Filmstill: (c) Warner Bros.

Filmhaus Lübeck
"Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke" - Eine Tragikomödie als gelungener Spagat zwischen Ernst und Komik

Die zweite Verfilmung von Joachim Meyerhoffs mittlerweile sechsteiliger autobiografischer Romanvorlage wurde von Simon Verhoeven erarbeitet und orientiert sich an dem dritten Teil des Romanzyklus von Meyerhoff aus dem Jahre 2015.

Nachdem Sonja Heiss bereits die Kindheitsgeschichte von Klein Joachim in der Schleswiger Psychiatrie voller Humor und skurriler Szenerie erfolgreich in die deutschen Kinos gebracht hatte, (sowohl Roman als auch Film wurden von mir hier jeweils rezensiert), jetzt also Teil zwei aus dem Leben des berühmten Autors und Berserker-Schauspielers. Der neue Film erzählt, wie Meyerhoff nach dem tragischen Tod seines Bruders durch einen Autounfall seine Zelte in Schleswig-Holstein abbricht, um in München eine Schauspiel-Ausbildung zu beginnen. Da macht es sich gut, dass dort seine geliebten Großeltern (Senta Berger als alte Filmdiva und Michael Wittenborn als kluger und etwas verschrobener ehemaliger Philosoph) eine großzügige Villa besitzen. Also bezieht der angehende Schauspielschüler das rosafarbene Mädchenzimmer und wird Teil des ritualisierten, exzentrischen Alltags der beiden schrägen Alten.

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Deren Tag beginnt jeden Morgen mit dem gemeinsamen Gurgeln einer hoch alkoholischen Mundlösung, die nicht ausgespuckt, sondern geschluckt wird. Es folgt Champagner zur Belebung zum Frühstück sowie diverse andere Alkoholika wie Rotwein und Whiskey im Laufe des Tages zu den Mahlzeiten oder beim abendlichen Liegen auf dem Teppich unter Abspielung von klassischer Musik. Ein gepflegter Alkoholkonsum, bei dem Joachim nicht mithalten kann. Verhoeven nutzt diese feuchtfröhlichen Alkoholexzesse durch kleine Kameratricks, wenn zum Beispiel beim Knall des Champagner-Korken die Kamera kurz auf die Zimmerdecke zielt, wo unzählige Korken seit Jahren täglich eingeschlagen sind.

Joachim (wunderbar vom Jung-Darsteller Bruno Alexander gespielt - in seiner ersten wirklichen Hauptrolle) versucht derweil das kaum mögliche, nämlich als einer von etwa 1.000 Bewerbern an der renommierten Otto-Falkenberg-Schule angenommen zu werden. Obwohl offensichtlich scheu und introvertiert, gelingt ihm die Aufnahme in den erlauchten Kreis, denn er ist eher der Beobachter, als jemand, der sich lustvoll in Posen schmeißt und exaltiert agiert. Natürlich eckt er damit bei seinen Lehrer*innen, die allesamt hochgradig mit der deutschen Schauspielergarde besetzt ist (Karoline Herfurth, Tom Schilling, Anne Ratte-Polle, Friedrich von Thun, Johann von Bülow, etc,). Mal sollen er und seine Mitschüler eine kochende Spaghetti darstellen oder per Riesen-Gummi-Dildo einen Baum penetrieren. Und Joachim verweigert sich und steht kurz vor dem Rauswurf aus der Schule.

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Dabei gelingt es Regisseur Verhoeven immer wieder, den Spagat zwischen Tragik und Komik ohne gänzlich ins Alberne zu verfallen, aufrecht zu erhalten. Wie lächelt man eigentlich nur mit den Brustwarzen? Das ist nicht nur ungeheuer komisch anzuschauen, sondern angesichts der zunehmenden Verzweiflung des bemühten Protagonisten auch ziemlich bitter. Trotzdem jongliert Verhoeven leichtgängig und sicher zwischen humorvollen und tragischen Szenen. Wie Joachim von seiner Umwelt als genauer Beobachter beschrieben wird, besticht auch Verhoeven durch seine Beobachtungsgabe.

Humor erzeugt er durch den genauen Blick auf die teils skurrilen Gewohnheiten der Großeltern ebenso wie durch die unterschiedlichen Schauspiel-Schüler*innen und -Lehrer*innen oder das Schwärmen Joachims für eine Mitschülerin. Dabei bleibt seine Filmarbeit immer liebevoll, selbst wenn die Unbeholfenheit und Verkrampftheit von Joachim beim Schauspielunterricht so manchen Witz über ihn erlauben würde. Aber der Regisseur trifft meist den richtigen Ton zwischen witzig und berührend, vor allem als Joachim endlich etwas lockerer wird, trotz der geforderten Absurditäten der Ausbildung. Neben diesen schrägen Szenen aus der Schauspielausbildung kontrastiert der Film aber auch die tragischen Momente durch das Altern der Großeltern und den Verschlechterungen in deren Gesundheit.

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Verhoeven gelingt auch hier ganz wunderbar mit Bildern von Spaziergängen durch den Park von Schloss Nymphenburg, den Lauf der Zeit darzustellen. Von Joachims Kindheit mit den geliebten Großeltern bis zum schleppenden Gang mit Rollator. Während Joachim aufblüht und selbstbewußter wird, zeichnet sich am Horizont bereits der Tod der Alten an. So wandelt sich der Film auch im Laufe der Zeit von der Familienkomödie über das Theaterdrama zur Coming-of-Age-Story, getragen von einem großartigen Schauspiel-Ensemble, das bis in die kleinsten Nebenrollen hochgradig besetzt ist. Hinzu kommen ganz wunderbare und Detail-treue Interieurs, schrullige Dialoge und eine sorgfältige Ausstattung von VW-Käfer bis gelber Telefonzelle, um nostalgisch die Zeit um 1990 zum Leben zu erwecken.

Ein rundum toller Film, der genau wie der erste Film die Kinokassen klingeln lassen wird - mit Recht! Es sind besonders Sätze wie „Alt werden, das ist die größte Zumutung von allen“, den Großmutter Inge im Laufe des Films zu ihrem Enkel „Liebeling“ sagt, die in Erinnerung bleiben werden, und die den Film in all seiner Tragik und Komik so sehenswert machen. 
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