Max II., König von Bayern

Bayern (König Max II.) beruft Lübeck (Emanuel Geibel)
Der Dichter geht mit dem König

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Im Dezember 1851 erreichte ein königliches Schreiben aus München Lübecks ersten Autor von nationaler Bedeutung.

Gut zwei Wochen später, am 9. Januar, antwortete Emanuel Geibel, bescheiden – aber selbstbewusst, König Max II.: Gerne würde er kommen, auch zu dem angebotenen Jahreshonorar, aber er müsse bitten, dass man ihm eine Honorarprofessur zubillige, denn einen Ehrensold als Dichter empfange er bereits vom preußischen König. Um diesen nicht zu verschnupfen, müsse eine Übersiedlung nach München anders begründet sein. Die Antwort aus München ließ nicht lange auf sich warten: Der Wunsch des Dichters könne erfüllt werden. Mit der Honorarprofessur in der erbetenen Fächerkombination Ästhetik und Metrik seien keine Vorlesungsverpflichtungen verbunden. Ständig aufhalten müsse der Dichter sich in München während der Wintermonate, wenn auch der König am Ort sei.

Am 5. Dezember 1852, vor gut 165 Jahren, trat Geibel seinen Dienst beim König an. Die literarische Gesellschaft „Die Zwanglosen“ bereitete ihm einen triumphalen, aber durchaus gewürzten Empfang. Wenige Tage später hielt der Dichter aus Lübeck, das „Nordlicht“, seine Antrittsvorlesung in der Münchner Universität. Der Lyriker war der erste Poet, den König Max berief, und es geschah auf ausdrücklichen Wunsch des Monarchen, so hält es dessen wichtigster Berater in dieser Zeit, Wilhelm Doenniges, in seinem Notizbuch fest. Wichtiger aber als Honorar und Professur wurde für Geibel, dass zwischen ihm und dem König, wie sich rasch herausstellte, die Chemie stimmte. Max wollte Geibel so oft als möglich um sich haben. War Geibel einmal verhindert (seit 1847 bereits bremste ihn eine schleichende Krankheit zunehmend), so ließ der König auch schon mal eine Vergnügungstour absagen.

Geibel im Münchner Dichterkreis, Im Krokodil, Die Gartenlaube, Jg. 1866, Bl. 533Geibel im Münchner Dichterkreis, Im Krokodil, Die Gartenlaube, Jg. 1866, Bl. 533

Ab 1854 lud Max dann regelmäßig montags zu „Abendunterhaltungen“ ausdrücklich „privater Natur“ ein. In den späteren Erinnerungen der Eingeweihten herrschte Uneinigkeit, ob Geibel, der nicht fehlen durfte und dieses auch nicht wollte, zur Rechten oder zur Linken des Königs saß. Auf der anderen Seite jedenfalls, das ist gesichert, saß immer der Chemiker Justus Liebig, ein vom König frisch eingekaufter Star aus dem Bereich der Naturwissenschaften. Geibel nutzte seine Chance, um in München Literaturpolitik zu betreiben. Seine Vorschläge für Berufungen und Förderungen in den Jahren bis zum plötzlichen Tod des Königs 1864 stießen auf offene Ohren und wurden − nicht immer, aber mehrfach – zu nachhaltigen Erfolgen für Bayern, für München und für mehr als einen der Autoren selbst.

Wissens- und Forschungsstand

Warum aber wollte König Max unbedingt Emanuel Geibel in München haben und warum passten die beiden, der König und sein Dichter, so gut zueinander? Dass solche gezielten Fragen überhaupt gestellt werden können, ist zum einen darin begründet, dass sich die bayerische Landesgeschichte seit Jahrzehnten der Wissenschafts- und Literaturpolitik des Königs zuwendet. Es gibt eine reiche, frei zugängliche Quellenlage, erschlossen durch Dissertations- und Habilitationsarbeiten, Ausstellungs- und Publikationsprojekte. Zum anderen aber gibt es das literarische Werk Geibels, einen erheblichen Teil seines umfangreichen Briefwechsels, sodann die zu Lebzeiten erschienene große Biografie von Karl Goedeke und die Lebenserinnerungen der literarischen Mitstreiter, Freunde und Gefährten der Münchner Zeit. Allerdings, und das macht die Beschäftigung mit Geibel gleichermaßen spannend und gefährlich, seit mehr als einem Jahrhundert gibt es keine philologisch fundierte Biografie dieses eminent ästhetisch und politisch reflektierten Dichters.

München, Maximilianstraße um 1890München, Maximilianstraße um 1890

König Maximilian II und die Revolution 1848

Als Max 1848 überraschend König von Bayern wurde, stand die Wittelsbacher Monarchie auf schwankendem Boden. Als Konsequenz einer Staatskrise, die das Vertrauen tragender Gesellschaftsschichten stark erschütterte, war König Ludwig I (1786-1868) zurückgetreten. Proletarische Aufstände in Franken wurden unter Hinzuziehung preußischen Militärs niedergeschlagen. Bayern bekam eine liberale Konstitution. Zu dieser bekannte sich Max anfänglich auch öffentlich, aber bereits ab 1849 war er bemüht, diese „reaktionär“ zu unterlaufen, um seinen Gestaltungsspielraum beizubehalten oder zu erweitern. Der relativ junge König, er war beim Amtsantritt keine 40 Jahre alt, hatte in Göttingen Geschichte studiert und wäre, nach heutigem Fächerverständnis, selbst gerne Kulturwissenschaftler geworden. Ihn interessierten Universal- und Landesgeschichte, Volkskunde, Naturwissenschaften und schöne Literatur.

Max Idealvorstellung eines modernen Monarchen zielte auf einen gut informierten, abwägenden Herrschaftsstil. In manchen Fällen ließ er sich viel, allzu viel Zeit (wie seine damaligen Kritiker und die heutige Forschung moniert) bei notwendigen Entscheidungen, und er geriet in den Ruf, ein Zögerer zu sein, ein Zauderer, unsicher, die Entwicklung hemmend. Und nicht wenige Zeitgenossen wähnten ihn abhängig von seinen vielen Beratern. Der persönlich wichtigste Lehrer des jungen Kronprinzen Max war der Philosoph Friedrich Wilhelm gewesen. Von ihm erhielt er die Leitvorstellung, ein König sei keine Partei, sondern eine über den Interessen stehende (von Gott allein legitimierte) Persönlichkeit.

Max II., König von BayernMax II., König von BayernIm Zeitalter immer populärer werdenden wissenschaftlichen Denkens setzte Max auf Diskurs, auf kontroverse Beratung, liebte offene, scharfe Urteile, um letztendlich allerdings allein zu entscheiden. Max, der sein Land nach preußischem Vorbild u. a. durch gezielte Wissenschaftsförderung modernisieren wollte, um eine Allianz der mittelgroßen Staaten in Deutschland unter Führung Bayerns gegen die Vormachtstellung Österreichs und Preußens zu erreichen, sah sich in Bayern umstellt von mächtigen Einflussgruppen: die gemäßigten und orthodoxen (ultramontanen) Katholiken, den altbayerischen Adel, die bayerischen „Nationalisten“ und eine geschickt mit ihren Einschränkungen hantierende freie Presse.

Die private Schatulle

Im Bereich der Naturwissenschaftsförderung konnte Max teilweise auf Entscheidungen seines Vaters aufbauen, neu war sein Wunsch, Geschichtswissenschaften und die schöne Literatur, Poesie und Theater in München nachhaltig zu etablieren. Man hat errechnet, dass Max über einen jährlichen Mittelfundus von ca. 2,5 Millionen Gulden frei verfügen konnte, seine „Privat“-Schatulle. Aus ihr zweigte er in den Jahren bis 1864 durchschnittlich 40.000 Gulden ab für die von ihm angestrebte Kulturförderung. (Den Löwenanteil davon erhielt die von ihm initiierte „Historische Kommission“.) Die Mittel, die er in den Haushalt einstellen ließ, waren deutlich höher, ca. 50.000 Gulden jährlich. Da er sparsam wirtschaftete, trug das Eingesparte Zinsen ein, so blieben Reserven für besondere Vorhaben. Von ihm berufene Historiker und Künstler erhielten durchschnittlich 1.400 Gulden im Jahr (Geibels Honorar wurde 1854 angeglichen).

Der entschiedene König

Im Bereich Geschichts- und Literaturförderung war Max alles andere als zögerlich, er wusste, was und wen er wollte, er entschied zügig und – zum Missfallen seiner Kritiker – hielt an Personalentscheidungen, die bei den Interessengruppierungen im Lande auf erregten Widerstand stießen, hartnäckig und eisern fest. Das betraf nicht Geibel, wohl aber beispielsweise den Historiker Heinrich von Sybel. Spektakulär war auch die Berufung des „48ers“ Franz von Dingelstedt zum Direktor des Hoftheaters 1851. Der Mann, ein guter, gleichaltriger Bekannter Geibels, bescherte München qualitativ hochwertige Inszenierungen von Stücken, in denen der Geist der bei den „Ultramontanen“ wenig geschätzten Aufklärung (Lessing, Nathan!) und der Weimarer Klassik (Goethe, Schiller) gut pointiert über die Rampe kam. Max hielt Dingelstedt im Amt, solange es die Flut immer neuer Intrigen gegen den Intendanten aus Kurhessen zuließ.

Literaturförderung

Friedrich BodenstedtFriedrich BodenstedtAuch im Feld der Poesie im engeren Sinne war Max schnell und sicher beim Entscheiden. Nachdem Maßnahmen zur Stabilisierung der Monarchie die ersten Regierungsjahre bestimmt hatten, setzte eine kleine Berufungswelle ein. 1852 holte Max Geibel, dieser überzeugte Max 1854, Paul Heyse, jung an Jahren aber noch ohne literarische Meriten, aus Berlin anzuwerben. Und ein Jahr später holte Max gegen Geibels dringenden Rat Friedrich Bodenstedt nach München. Bodenstedt, gebürtig aus Peine, der in Russland gelebt hatte, war sehr populär wegen des 1851 erschienenen Buches „Die Lieder des Mirza Schaffy“. (Es steht zu lesen, der König habe zustimmend geschmunzelt, wenn sich die beiden Rivalen in seiner Gegenwart mit heftigen Wortausfällen zankten.) Diese drei, die einzig fest Etablierten, lösten in Verbindung mit geschickten königlichen Werbeaktionen eine kräftige Sogwirkung aus. (Die Liste der Autoren, die sich ab 1856 in dem von Heyse begründeten Literaturkreis „Die Krokodile“ regelmäßig zu poetologischen Gesprächen trafen, umfasst mehrere Dutzend Namen.). Innerhalb weniger Jahre kam eine Vielzahl junger und auch bereits namhafter Autoren an die Isar. Was in der Presse zunächst als „Kleindichterbewahranstalt“ verspottet wurde, entwickelte sich zur „Münchner Dichterschule“.

Das politische Kalkül des Königs

Der Literaturwissenschaftler Karl-Heinz Fallbacher hat sich auf die Suche nach dem politischen Kalkül von König Max begeben. In Gesprächen mit seinem Berater Wilhelm Doenniges habe dieser ihm verdeutlicht, der König benötige zur Stabilisierung seiner Herrschaft einen wirtschaftlich und sozial befriedigten bürgerlichen Mittelstand. Und bei diesem ständen die Exponenten der kreativen Intelligenz, insbesondere die Literaten, hoch im Kurs, ihr Wort habe Gewicht. Doenniges soll dem König weiterhin geraten haben, die altständische Tradition der adeligen Exklusivität, vermittelt durch die Hofetikette, abzulegen. Der „König“ solle sich nicht über sein „Volk“ erheben. (Man muss hier daran erinnern, dass Max in seiner Münchner Residenz die „Abendunterhaltungen“ als eine Atmosphäre ungezwungener Privatheit inszenierte.)

Warum wollte Max den Geibel?

Emanuel Geibel, 1851Emanuel Geibel, 1851Warum aber fiel König Max erste Wahl bei den Dichtern auf Emanuel Geibel? Max war, wie sein Vater auch schon, im literarischen Feld gut bewandert. Natürlich genoss Geibel um 1850 den Ruf hoher Monarchie treuer Loyalität, denn er hatte sich bereits etliche Jahre vor der Revolution von 1848 gegen jede Form des Umsturzes positioniert. Wichtig für den bayerischen König war noch etwas anderes bei seiner Wahl: Geibel hatte 1840 in seinem ersten Gedichtband über seine Griechenland-Erfahrungen geschrieben. Seine Briefe an die Eltern aus dieser Zeit belegen, wie wach und kritisch er das Land beim Neuaufbau nach den Befreiungskriegen wahrnahm. Und Geibel hatte sich in seinen Gedichten dieser frühen Periode als Nachfolger des radikal-klassizistischen Dichters Graf August von Platen zu erkennen gegeben. Der in Italien lebende Platen wurde vom bayerischen König Ludwig I. unterstützt.

München war seit etwa 1820 ein Zentrum des „Philhellenismus“ (der Liebe zur Antike und zum Freiheitskampf der Griechen). Namhafte Persönlichkeiten und der Königshof unterstützten den Unabhängigkeitskrieg der Griechen gegen die Türken. Geibel versäumte nicht, auf dem Weg nach Griechenland im März 1838 in München bei dem Altphilologen Friedrich von Thiersch Station zu machen. Nachdem er dann während seiner Tätigkeit als Hauslehrer zwischen 1838 und 1840 in Athen die politischen, sozialen und kulturellen Zustände Griechenlands eingehend verinnerlicht hatte, war seine wichtigste berufliche und politische Entscheidung gefallen: Geibel wollte zurückkehren und den Freiheits- bzw. Unabhängigkeitsimpuls der Griechen auf die spezifisch deutsche Situation übertragen – als Poet.

Emanuel Geibel, ein deutscher Dichter aus Lübeck

Wovon Max im Vorwege nichts wissen konnte, das waren die persönlichen Besonderheiten Geibels, seine sozialen und ethischen Mitgiften. Zum Erstaunen seiner Kollegen und Freunde in München zeigte Geibel sich frei im Umgang mit Adeligen und Geistlichen. Er lebte wie selbstverständlich den Habitus eines Bürgers der freien Reichsstadt Lübeck, der Umgang mit Adeligen auf Augenhöhe war für Lübecker Bürger der Führungsgruppe und Stadtelite selbstverständlich. Geibel gab sich in München weder unterwürfig noch aufbrausend, ihm fehlten alle Anzeichen bürgerlicher Minderwertigkeitsgefühle im Verkehr mit „Nobilitäten“.

Johannes Geibel, porträtiert von F. C. GrögerJohannes Geibel, porträtiert von F. C. GrögerStaunen erregte auch Geibels gelassener Umgang mit Geistlichen, insbesondere mit den beflissen papsttreuen „Ultramontanen“. Geibel war der Sohn eines überaus erfolgreichen und anerkannten Predigers der reformierten Gemeinde in Lübeck, Johannes Geibel, Mitglied einer angesehenen Loge und Vertreter der geistlichen Aufklärung in der Nachfolge Otto Friedrich Butendachs. In Geibels hoch literarischem Elternhaus wurde es zur zweiten Natur, Christsein als Aufgabe der Vermittlung zwischen den Konfessionen und gegenüber Nichtgläubigen im Sinne der Toleranz vorbildhaft zu leben.

Was aber machte Maximilian für Geibel, auch die beiden waren fast gleichaltrig, zum „hochverehrten König“? Man gestatte einen kleinen Umweg. Immer wieder finden sich Äußerungen, Geibel habe sich selbst als unpolitischen Dichter betrachtet oder dargestellt. Richtig an dieser Zuschreibung ist zunächst, dass er sich von den „politischen“ Poeten abgrenzen musste. In diesem Sinne stand das Schlagwort der Zeit für „Rebellion“, „Umsturz“, „Französische Revolution“. Nichtsdestotrotz war Geibel auch ein politisch hoch reflektierter Autor. Wie aber war das nun konkret in München?

Lyrik und Politik

Geibel hatte dem König gegenüber von Anfang an klargemacht, dass er politisch ausschließlich die „kleindeutsche“ Lösung der deutschen Einheitsfrage unterstütze, das hieß: ein geeintes Deutsches Reich unter Führung Preußens unter Ausschluss Österreichs. Und er bat den König, sich in München politisch nicht äußern zu müssen. Dabei ist es zu Lebzeiten von Max geblieben. Geibel hat in mehreren seiner Gedichte festgehalten, dass er sich gegen jede Form der gewaltsamen Veränderung bestehender Herrschaftsverhältnisse wende, weil er um jeden Preis Bürgerkriege, wie sie England und Frankreich durchlitten hatten, für Deutschland ausschließen wollte. Er war überzeugt, ein Bürgerkrieg würde das Eingreifen der Großmächte England, Frankreich und Russland nach sich ziehen. Geibels oberstes Ziel war die politische Einheit Deutschlands, um frei und unabhängig gegenüber den Großmächten zu werden. Geibels erster Biograf Karl Goedeke hat auch festgehalten, Geibel habe in Diskussionen über die Krisenzeiten der 1840er Jahre immer erneut Lübeck als Beispiel für erfolgreiche Sozialpolitik ins Gespräch gebracht. Politisch und wirtschaftlich notwendige Veränderungen, um soziale Schieflagen zu vermeiden, seien dort immer wieder korrigiert worden, ohne das Herrschaftsgefüge anders als evolutionär zu verändern.

Der Dichter bestärkt den König

Paul HeysePaul HeyseKönig Max wollte nach dem Urteil des bereits erwähnten Karl-Heinz Fallbacher die Entwicklung zu einer konstitutionellen Monarchie vermeiden, sein Ziel war es ihm zufolge, das Ideal eines „Bürgerkönigs“ zu verwirklichen. Geibel unterstützte somit ein Experiment, das, rückblickend betrachtet, gewaltsam beendet wurde durch den plötzlichen Tod des Königs 1864. Zu diesem Zeitpunkt hatte Geibel zur Erfüllung seines Teiles des Kontraktes zwischen „König“ und „Dichter“ schon einiges geleistet. Gar nicht überheblich gegenüber der Leistungsfähigkeit und den Leistungen seines Gastlandes, ein Vorwurf, den sich die meisten der berufenen Nordlichter zu Recht gefallen lassen mussten, war er vermittelnd tätig geworden und hat in das 1862 von ihm herausgegebene „Münchner Dichterbuch“ auch junge bayerische Talente aufgenommen. (Allerdings, und da war er sich mit Paul Heyse einig, mussten die jungen Gewächse nach Maßgabe guten Kunsthandwerks gepflegt und gepfropft werden.)

War die Literaturförderung erfolgreich?

Nach dem Tod des Königs hielt es den „Dichterfürsten“ aus Lübeck noch vier Jahre am Ort, er bestärkte den unsicher ob seines weiteren Verbleibens gewordenen Paul Heyse, München nicht wieder zu verlassen. Der Mann wuchs an im Bayerland, gedieh und erblühte als erster literarischer Nobelpreisträger Deutschlands im Jahre 1910 − als Novellist, nicht als Lyriker. In der Historikerzunft Bayerns ist man sich nicht einig, ob der Import von Nordlichtern im 19. Jahrhundert der Landesentwicklung überhaupt nutzte. Stark umstritten sind heute die Entscheidungen des Königs Max II. im Feld der Geschichtswissenschaft. Wie aber steht es um die Literatur?

Aufbahrung König Max II.Aufbahrung König Max II.Nach meinem vorläufigen Urteil hat König Maximilian mit seiner Entscheidung, die stärksten lyrischen Stimmen der Zeit, Geibel und Bodenstedt, nach München zu holen, eine Veränderung der literarischen Landeskultur mit befördert. Er konnte nicht damit rechnen, dass Geibels Lust auf poetologische Debatten und die möglicherweise lukrative Königsnähe immer mehr Poeten anlocken würde. Niemand konnte 1854 wissen, wie sich Paul Heyse entwickeln würde. Erst im Rückblick schrieb dann ein Chronist um 1900: „Jedermann kannte Geibel und Heyse, wer kannte schon G. Keller und Raabe?“

Dreißig Jahre nach Geibels und Bodenstedts Wegzug war aus München, über das Gottfried Keller 1840 urteilte: „das liederliche, sittenlose Nest/Voll Fanatismus, Grobheit, Kälbertreiber/Voll Heil‘genbilder, Knödel, Radiweiber“, ein Zentrum der deutschen Literatur geworden, in dem inzwischen überall in Deutschland geachtete regionale Autoren aus Bayern neben undurchschaubar elitären (Stefan George), unbequem aufrührerischen (Erich Mühsam), und entarteten Auswärtigen (Heinrich und Thomas Mann) koexistierten. Auch das also alles wieder „Nordlichter“ … Vielleicht ist dieser Zuzug, der bis heute ja anhält, manchem Bayer innerhalb und außerhalb Münchens noch immer nicht ganz geheuer.

Literatur
Emanuel Geibel, Gedichte. Alexander Dunker, Berlin 1840
Emil Ferdinand Fehling: Emanuel Geibels Jugendbriefe. Bonn – Berlin – Griechenland. Karl Curtius, Berlin 1909
Karl Goedeke: Emanuel Geibel. Erster Theil. J. G. Cotta'sche Buchhandlung, Stuttgart 1869
Karl Goedeke, Emanuel Geibel, in: Nord und Süd. Eine deutsche Monatsschrift. Hrsg. von Paul Lindau. Erster Band, 1877, S. 392–417
Erich Petzet (Hrsg.): Der Briefwechsel von Emanuel Geibel und Paul Heyse. J. F. Lehmanns Verlag, München 1922
Johannes Mahr (Hrsg.): Die Krokodile. Ein Münchner Dichterkreis, Reclam, Stuttgart 1987
Rainer A. Müller (Red.): König Maximilian II. von Bayern 1848–1864. Hrsg. vom Haus der Bayerischen Geschichte. Rosenheimer, Rosenheim 1988
Evamaria Brockhoff, „… ob Sie geneigt wären, nach Bayer und zwar nach München umzusiedeln …“. Maximilian II. und die Literatur, in Rainer A. Müller, König Max, a. a. O., S. 211–224
Hans-Michael Körner, Staat und Geschichte in Bayern im 19. Jahrhundert. Beck, München 1992
Karl-Heinz Fallbacher, Literarische Kultur in München zur Zeit Ludwigs I. und Maximilians II. Beck, München, 1992
Renate Werner: Und was er singt ist wie die Weltgeschichte. Über Emanuel Geibel und den Münchner Dichterkreis. In: Dichter und ihre Nation. Hrsg. v. Helmut Scheuer Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 1993, S. 273–289.
Achim Sing: Die Wissenschaftspolitik Maximilians II. von Bayern (1848–1864). Nordlichterstreit und gelehrtes Leben in München (= Ludovico Maximilianea. Band 17). Duncker & Humblot, Berlin 1996
Hans Rall; Die Symposien König Max II. von Bayern mit Ausführungen über die Symposien seit Platon; für die Veröffentlichung posthum ergänzend bearbeitet von Marga Rall; Im Auftrag des Sparkassenverbandes Bayern hrsg. v. Manfred Pix; München; Sparkassenverband Bayern, 2001

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