Filmszene aus 'Mr. Nobody Against Putin', (c) Pavel Talankin

Nordische Filmtage Lübeck
Zwei besonders beeindruckende Dokumentationen

Mittlerweile laufen die 26. Filmtage schon einige Tage - Zeit eine Zwischenbilanz zu ziehen. Nachdem ich mehrere Spielfilme, die in den verschiedenen Wettbewerben laufen, gesehen habe, kann ich neben dem bereits rezensierten Eröffnungsfilm „Therapie für Wikinger“ besonders zwei weitere Filme empfehlen.

Zum einen den schwedischen Streifen „The Dance Club“ von Lisa Langseth, der mit Humor und einem wunderbar diversem Cast ein wenig an „Einer flog über das Kuckucksnest“ erinnert - mein Tip für den Publikumspreis. Des weiteren muss der Film „Never Alone“ des finnischen Regisseurs Klaus Härö herausgehoben werden, der eine wahre Geschichte über den finnisch-jüdischen Textilfabrikanten Abraham Stiller erzählt, der alles in seiner Macht Stehende unternahm, um nach Finnland vor den Nazis geflohene Juden zu schützen, denen die Deportation nach Deutschland drohte, obwohl Finnland offiziell unabhängig und nicht von den Nazis besetzt war.

Filmszene aus 'The Dance Club', (c) Jonas AlarikFilmszene aus 'The Dance Club', (c) Jonas Alarik

Meine persönlichen Highlights der Filmtage waren aber zwei absolut unglaubliche und sehenswerte Dokumentationen. So beleuchtet der sehr intime und authentische Film „Fatherhood“ von den beiden Regisseuren Even G. Benestad und August B. Hansen aus Norwegen die wunderbare Beziehung von drei Männern mit Kinderwunsch. Kristopher, David und Sindre führen eine glückliche und liebevolle Beziehung zu dritt, wobei David und Sindre homosexuell sind und Kris als Transmann nach seiner Hormonbehandlung offiziell als Mann anerkannt ist. Sie haben ein Haus gekauft und wünschen sich ein eigenes Kind. Da Kris bei seiner Operation zwar ungewollt die Eierstöcke entfernt wurden, verfügt er/sie aber immer noch über einen Uterus. Da es in Norwegen verboten ist, durch In-vitro-Fertilisation Kinder zu zeugen, bekommt Kris die Ei-Spende in Finnland eingepflanzt und wird tatsächlich schwanger.

Die Kamera begleitet die drei Männer dabei sehr dicht und sehr mitfühlend bei dem Prozess der gemeinsamen Vaterschaft. Dieser äußerst ungewöhnliche Weg beschreibt aber auch die Vorgeschichte der Protagonisten über das Kennenlernen, deren Familien und die zunehmende Queerfeindlichkeit im Alltag selbst im liberalen Norwegen. So gibt es gleich zu Beginn einen schweren Anschlag in Oslo gegen Homosexuelle, was auch mit Ausschlag gebend war zum Film, wie einer der beiden Regisseure im Filmgespräch erklärte. Gleichzeitig berichten die Protagonisten auch über persönliche Probleme und Traumata. So ist der kleine Bruder von Kris bei einem Unfall mit nur zwei Jahren ertrunken und die Mutter hat mit einer schweren Krebserkrankung zu kämpfen. Des Weiteren ist auch der jahrelange Kampf von Kristopher gegen das norwegische Gesundheitssystem dokumentiert, das ihn 2009 im Jahr seiner Transition per Gesetz zur Entfernung der Eierstöcke zwang. Schlussendlich scheitern die drei Männer an der Gesetzgebung.

Filmszene aus 'Fatherhood', (c) Even BenestadFilmszene aus 'Fatherhood', (c) Even Benestad

Aber trotz aller Hürden meistern die wunderbaren Protagonisten den schwierigen Prozess der Vaterschaft und werden glückliche Eltern eines kleinen Mädchens. Die Kamera ist bei allem sehr dicht dran und begleitet die Männer in all ihrer Liebe und Fürsorge füreinander und für das neugeborene Kind. Wie der Regisseur nach der Vorführung erzählte, ist die Geschichte selbst in Norwegen sehr einzigartig, aber zur großen Freude aller hat diese wunderbare Dreier-Beziehung sogar noch ein weiteres Kind, einen kleinen Jungen bekommen. Ein ergreifend ehrlicher, warmherziger Film, der ein großes Publikum verdient.

Der zweite äußerst unglaubliche Film spielt mitten in Russland, vor und während des kriegerischen Überfalls der russischen Armee auf die Ukraine: „Mr. Nobody Against Putin“. Der Film wurde unter konspirativen Bedingungen in der Kleinstadt Karabasch im Ural gedreht und später außer Landes geschmuggelt. Karabasch hat den unrühmlichen Ruf, die dreckigste Stadt der Welt zu sein. Das liegt an der örtlichen Kupfermine, die für eine absolut toxische Luftverschmutzung sorgt, was zu der fast schon unglaublichen Lebenserwartung von nur 37 Jahren im Schnitt führt.

In Karabasch lebt Pasha, der als Lehrer und Videochronist in seiner ehemaligen eigenen Schule für die Organisation von Schulfesten und anderen Veranstaltungen zuständig ist. Bei den Schülern genießt er großes Vertrauen, weil sein Schulzimmer immer für alle offen ist. Dort können sich die Kinder frei und ungezwungen ihren Interessen und Freunden widmen. Dann aber kommt der Februar 2022, die Vollinvasion der Russen in die Ukraine, was das normale Schulleben aller völlig auf den Kopf stellt. Pashas Aufgaben konzentrieren sich von da an auf die Propaganda und Unterstützung der sogenannten „Spezialoperation“ von Putin. Die Schüler müssen wieder militärische Paraden abhalten, werden durch die Lehrer total indoktriniert und auf Linie gebracht. Wagner-Söldner tauchen in der Schule auf und unterrichten die Kinder in Waffenlehre und Handgranaten-Weitwurf. Pasha soll all das feierlich dokumentieren, was er auch macht, aber gleichzeitig voller Opposition zum Regime und den Krieg begleitet.

Filmszene aus 'Mr. Nobody Against Putin', (c) Pavel TalankinFilmszene aus 'Mr. Nobody Against Putin', (c) Pavel Talankin

So überklebt er die Fenster, die mit dem kriegsverherrlichendem „Z-Zeichen“ bedeckt sind, mit einem weiteren Klebestreifen, sodass ein Kreuz sichtbar wird als Unterstützung für die Ukraine. Bei einer Schulfeier spielt er nicht die russische Nationalhymne ab, sondern lässt Lady Gaga die amerikanische Hymne schmettern. Das ist natürlich im Lande Putins mehr als gefährlich, denn täglich ändern sich die Gesetze und Opposition wird immer mehr gewalttätig unterdrückt. Auch wird immer deutlicher, wieviele Opfer der Krieg gegen die Ukraine täglich fordert, denn auch ehemalige junge Schüler von Pasha werden eingezogen und sterben an der Front, wie ein heimlicher Ton-Mitschnitt auf einer Beerdigung belegt. Da war selbst dem sehr mutigen Kameramann Pasha das Filmen zu gefährlich. Trotzdem nutzt Pasha seine Kamera weiterhin, um die Entwicklung in seiner Stadt zu dokumentieren. Seine Bilder liefern eindringliche Innenansichten eines Landes im Kriegsmodus.

Mit Hilfe von Freunden aus Dänemark konnte er dann mit weiterem Filmmaterial über Istanbul nach Europa und Dänemark fliehen, wo der Film dann geschnitten und zusammengestellt wurde. Seine Weltpremiere hatte die Dokumentation dann im Februar 2025 beim Sundance-Festival in den USA. Seitdem reist der Film weltweit durch die Kinos der Welt. Er wurde wenige Tage nach der Uraufführung sogar über das Internet in Russland streambar. Wie Pasha durch Telefonkontakte in seine alte Heimat erfahren hat, wurde der Film eigentlich von jedem in Karabasch gesehen und zumeist begrüßt. Außerdem geht die Dokumentation für Dänemark mit ins Rennen um den Oskar 2025.

Bei der Film-Nachbesprechung mit dem Regisseur David Borenstein galten die ersten Fragen natürlich dem mutigen Kameramann Pasha und dessen Sicherheit. Mittlerweile hat er Asyl in Europa erhalten und reist aber trotzdem mit seinem Film zu diversen Festivals in aller Welt. Zwar gebe es bestimmte Sicherheitsmaßnahmen, die Pasha schützen, der sei aber sehr zuversichtlich und mutig, erklärte der Regisseur. Nach wie vor kommuniziert er mit seinen Freunden und alten Schülern in Karabasch. Selbst seine Mutter, die anfänglich sehr sauer auf ihn war, weil er ohne ihr Bescheid zu sagen, das Land verlassen musste, hat mit ihm wieder Kontakt. Ein äußerst mutiger Film, dem man viel internationale Anerkennung wünschen würde, auch selbst in Russland.

Holger Kistenmacher
Holger Kistenmacher
Jahrgang 1956, freischaffender Journalist seit gut 25 Jahren, studierter Realschullehrer, praktizierender psychosozialer Betreuer, ambitionierter Fotograf und Kulturschreiber mit den Fachgebieten: Moderne Gegenwartskunst, Literatur, Musik zwischen Jazz und Rock, Nordische Filme, Moderner Tanz. Weltenbummler und Reisejournalist.

Sie haben keine Berechtigung hier einen Kommentar zu schreiben.