Die etwas andere Lesung
Marc-Uwe Kling und seine Comics bringen den großen Saal der MuK zum Lachen

Es ist schon erstaunlich, dass ein Comic-Autor mit dem Vorlesen von Sprechblasen die größten Säle der Republik, wie zum Beispiel die Elbphilharmonie in Hamburg füllt. So auch am Montagabend in der Lübecker Musik und Kongresshalle, die ausverkauft war. Dabei ist die Veranstaltung eine Mischung aus Albernheiten, bissiger Satire, humorvollem Quatsch, gesellschaftskritischen Pointen aus aktueller Politik und High-Tech-Bashing.

Schon als Marc-Uwe Kling die Bühne betritt, brandet Jubel auf im voll besetzten Haus. Der Autor wundert sich, denn er hat doch noch überhaupt nichts geliefert. „Es sind harte Zeiten, also muss ich mein eigenes Vorprogramm machen“, erklärt Kling und legt los mit dem, auf das alle Fans wohl am meisten gewartet haben: Er liest erste Episoden aus dem neuen Känguru-Comic, der unter dem Titel „Die Känguru Rebellion“ im März 2026 erscheinen soll. Eine handelt zum Beispiel von einer Bus-Fahrt, wo das anarchistisch-linksradikale Känguru und sein Wohnungsgenosse, der schluffige Autor auf einen Nazi und einen Islamisten mit IS-T-Shirt treffen. Das dreiste Känguru provoziert die beiden mit dem Spruch, dass hier Leute mit Homophobie, Transfeindlichkeit, rassistischen Ansichten und Hass auf Pizza an Bord wären, worauf die Angesprochenen aggressiv fragen, wen er denn damit meinen könnte. Als der schissige Autor schon aus Angst flüchten will, erklären die beiden Flachpfeifen: „Wir können ja wohl nicht gemeint sein, denn wir mögen sogar Pizza.“

Co-Autor Jan Cronauer - auf der Bühne zuständig für die SoundsCo-Autor Jan Cronauer - auf der Bühne zuständig für die Sounds

Dann kommen die beiden Side-Kicks von Kling auf die Bühne: Sein Co-Autor Jan Cronauer, der für den untermalenden Sound der Lesung zuständig ist, sowie der Zeichner Florian Biege, der im Laufe des Abends eine Titel-Seite für einen neuen Super-Helden-Comic am digitalen Zeichenbrett zeichnen soll. Dafür werden ihm aus dem Publikum Namen von Elektrogeräten zugerufen, die er in absurde Comic-Helden umsetzen soll. Sein Ergebnis wird dann am Ende der Show auf die Leinwand gebracht, wo im weiteren Verlauf des Abends Bilder der aktuellen Graphic Novel „Normal und die Ticking Clock“ wie eine Dia-Show gezeigt werden. „Das ist wie ein Film, nur viel langsamer“, erklärt Kling die Live-Lesung der Sprechblasen, zu denen Jan Cronauer aus einem Sammelsurium aus Flohmarkt-Artikeln den Sound beisteuert, auch wenn das Timing nicht immer stimmt.

Sein aktueller Band ist Teil 2 der satirischen Superhelden-Saga um Normal, die das Genre der Superhelden gehörig aufs Korn nimmt. Stell dir vor: In einer Welt voller böser Schurken mit schrägen Superkräften ist Normal der einzige ohne Superpower. Sein Job bei der Notrufzentrale ist mies, seine Freunde sind Zero-Helden mit lächerlichen Kräften, wie zum Beispiel seine Kollegin, die immer dann unsichtbar wird, wenn es was zu tun gibt, aber trotzdem müssen sie die Welt retten. Denn der gefürchtete Normalizer und seine Armee aus Schurken wollen die „Ticking Clock“ in ihren Besitz bringen. Eine absolut absurde Comic-Parodie voller schrägem Humor und vor allem zeichnerischen Quatsch. In gewohnt schnodderigen Ton und viel Gelächter auch von der Bühne selbst liest Kling die Sprechblasen. Dazwischen gibt es aber auch immer wieder aktuelle politische Bezüge, wie wenn er sich über Kanzler Merz lustig macht, der möglichst schnell wieder verschwinden sollte, oder über Phillip Rösler und Ex-FDP-Chef Lindner: „kennt die eigentlich noch einer?“ fragt er in die Runde.

Marc-Uwe KlingMarc-Uwe Kling

Aber auch sein neuestes Steckenpferd, sein Kampf gegen die Technik-Milliardäre und ihre sogenannten „Sozialen Plattformen“ lässt er nicht aus. So ruft er alle Zuschauer auf, sich zu informieren, wie man seine Accounts löscht, um auf andere alternative Plattformen zu kommen. Er propagiert den „DI.DAY“ an dem man zur digitalen Unabhängigkeit wechseln sollte, den Digital Independence Day. Also weg von etwa Whats-App, Safari oder Chrome. Anlaufstelle dafür in Lübeck sei das „Chaotikum“ in der „Fuckingburger Allee 69“ erklärt er schmunzelnd, meint aber natürlich den alternativen Verein in der Fackenburger Allee 11, wo einem geholfen wird, wenn man ebenfalls die Schnauze voll hat von den alles kontrollierenden Technik-Milliardären, die sowieso schon zu viel Geld verdienen und die Demokratie mit Hass und Hetze überschütten.

Nach einer viertelstündigen Pause, in der sich die Fans mit bereits signierten Comic-Büchern und frischem Bier eindeckten, ging es weiter im lustigen Text mit schrägem Sound und Sprechblasen - natürlich auch weitere Episoden vom lustigen Känguru, die der Autor mit sich teilweise überschlagender Stimme dem Beuteltier gibt. Sein Erfolgsrezept mit dem linkslastigen, nöligen Känguru, das die Schwächen unseres Wirtschafts- und Gesellschaftssystems immer wieder in Frage stellt und seine eigenen Gegenanalysen vorstellt, ist einfach genial.

Am Ende beim sogenannten Zugaben-Teil, wo die Stars normalerweise die Bühne vertraglich verlassen müssen, verstecken sich die drei Protagonisten auf der Bühne einfacherhalber hinter ihren Tischen. Dann werden Ergebnisse der Live-Zeichnerei von Florian Biege präsentiert, dabei auch Ergebnisse aus anderen Städten der Tour zum Beispiel mit Donald Trump oder dem Millionen-Vernichter, dem Ex-Gesundheitsminister Jens Spahn, der mit massenhaft überteuerten Masken während der Corona-Krise Milliarden Euros verbrannt hat. Das aktuelle Lübeck-Titelblatt trägt den Namen „Fax the System“ und besteht aus Elektronik-basierten Retro-Superhelden mit passenden Side-Kicks. Aus dem Publikum zugerufen sind also ein 56k-Einwahlmodem, eine Faxgerätin und ein Walkman mit Walking-Stock als Waffe dabei.

Ganz schön schräg, aber das Publikum ist amüsiert, wie eigentlich den ganzen Abend schon, auch wenn so einige Gags ziemlich banal und albern sind. Aber das ist anscheinend das, was das Publikum will und bekommt und danach zufrieden raus in die kalte Nacht von Lübeck zieht.

Fotos: Holger Kistenmacher

Holger Kistenmacher
Holger Kistenmacher
Jahrgang 1956, freischaffender Journalist seit gut 25 Jahren, studierter Realschullehrer, praktizierender psychosozialer Betreuer, ambitionierter Fotograf und Kulturschreiber mit den Fachgebieten: Moderne Gegenwartskunst, Literatur, Musik zwischen Jazz und Rock, Nordische Filme, Moderner Tanz. Weltenbummler und Reisejournalist.

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