christian Volkmanns nun beendet; der Germanist arbeitet am Zentrum für Kulturwissenschaftliche Forschungen Lübeck (ZKFL) an seiner Promotion über den „König Dichter“. Er hat die Ausstellung im Buddenbrookhaus kuratiert und im Zuge seiner Arbeit den Nachlass des Dichters gesichtet, der in der Stadtbibliothek untergebracht ist, gleichwohl aber „80 Jahre nicht mehr angefasst“ wurde (Volkmann). Allein Letzteres sagt viel über das Phänomen Geibel. Einst von den einen über die Maßen verehrt, von anderen Zeitgenossen vor allem wegen seiner auf Form bedachten Lyrik und seiner national-konservativen Gesinnung geschmäht, wird er heute als Produzent überkommener Kunst ignoriert. Zu Recht?

Die Ausstellung geht die Frage nüchtern an. Vanessa Zeissig, mit ihrer Arbeit über Ausstellungsgestaltung ebenfalls ZKFL-Doktorandin sowie Volontärin am Buddenbrookhaus, hat die Themen um den sperrigen Dichter portioniert. Bücherwurm – Bestseller – Günstling – Superstar – Backfischdichter – Spielball lauten die Überschriften der einzelnen Stationen, und die Titel sollen hier die einzigen kommentierenden Beiträge sein. Man habe versucht, Fakten sachlich darzustellen, sagt Zeissig, der es zuvorderst um die ewige museologische Frage geht, wie Literatur überhaupt ausgestellt werden kann. Textlastigkeit konnte natürlich auch sie nicht abschaffen, aber es ist gelungen, den Betrachter zu erstaunen: zum Beispiel bei der Konfrontation mit dem 19. Jahrhundert, das eine erstaunlich bunte Gemengelage zu bieten hatte und dessen typisches Kind Geibel war. Kurze, erläuternde Texte, knackige Beispiele aus Geibels Werk, der berühmte Schreibtisch aus dem St.-Annen-Museum und ein wuchtiger Armsessel, der im Geibelzimmer stand, das die Stadtbibliothek bis in die 1930er Jahre vorhielt, sorgen für die Atmosphäre, die es braucht, um die Anbetung des Superstars Geibel fassbar zu machen – und sorgen zugleich für erleichternde Distanz.

Foto: Oliver KönigFoto: Oliver König

Im Stimmenraum schließlich stehen sich kritische und schwärmende Zeitgenossen gegenüber. Hebbels „Ich durchblätterte in diesen Tagen die Geibelschen Gedichte. Es war die vierzigste Auflage! Nun, das nenn’ ich doch Erfolg! Bei solcher Trivialität unglaublich. In welchem Stadium muss sich das Deutsche Publicum befinden“ kontra Georg von Cottas „Doch wie gedrückt auch Geist und Seele sind, indem ich an Sie denke, heitert sich mein Herz auf“. In diesem Raum fordert auch „Deutschlands Beruf“, jenes Gedicht, das mit dem Vers „Und es mag am Deutschen Wesen einmal noch die Welt genesen“ dazu auf, komplett gelesen zu werden.

Es ist eine frische Ausstellung über ein staubiges Thema, die Volkmann, Zeissig und Birte Lipinski, die Leiterin des Buddenbrookhauses, hier zustande gebracht haben. Geibel, der für Wilhelm Busch vermutlich die Vorlage für „Balduin Bählamm, der verhinderte Dichter“ lieferte, liefert keine Literatur mehr, wie sie der Mensch des 21. Jahrhunderts sucht. Spannend sind Mann, Werk und Rezeption allemal.

„Emanuel Geibel. Aufstieg und Fall eines Umstrittenen“; zu sehen bis zum 31. Januar 2016 im Buddenbrookhaus. Ein 70-seitiges Magazin gleichen Titels kostet 9,90 Euro.

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