(c) Fotografie in der Altstadt

Aufwendige Ausstellung im Günter Grass-Haus
Mein Fußballjahrhundert

Günter Grass war ein leidenschaftlicher Fußballfan, der samstags regelmäßig die »Sportschau« sah und auch ins Stadion ging. Die Ausstellung "Mein Fußballjahrhundert" im Günter Grass-Haus geht über Grass jedoch weit hinaus, sie beleuchtet die historische und kulturelle Dimension des Fußballsports in Deutschland.

Grass hielt den „kleinen“ Vereinen wie dem SC Freiburg oder dem FC St. Pauli die Daumen. Auch in seinem Werk taucht der Fußballsport häufiger auf. Anlässlich der Europameisterschaft 2020 zeigt die Ausstellung des Günter Grass-Hauses und des Deutschen Fußballmuseums in Dortmund bis zum 30. September 2020 Arbeitspläne, Manuskriptfassungen, Gedichte als Wand- und Hörtexte, Aquarelle sowie zahlreiche Recherchematerialien zu den Werken von Günter Grass rund um die beliebte Sportart, beleuchtet aber auch die sozialen, politischen, wirtschaftlichen, historischen und kulturellen Dimensionen des Fußballsports in Deutschland. Zu den Highlights zählen wertvolle Leihgaben wie der Ball aus dem WM-Endspiel des „Wunders von Bern“ 1954 und das Originaltor des legendären Spiels zwischen Brasilien und Deutschland (1:7) bei der WM 2014.

Mittelpunkt der Ausstellung ist das Buch „Mein Jahrhundert“ aus dem Jahr 1999, in dem Grass sich in 99 Erzählungen an „sein“ 20. Jahrhundert erinnert. Die Schau ist in jene drei Kapitel, in denen er den Fußball thematisiert hat, unterteilt: die Jahre 1903, 1954 und 1974. Neben den Manuskripten und Geschichten als Audio- und Videolesungen sind darin Exponate zu sehen, die eine Rolle in den Texten von Grass spielen und zugleich für das jeweilige Kapitel der Fußballgeschichte stehen.

Aquarell aus dem Buch 'Mein Jahrhundert' von Günter GrassAquarell aus dem Buch 'Mein Jahrhundert' von Günter Grass

1903: Ausgestellt ist beispielsweise die Reproduktion einer Eintrittskarte vom ersten Endspiel um die Deutsche Fußballmeisterschaft, das Grass zum Anlass seines Kapitels nahm. Grass geht mit seinem Text zu den Anfängen des institutionalisierten Fußballsports zurück, der damals kurz nach der Gründung des DFB im Jahr 1900 noch in den Kinderschuhen steckte. Gezeigt wird zudem die Reproduktion eines Plakats, mit dem der DFB die Vereine dazu bringen wollte, wie von Grass angedeutet künftig deutsche Begriffe für das Fußballspiel zu verwenden. Des Weiteren sind Fußballschuhe des Spielers Fritz Szepan ausgestellt. Grass erwähnte Szepan, der in den 1930er und 1940er Jahren einer der besten Spieler in Deutschland war, in einer Art Ausblick am Textende und verwies damit auf den Anteil von Migranten an der deutschen Sportgeschichte.

1954: Der Text von Grass fokussiert im Wesentlichen zwei herausragende Spieler des WM-Finales von 1954: den deutschen Kapitän Fritz Walter und den ungarischen Star Ferenc Puskás. Da der Erzähler bei Grass rückblickend über die verpasste Gelegenheit lamentiert, diese beiden Stars gemeinsam zu vermarkten, sind in der Ausstellung die Hintergrundinformationen zu den Biografien der beiden Spieler zu finden. Gezeigt werden außerdem Beispiele für die damalige Vermarktung; von Werbepostkarten von Fritz Walter über eine Fritz-Walter Sektflasche bis hin zu Büchern, die Walter geschrieben hat.

Trikots links von Kreische (DDR) und rechts von Hoeneß (BRD), (c) Die Lübecker MuseenTrikots links von Kreische (DDR) und rechts von Hoeneß (BRD), (c) Die Lübecker Museen

1974: In diesem Kapitel verband Grass das WM-Spiel der BRD gegen die DDR mit der Guillaume-Affäre desselben Jahres. So wie Guillaume bei Grass in seiner Gefängniszelle, sehen die Besucher:innen hier einen Ausschnitt des WM-Spiels mit dem 1:0 Siegtreffer der DDR über die BRD. Außerdem werden zwei Trikots der damaligen Spieler Uli Hoeneß (BRD) und Hans-Jürgen Kreische (DDR) sowie die Schiedsrichterpfeife vom Endspiel der WM 1974, aus dem die BRD gegen die Niederlande als Weltmeister hervorging, gezeigt.

Darüber hinaus wird in der Ausstellung der Standpunkt von Günter Grass zur aktuelleren Fußballgeschichte herausgearbeitet: seine Parteinahme für die kleineren Vereine, die Underdogs, sowie seine Kritik an der Kommerzialisierung des Fußballsports. Durch seinen Zuspruch für den Frauenfußball wird auch dieser dargestellt, beispielsweise durch das Trikot der Nationalspielerin Nia Künzer, das diese beim Gold Goal zum ersten WM-Titel der Frauen im Jahr 2003 trug. Ein Highlight hier ist außerdem ein Teil des Kaffee-Services (Tasse, Untertasse und Teller), das die Nationalspielerinnen 1989 an Stelle einer Geldprämie für den ersten EM-Gewinn erhielten. Stellvertretend für die Diskriminierungsgeschichte des Frauenfußballsports ist außerdem ein Ausschnitt aus dem ZDF-Sportstudio mit Moderator Wim Thoelke zu sehen.

Mein Fußballjahrhundert
Ausstellung im Günter Grass-Haus
bis zum 30. September 2020
Öffnungszeiten täglich 10-17 Uhr
Weitere Infos: www.grass-haus.de

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