Dr. Holger Pils, Foto: Stephan Rumpf

Heinrich Mann "Eugénie oder Die Bürgerzeit"
Der vergessene Lübeck-Roman

Manfred EickhölterVon

Ein Gespräch mit Holger Pils zur kommentierten Neuausgabe.

Manfred Eickhölter: In Lübeck ist der Roman kaum bekannt, allenfalls bei Liebhabern Emanuel Geibels, wegen des spöttisch-liebevollen Porträts. Woran mag das liegen?

Holger Pils: Zunächst einmal ist das Buch keine Ausnahme: Die „Romane der Republik“, die Heinrich Mann als eine locker gefügte Trilogie betrachtete, also „Mutter Marie“ von 1927, „Eugénie“ von 1928 und „Die große Sache“ von 1930 wurden seinerzeit durchaus viel gelesen. Heute kennt sie kaum jemand. Der heutige Blick richtete sich für diese Phase viel stärker auf Heinrich Mann als Redner und Repräsentanten der Demokratie, das Werk ist dahinter verschwunden. Wobei gerade ein Roman wie „Eugènie“ überraschend viel beitragen kann zum Verständnis von Heinrich Manns Haltungen zu Zeitfragen – obwohl er nicht in der Republik spielt, sondern 1873.

Was mich tatsächlich überrascht hat: Die fehlende Rezeption in Lübeck. In unserer Ausgabe weisen wir etwa sechzig Besprechungen der Jahre 1928-29 nach – in Lübeck erschien keine einzige. Auch nicht in den Lübeckischen Blättern. Obwohl der Roman natürlich ausgesprochen deutliche Lübeck-Bezüge aufweist und damit auch geworben wurde. Als Sohn der Stadt war Heinrich Mann offenbar der kulturellen Wahrnehmung vor Ort schon ganz entrückt. Ich vermute auch, dass man mit dem politischen Heinrich Mann fremdelte. Allerdings hatte er die Aufmerksamkeit der Stadt auch nicht gesucht und sie seit 1893 nie wieder besucht. Ganz anders Thomas Mann, der 1926 hier eine große Festrede hielt, in der er auch an Geibel erinnerte. Nur kurze Zeit später fasste Heinrich Mann den Plan zu „Eugénie“, mit der er sich ebenfalls seiner Lübecker Kindheitswelt zuwendet – und auch Geibel. Das ist vermutlich kein Zufall.

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ME: Was weiß die Heinrich Mann-Forschung über den Roman? Wird er überhaupt behandelt? Er liegt vermutlich nicht im Hauptinteresse der Forschung.

Holger Pils: Er wird stiefmütterlich behandelt und muss sich in vielen Übersichtsdarstellungen mit der Erwähnung in Halbsätzen begnügen. Es gibt ein paar Aufsätze, meist älteren Datums, keine Monografie.

ME: Heinrich Mann wird derzeit kaum gelesen, in Lübeck wird gelegentlich behauptet, dieser Roman sei missglückt. Was macht diesen Lübeck-Roman interessant?

Holger Pils: Es lohnt sich, den Roman wieder und neu zu lesen. Er ist unterhaltend und schnell, er liest sich leicht und spannend. Zugleich liegt ihm ethischer Ernst zugrunde, eine pädagogische Absicht, die viel über den Heinrich Mann von 1928 verrät. Der Roman ist ein immens wichtiger Beitrag zur Werkbiografie und er ist vermutlich Heinrich Manns persönlichster Roman. Auch wegen des Lübeck-Bezugs. Es ist ein neuer Blick auf die Herkunft. Heinrich Mann selbst spricht von Kindheitserinnerungen, die er „mit besonderer Liebe“ niedergeschrieben habe.

ME: Wie drückt sich dieser Bezug aus?

Holger Pils: In der Topografie, in der politischen und der Sozial- und Wirtschaftsstruktur, den Figuren, nicht zuletzt den Bezügen zu den Eltern und eben Geibel. Zugleich ist er kein Schlüsselroman, alles wird zum Sinnbild. So dienen die Züge des Vaters dazu, eine idealtypische Figur zu schaffen: die des ehrbaren (und in seiner Redlichkeit gefährdeten) Kaufmanns.

ME: Und die Mutter?

Holger Pils: Kommt – als Mutter – über lange Strecken nicht gut weg. Erst mit der Schlusswendung kann sie sich auch ihrem Sohn zuwenden und Verantwortung übernehmen.

ME: Welches sind die Schwerpunkte des Kommentars, gibt es neue Erkenntnisse?

Holger Pils: Der Kommentar soll zeigen, dass es eine enge Verbundenheit des Romans mit Heinrich Manns politischem und kulturkritischem Essaywerk der Zeit gibt und dass er voller Anknüpfungspunkte zu den Lebens- und Werkthemen Heinrich Manns ist. Er erläutert, warum Heinrich Mann nach den Kaiserreich-Satiren nun die Notwendigkeit sah, eine Neubewertung der Bürgerzeit vorzunehmen, um Antworten für die Gegenwart zu finden. Dass der Roman persönlich war, nicht nur im Hinblick auf die Herkunft, sondern auch, weil Heinrich Mann die Rolle des kritischen Intellektuellen in der Republik für sich selbst neu bestimmen musste, und er in der Lage ist, dies durch die Figur Geibels humoristisch zu spiegeln. Dass auch andere Themen, die ihn bewegten, wie die Aussöhnung mit Frankreich, die Frage der Bildung der Jugend, und vieles andere mehr in diesem Roman ihre Spuren hinterlassen.

ME: Die Heinrich Mann-Forschung wächst langsam, aber kontinuierlich, was macht diesen Autor wissenschaftlich so interessant?

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Holger Pils: Seine Hingabe an die Öffentlichkeit als Intellektueller und Mahner. Seine hellwache Wahrnehmung für die Zeit und ihre Oberflächenphänomene (Sport, Unterhaltungsindustrie usw.) und ihren untergründigen Verschiebungen. Einzigartig ist das an sich selbst gerichtete Postulat, an dieser sich ändernden Zeit teilzuhaben, mitzutun, wovon die Essays ein eindrucksvolles Zeugnis ablegen. Unmittelbaren Niederschlag findet dies auch in der Lust, in vielerlei Hinsicht literarisch zu experimentieren. Diesen Zusammenhang kann die Forschung erst jetzt richtig fassen, da die Edition der Essays, Reden, Artikel, die Unzahl an Umfragen, auf die Heinrich Mann antwortete, voranschreitet. Da wird im Moment mit der Bielefelder Ausgabe geradezu sensationelle Grundlagenarbeit geleistet, die zu ganz neuen, exemplarischen Fragestellungen führen wird. Interessant ist übrigens auch die politisch getönte Wirkungsgeschichte, die wirklich zu verstehen wir am Anfang sind.

ME: Ist ein Aspekt dieser Wirkungsgeschichte, dass Heinrich Mann ein Opfer der Wiedervereinigung ist? In meiner Schulzeit gehörten „Der Untertan“ zur Pflichtlektüre und der „Henri IV“ zum Kanon.

Holger Pils: Er war vor der Wiedervereinigung auch ein Opfer der ideologischen Vereinnahmung durch den Osten. Das ließ man im Westen geschehen und nahm ihn dann nur reduziert wahr. Ich glaube, dass man jetzt die Chance hat, Heinrich Mann differenzierter zu sehen, da die ideologischen Schablonen unbrauchbar geworden sind. Sich in den Lehrplänen zu behaupten, wird allerdings vermutlich nicht leichter, er hat sicherlich nicht weniger, sondern mehr Konkurrenz, es gibt Gerangel im Kanon. Durch die Wiedervereinigung sind ganz neue Themen und Romane dazu gekommen. Das Problem scheint mir da eher zu sein, dass die Lektüre insgesamt zu kurz kommt.

ME: Gibt es eine Aktualität Heinrich Manns? Ist das Argument, Thomas Mann schreibe besser, nicht das vorgeschobene Argument einer neuen bundesbürgerlichen Biederkeit gegen den unbürgerlichen Bürger, der auf radikale Weise das Postulat der Liberalität für sich in Anspruch nahm?

Holger Pils: Besser – schlechter, das wäre mir zu einfach. Und gerade „Eugénie“ zeigt, dass man es sich auch mit der Gegenüberstellung bürgerlich-unbürgerlich, bieder-liberal nicht so einfach machen kann. Beide Brüder haben hier auch einen Beitrag zu aktuellen Debatten zu leisten: Wenn Heinrich Mann in „Eugénie oder Die Bürgerzeit“ eine gemeinwohlorientierte Wirtschaftsethik gegen spekulativen Finanzkapitalismus ins Feld führt, wenn er nicht nur zwischenmenschliche, sondern auch gesellschaftliche und generationenübergreifende Solidarität einfordert, dann ist das bleibend aktuell. Und zwar auch, weil er diesen Werten explizit einen bürgerlichen Ursprung gibt und sie seiner republikanischen Erzählgegenwart als Ideal präsentiert. Das ist heute, wo bürgerliche Werte von sehr verschiedenen politischen Akteuren reklamiert werden, doch ein sehr spannender Gedanke.

Holger Pils, geboren 1976, ist Geschäftsführender Vorstand der Stiftung Lyrik Kabinett in München. Bis 2013 war er Leiter des Buddenbrookhauses. Im Dezember 2019 erschien von ihm die Anthologie „Im Grunde wäre ich lieber Gedicht. Drei Jahrzehnte Poesie“ im Carl Hanser Verlag (gemeinsam mit Michael Krüger).

Heinrich Mann: Eugénie oder Die Bürgerzeit. Roman. Mit einem Nachwort von Holger Pils und einem Materialienanhang, zusammengestellt von Holger Pils und Michael Stark, Frankfurt/Main: FISCHER Taschenbuch, November 2019, 424 Seiten, Amazon.

Das Buch ist in den inhabergeführten Buchhandlungen BellingProsa, Buchfink, Arno Adler, Langenkamp, maKULaTUR und Buchstabe erhältlich.

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Manfred Eickhölter
Manfred Eickhölter
Dr. Manfred Eickhölter ist Chefredakteur der Lübeckischen Blätter, Kulturwissenschaftler und Journalist. Er beschäftigt sich u. a. mit der Stadtentwicklung Lübecks und der Familie Mann.
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