Der strahlende Doppel-Gewinner: Khadar Ayderus Ahmed, Foto: NFL/ Olaf Malzahn

Die Filmpreis-Gala der 63. Nordischen Filmtage Lübeck 2021
Lübecker Backsteine, Sirenen-Gesänge von den Faröer-Inseln und ein Siegerfilm aus Dschibuti

Holger KistenmacherVon

Endlich wurde der rote Teppich vor dem festlich beleuchteten Theater wieder ausgerollt und die Film-Szene, die politische und kulturelle Spitze der Stadt und die üblichen Verdächtigen des Festivals schritten unter 3-G-Bestimmungen zur Preisnacht des Festivals.

Groß war der Andrang auch vor den Kameras der Journalisten, wenn es galt, sich in schicker Robe bestens zu präsentieren. Nicht alle sind mittlerweile so routiniert wie unser Bürgermeister, der sich in spaßigen Posen mit der ewig jungen Siw Malmkwist präsentierte. Etwas unsicher agierte mit rotem Kopf unser neuer Bundestags-Abgeordneter Tim Klüssendorf, aber andererseits outete er sich als Festival-Liebhaber, dem besonders der Eröffnungsfilm gut gefallen habe. Ansonsten fast schon wie immer: Man trifft sich, umarmt sich und genießt ein Gläschen Sekt beim Plausch, bevor die Gala los geht.

Moderiert von Stephan Szász durften zunächst die Festivalmacher ihrer Freude Ausdruck verleihen, dass das Festival zufriedenstellend verlaufe, auch wenn die Müdigkeit so langsam durchschlägt, wie Susanne Kasimir betonte. „Diese hybriden Filmtage sind etwas ganz besonderes“. Bevor die Filmpreise verteilt wurden, bekam erstmal ein Journalisten-Kollege eine besondere Ehre in Form einer Marzipan-Torte: Der norwegische Filmjournalist war zum 50. Mal bei den Filmtagen dabei!

Der norwegische Filmjournalist war zum 50. Mal bei den Filmtagen dabei, Foto: Holger KistenmacherDer norwegische Filmjournalist war zum 50. Mal bei den Filmtagen dabei, Foto: Holger Kistenmacher

Dann folgten die kleinsten Film-Liebhaber: Die Kinderjury (Jon, Malte, Clara, Grete und Jette) fand den Film "Eva & Adam" von Caroline Cowan (Schweden) am besten. Der Preis der Jugendjury fiel an den Streifen "Ninjababy" von Yngvild Sve Flikke aus Norwegen, ein lustiger Mix aus Realfilm und Comic. Den Preis der Erwachsenen-Jury für den besten Kinder- oder Jugendfilm fiel an Nelly Rapp mit "Monsteragentin" in der Regie von Amanda Adolfsson, ebenfalls aus Schweden.

Musikalisch wurde der bunte Abend zunächst von einem Trio ohne Namen, das dann aber doch von Stephan Szász als "Bennie and the Boys" angekündigt wurde, bestimmt. Zwischendurch trällerte die ewig junge Siw Malmkwist (84) kurz ihren fast 60 Jahre alten Schlager „Liebeskummer lohnt sich nicht, mein Darling“, bevor sie als Laudatorin antreten musste. Der große musikalische Star war aber ohne Zweifel die Sängerin Eivor von der Faröer-Inseln, die gemeinsam mit ihrem Piano-Mann insgesamt vier hymnische Lieder von Liebe und Glück vortragen durfte. Ein elfengleicher Sirenen-Gesang, der den Saal begeisterte.

Sängerin Eivor von den Faröer-Inseln und ihr Piano-Man, Foto: Holger KistenmacherSängerin Eivor von den Faröer-Inseln und ihr Piano-Man, Foto: Holger Kistenmacher

Dann wurden weiter Filmpreise verteilt, dieses Jahr gestaltet in Form eines alten Lübecker Backsteins - schöne, passende Idee für ein Festival in der alten Hansestadt. Den Dokumentarfilm-Preis vom DGB erhielt der schwedische Film "Arica" vom Regie-Duo William Johansson Kamen und Lars Erdmann. Die 5.000 Euro gab es für den aktuellen Streifen, der sich mit den Folgen für die Bewohner einer Wüstenstadt in Chile (Arica) durch die Ablagerung von hochgiftigem Klärschlamm der schwedischen Firma Boliden dort auseinandersetzt.

Den Publikumspreis der LN ging an den Film "Margarete - Queen of the North" von Charlotte Sieling aus Dänemark, in der die neue Ehrenpreis-Gewinnerin Tryne Dyrholm die Titelrolle spielt. Das opulent ausgestattete Historien-Drama zeigt sie als mächtige Herrscherin Margarete die I. (1353 - 1412), die die Nordländer im Frieden von Kalmar vereinigte, um gegen die mächtige Hanse besser klar zu kommen. Der Preis wurde überraschenderweise von der charmanten Siw Malmkwist an den Schauspieler Morten Hee Andersen übergeben. Der Cinestar-Preis für den besten Kurzfilm ging an Maya Corners für ihren Film "The Dunes Said", der besonders Bild und Ton kreativ verbindet, wie die Jury festgestellt hatte.

Morton Hee Anderson und Siw Malmkwist, Foto: (c) NFL/ Olaf MalzahnMorton Hee Anderson und Siw Malmkwist, Foto: (c) NFL/ Olaf Malzahn

Weiter ging es mit den Spielfilmen. "The Blind Man Who Did Not Want To See Titanic", der von mir den Preis für den besten Film-Titel bekommen hätte, erhielt nicht nur eine lobende Erwähnung (Kirchlicher Filmpreis), sondern auch die 5.000 Euro und den Preis der Baltischen Film-Institute. Der finnische Regisseur Teemu Nikki erzählt voller Empathie von dem blinden Sakko, der jeden Tag mit seiner ebenfalls schwer behinderten Freundin Sirpa telefoniert, die er aber noch nie gesehen hat. Als diese aber schwer erkrankt, macht sich Sakko auf den Weg.

Wie schnell man seine Rolle als Torwart der Fußball-National-Mannschaft von Island zum Preisträger der Filmtage verändern kann, erlebte dann der völlig überraschte Regie-Neuling Hannes Por Halldorsson, der mit seinem Debüt-Film "Cop Secret" nicht nur den Preis für das beste Spielfilmdebüt erhielt, sondern auch noch das Festival in Lübeck eröffnen durfte. Nicht nur der Streifen ist rasant und dynamisch, sondern auch seine Karriere als Filmemacher scheint einen ähnlichen Weg zu gehen.

Bester Debüt-Film für Fußballer und Regisseur Hannes Por Halldorsson, Foto: Holger KistenmacherBester Debüt-Film für Fußballer und Regisseur Hannes Por Halldorsson, Foto: Holger Kistenmacher

Dann kam aber der große Auftritt für den somalisch-stämmigen Regisseur Khadar Ayderus Ahmed, der aber bereits seit seinem 16. Lebensjahr in Finnland lebt. Gleich zweimal durfte er den Backstein-Preis für seinen wunderbaren Liebesfilm voller Schönheit und Drama „The Gravedigger´s Wife“ entgegennehmen. Er gewann nicht nur den NDR-Spielfilmpreis (12.500 Euro), sondern auch noch den Kirchen-Filmpreis (5.000 Euro). Mit dem Film, der in Dschibuti hauptsächlich mit Laien von der Straße gedreht wurde, wollte er ein anderes Bild Afrikas zeigen.

Die sehr persönliche Geschichte soll den Ungehörten eine Stimme geben und die Unsichtbaren sichtbar machen, wie es die NDR-Jury in ihrer Begründung sagte. Der Totengräber Gelud ist hoffnungsvoll überfordert, die 5.000 Dollar aufzubringen, um seiner geliebten Frau die überlebensnotwendige Nieren-Operation zu ermöglichen. In ruhigen Bildern mit authentischen Darstellern wird der Kampf des Hauptdarstellers und seines Sohnes um das Leben der geliebten Frau und Mutter dramatisch in Szene gesetzt - wunderschön und traurig.

Es folgte das übliche große Gedrängel um Häppchen und Getränke, geschmeidiges Geplauder und viel Fachsimpeleien bis spät in die Nacht. Auf ein Wiedersehen im nächsten Jahr freut sich schon jetzt Holger Kistenmacher.

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Fotos: (c) Holger Kistenmacher

Holger Kistenmacher
Holger Kistenmacher
Jahrgang 1956, freischaffender Journalist seit gut 25 Jahren, studierter Realschullehrer, praktizierender psychosozialer Betreuer, ambitionierter Fotograf und Kulturschreiber mit den Fachgebieten: Moderne Gegenwartskunst, Literatur, Musik zwischen Jazz und Rock, Nordische Filme, Moderner Tanz. Weltenbummler und Reisejournalist.
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