Filmszene aus 'Lamb', (c) Go to Sheep

63. Nordische Filmtage Lübeck
Meine Spielfilm-Tipps

Holger KistenmacherVon

Im Spielfilm-Wettbewerb der 63. Nordischen Filmtage sind dieses Jahr insgesamt 14 Streifen im Rennen. Einige davon konnte ich bereits sichten. Hier möchte ich meine Favoriten vorstellen.

Aus dem unglaublichen Filmland Island, das trotz einer nur 330.000 großen Einwohnerzahl eine äußerst lebendige Filmproduktion aufzuweisen hat, kam nicht nur der Eröffnungsfilm, der rasante und urkomische „Cop Secret“, sondern auch der wunderbare Film „Lamb“.

Wie üblich spielen die Naturschönheiten, das bescheidene düstere Wetter und wortkarge Protagonisten die Hauptrolle. Alles beginnt mit bedrohlich anschwellender Musik, während das Schafzüchter-Paar Maria und Ingvar (Noomi Rapace - der schwedische Schauspielstar in einer weiteren großartigen Performance) seinen Schafen bei der Geburt der Lämmer hilft. Sie leben in einer sehr abgelegenen Gegend und haben die gemeinsame Tochter Ada verloren.

Ein neugeborenes Lamm ist dabei ganz besonders und wird von den beiden an Kindesstatt angenommen. Es schläft mit den Eltern gemeinsam im Schlafzimmer in seinem Kinderbett und wird mit der Flasche aufgezogen. Aber irgendwas stimmt nicht, wie sich erst viel später herausstellt, was ich hier mal nicht spoilern will. Im Film von Valdimar Johannsson trifft subtiler Horror auf typisch nordische Mythologie und Fabelwesen. Unbedingt sehenswert.

Ein weiterer Horrorfilm, ebenfalls mit Kindern kommt mit „The Innocents - die Unschuldigen“ aus Norwegen. In der Regie von Eskil Vogt spielen die Kinder aus einer Hochhaussiedlung eine dunkle und geheimnisvolle Rolle. Sie entdecken an sich ungeahnte Kräfte, die nicht unbedingt zum Guten eingesetzt werden. Auffällig ist, dass es sich bei den Kindern um Außenseiter wie eine Autistin oder Migranten-Kindern handelt. Was anfänglich noch spielerisch daherkommt, entwickelt sich zu einer brutalen Gewaltspirale, die kaum zu stoppen scheint. Wer schon immer etwas gegen Kinder hatte, dürfte hier seinen fantasierten Kinder-Hass, zumindest in der Film-Welt mal so richtig böse ausleben. Nix für schwache Nerven und Katzen-Liebhaber.

Filmszene aus 'The Innocents', (c) Christian BreidlidFilmszene aus 'The Innocents', (c) Christian Breidlid

Der großartige norwegische Filmemacher Bent Hamer, der schon mit diversen erfolgreichen Filmen bei den Filmtagen vertreten war, ist dieses Jahr mit einer teilweise lustigen Tragödie am Start. Der Film „The Middle Man“ spielt in einer heruntergekommenen, kaputten Kleinstadt im Mittleren Westen der USA, in Karmack. Der Langzeit-Arbeitslose Frank Farrelli, grandios mit reglosem Gesicht von Pal Sverre Hagen gespielt, bekommt den neuen Job des Middle Man.

Seine Aufgabe besteht darin, Menschen schlechte Nachrichten, wie Unfall-Todesfälle zu überbringen. Eine Reihe von Sterbefällen hält den Unheilsboten ziemlich auf Trab, obwohl er sich doch gerade neu verliebt hat und den Absprung aus dem gemeinsamen Haus mit seiner Mutter probt. Aber ein Unglück kommt selten allein, und Frank fragt sich nicht ganz zu Unrecht, ob er etwas mit dieser seltsamen Ketten-Reaktion zu tun hat. Ein Film so lakonisch und düster, aber trotzdem mit Witz, großartigen Bildern und wunderbarer Western-Musik, wie der gemeine Filmtage-Freund seine skandinavischen Filme liebt.

Filmszene aus 'The Middle Man', (c) John Christian RosenlundFilmszene aus 'The Middle Man', (c) John Christian Rosenlund

Wer schon immer wissen wollte, wie seine heimlich geschauten Porno-Filme eigentlich entstehen, sollte sich den schwedischen Debüt-Film „Pleasure“ von Ninja Thyberg, die dafür über sechs Jahre in der Porno-Hochburg Los Angeles recherchierte, anschauen. Die Neunzehnjährige Hauptdarstellerin „Bella Cherry“ (großartig von der völlig unerfahrenen Sofia Kappel, die eher zufällig am Casting teilnahm, gespielt) reist in die USA, um der nächste große Porno-Star zu werden. Bei der Passkontrolle wird sie gefragt, ob sie geschäftlich oder zum Vergnügen (engl. Pleasure) einreist. Sie antwortet natürlich mit Pleasure, weil ihr Sex eigentlich Spaß macht.

Doch der wird ihr in der hammerharten, derben und abgewichsten Geschäftswelt der sexuellen Lust schnell ausgetrieben. Ausbeutung, Missbrauch bis hin zu Gewalt und Vergewaltigung gehören zu den Geschäftsbedingungen. Die Fürsorge der Produzenten und Regisseure für ihre Darstellerinnen ist wie alles andere in diesem miesen Gewerbe natürlich nur gestellt und bedeutet für die Frauen körperliche und psychische Misshandlungen am Set.

Filmszene aus 'Pleasure', (c) XenixFilmszene aus 'Pleasure', (c) Xenix

Dabei lässt die Regisseurin Thyberg nichts aus, von Fessel-Sex über Gruppen-Orgien bis hin zu Gewalt-Fantasien reicht die Palette der dargestellten Arbeiten. Die expliziten Szenen wurden dabei von professionellen Porno-Darstellern gespielt. So spielt der reale Porno-Agent Mark Spiegler, ein hässlicher, fetter, zynischer Kerl, der sich gerne mit halbnackten jungen Frauen umgibt, sich selbst. Mit Glamour, Show und erotischer Lust hat die ganze Nummer überhaupt nichts zu tun. Wer denkt, hier kommt er als Voyeur auf seine Kosten, liegt falsch, sollte sich den Film aber trotzdem als eine Art Abschreckung ansehen. Nicht unbedingt für zartbesaitete Besucher/innen geeignet.

Holger Kistenmacher
Holger Kistenmacher
Jahrgang 1956, freischaffender Journalist seit gut 25 Jahren, studierter Realschullehrer, praktizierender psychosozialer Betreuer, ambitionierter Fotograf und Kulturschreiber mit den Fachgebieten: Moderne Gegenwartskunst, Literatur, Musik zwischen Jazz und Rock, Nordische Filme, Moderner Tanz. Weltenbummler und Reisejournalist.
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