Gundermann zu Gast bei Anne Will

Theater Korona aus Leipzig zu Gast im Kolk 17
Gundermann - Engel über dem Revier

Mit der „Vermessung der Welt“ von Daniel Kehlmann gelang dem Korona-Theater aus Leipzig bereits ein großer Wurf aus Schauspiel, Puppentheater und Musik. Mit dem Stück gastierten sie auch in Lübeck im Hansemuseum, das während des Umbaus des Kolk 17 Figurentheaters als Ausweich-Spielstätte diente. Jetzt waren die Schauspieler und Musiker aus Leipzig und Halle wieder in Lübeck, um im Kolk im neuen Saal des Puppentheaters mit „Gundermann - Engel über dem Revier“ eine gefeierte Inszenierung zu zeigen.

Im Osten, in der ehemaligen DDR war Gundermann eine Kultfigur, ein ewig renitenter Provokateur, Sänger, Narr und Poet. Einer, der 20 Jahre im Braunkohle-Tagebau in der Lausitz gearbeitet hat, zunächst als Hilfsarbeiter, später als Baggerfahrer. Aber eigentlich wollte er immer Sänger sein. Im Westen war „Gundi“, wie er liebevoll genannt wurde, eher unbekannt, bis Regisseur Andreas Dresen 2018 mit dem wunderbaren Alexander Scheer in der Hauptrolle seinen mit diversen Preisen überschütteten (u.a. Deutscher Filmpreis) Film auf die Große Leinwand brachte.

Gundermann und seine Tochter LindaGundermann und seine Tochter Linda

Dabei war Gerhard Gundermann eine sehr vielschichtige und widersprüchliche Figur in der DDR vor dem Mauerfall: 1955 in Weimar geboren zog er dann mit seinen Eltern nach Hoyerswerda, wo er nach zahlreichem Auf und Ab bis zu seinem frühen Tod 1998 irgendwie hängengeblieben ist. Er war Oberschüler und Hilfsarbeiter, Offiziersanwärter und Befehlsverweigerer, SED-Genosse und Verfemter, renitenter Kumpel, aber auch Stasi-IM, später Vegetarier, Sprachrohr der Menschen in der Lausitz, Macher und Neinsager. Er fuhr Bagger und sang, schrieb, spielte Theater, trat mit Bob Dylan auf. Einer, der an zwei Enden brannte. „Wollte fünf Leben gleichzeitig leben“, sagte er einmal im Interview über sich selbst.“Die Leute, die sagen, ich sei ein Spinner - die haben recht“.

Gundermann, der singende Baggerfahrer aus dem Braunkohle-Revier galt einerseits als größter künstlerischer „working class hero“, den die spießig-provinzielle Deutsche Demokratische Republik je hatte, der einfach immer wieder das Maul aufmachte. Dafür wurde er 1984 aus der SED rausgeworfen. Aber er war auch als überzeugter Kommunist für die Stasi tätig. Also kann ein Verräter, selbst wenn er das Herz auf dem richtigen Fleck hatte, wirklich die Welt verbessern?

Baggerführer GundermannBaggerführer Gundermann

Diesem Leben voller Widersprüche versucht das wunderbare Korona-Theater aus Leipzig mit Hilfe von Schauspiel, Gesang und Puppenspiel auf den Grund zu gehen. Dabei reichen einfachste Mittel, wie ein Bühnenbild aus einer Klappleiter, ein paar Brettern und einem Spielzeug-Bagger. Zu Beginn erscheint ein Engel mit weißen Flügeln (Julia Raab) und ein Mann in schwarzem Mantel (Frank Schenke), der im Revier rumschleicht, um nach einem blauen Vogel Ausschau zu halten.

Begleitet von Cello und Keyboard (Christoph Schenker und Maria König) wechseln sich live gesungene Lieder und Schauspielszenen ab. „Hier bin ich geboren“ und „Gras“ beschreiben das jugendliche Leben von Gundermann. Nur mit einem Bauarbeiterhelm, einem Haar-Zopf, einer großen Brille und seinem Zeigefinger gelingt es Schenke, den Helden der Geschichte einzuführen. Später folgen eine Handpuppe, ein großer Pappmaché- Kopf oder eine spindeldürre Marionette, um Gundermann zum Leben zu erwecken.

Julia Raab und Frank Schenke: Engel über dem RevierJulia Raab und Frank Schenke: Engel über dem Revier

Erzählt wird zunächst die Geschichte, in der Gundi in einer Schachtel eine alte Pistole vom Vater aus dem Krieg findet und damit durch die Gegend läuft. Plötzlich fühlt er sich mächtig und will bewundert werden. Später im Braunkohle-Tagebau will er die Kohleförderung und den Arbeitsschutz verbessern, aber eckt mit der Partei an, gleichzeitig beginnt er zu texten und zu singen, bestattet tote Hasen und pflegt verletzte Igel. In einer Szene schenkt er seiner Tochter Linda einen Igel, der wieder augepeppelt werden muss. Als „Gundi Lancelot“ beschimpft er die SED und führende Genossen als „Arschloch“ und fliegt aus der Partei: Dazu singt das Ensemble: „Die Partei, die Partei hat immer Recht“.

Besonders die Szene, wo er bei „Anne Will’s Wissen“ einem harten Interview ausgesetzt ist, brilliert das Schauspieler-Paar. Gundermann muss sich wegen seiner Stasi-Arbeit rechtfertigen. Er kontert die Vorwürfe mit „Leidtun ist Kokolores“. Entschuldigung und öffentliches Schuldeingestehen lehnt Gundermann ab. Dafür singt er wunderbare, bissige Texte: „Alle oder keiner“, aber auch „Und ich suche, die ich liebe“. Selbst nach der Wiedervereinigung bleibt Gundermann sich treu: „Hier wächst zusammen, was nicht zusammen gehört“. Aber gleichzeitig wird er auch milder in seinem Widerstand. Auf die Frage, wofür er dankbar sei, antwortet er „Jeden Tag“. Und ganz am Ende des wunderbaren Stücks singt Frank Schenke zur Gitarre: „Mein Teppich soll endlich wieder fliegen“. Da muss Gundermann wohl schon geahnt haben, dass sein Tod nahe war.

Tosender Applaus für das Theater KoronaTosender Applaus für das Theater Korona

Tosender Applaus und eine weitere gesangliche Zugabe beendeten ein ganz wunderbar poetisches Stück, welches die Person Gundermann sichtbar machte und seine Haltung durch seine Texte und die klasse gespielten und gesungenen Lieder veranschaulichten.


Fotos: Holger Kistenmacher

Holger Kistenmacher
Holger Kistenmacher
Jahrgang 1956, freischaffender Journalist seit gut 25 Jahren, studierter Realschullehrer, praktizierender psychosozialer Betreuer, ambitionierter Fotograf und Kulturschreiber mit den Fachgebieten: Moderne Gegenwartskunst, Literatur, Musik zwischen Jazz und Rock, Nordische Filme, Moderner Tanz. Weltenbummler und Reisejournalist.

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