Hertha Ottilie van Amsterdam im ihrem Theaterwagen an der Obertrave, Foto: Thomas Schmitt-Schech

13. Lübecker Theaternacht
Streifzug durch die Theaterhauptstadt

Karla LettermanVon

Wenn Hertha Ottilie an Lübecks vielfältige Theaterszene denkt, beginnen ihre Augen zu leuchten. „Es gibt hier 33 Theater und 20 Spielstätten – und das bei der Einwohnerzahl. Das ist einmalig in Europa!“, schwärmt sie.

Hertha Ottilie van Amsterdam weiß, wovon sie spricht: Die Travestiekünstlerin vom Theater Liebreiz tingelt quer über den Kontinent. Sie stammt aus einem bekannten Amsterdamer Varieté-Theater und hat sich vor einigen Jahren in Lübeck niedergelassen. In der Theaternacht ist die Menschenschlange vor ihrem umgebauten Zirkuswagen lang. Nicht nur dort...

Die Mottonächte werden in Lübeck bestens angenommen. Kein Wunder, denn bei dem reichhaltigen Kulturangebot bekommt man für die Abendpauschale viel geboten, sei es während der langen Museums-, Literatur- oder eben der Theaternacht. Es macht viel Spaß, durch die belebten Straßen zu schlendern und spontan mit anderen Gästen zu schwatzen. Allerdings muss man in Kauf nehmen, in seiner Wunschvorstellung keinen Platz mehr zu bekommen. Und so landet man beim Bummel durch unsere Theaterhauptstadt vielleicht an einem anderen Ort als geplant; womöglich in Istanbul, Hameln – oder in der Unterwelt!

Alexander Schellworth und Emily Behrens, Foto: Thomas Schmitt-SchechAlexander Schellworth und Emily Behrens, Foto: Thomas Schmitt-Schech

Wir begegnen bei unserem Streifzug Kerstin, die strahlend Marmorkuchen und Schokoküsse feilbietet, dabei ist sie von Ratten umgeben. Zugegeben, die Tierchen sehen ganz nett aus: Sie sind Teil der „Themendeko“, die Kerstin auch noch selbst angebracht hat. Kerstin Krüger arbeitet nicht nur als Warenverkäuferin, Dekorateurin und Kostümschneiderin, sie ist ausgebildete Theaterpädagogin und leitet zusammen mit ihrem Mann Wolfgang Gottschlich das Kindertheater am Tremser Teich. Bei der Theaternacht zeigen sie Ausschnitte aus dem „Rattenfänger von Hameln“. Doch sie tun weit mehr als das.

Alexander Schellworth, Berufsschauspieler und im „Rattenfänger“ Sohn des Bürgermeisters, bastelt Drachen zusammen mit seiner Bühnenschwester Jorlande alias Emily Behrens, die von ihrer ersten Rolle vollauf begeistert ist. Das Drachenbasteln ist die Einstiegsszene des Stücks, doch bei der Theaternacht zeigen sie den jungen Gästen im Vorprogramm auch ihre Falttechnik. Am Nebentisch bemalt die „Frau Bürgermeisterin“ Daniela Kröning Gesichter und Hände mit Glitzerblumen. Die Geschichte, die man als Sage kennt, hat am Tremser Teich ein verblüffendes Ende. Welches nur? Wir brauchen dringend ein Alibi-Kind, um das ganze Stück zu sehen und es zu erfahren! Denn in dem kleinen Theater, in dem alle Akteure mit Herzblut dabei sind, ist uns das Herz aufgegangen.

Im Hoftheater Lübeck, Foto: Thomas Schmitt-SchechIm Hoftheater Lübeck, Foto: Thomas Schmitt-Schech

Alle Achtung! Was der Verein „Musical und Showtanz Lübeck e.V.“ leistet, ist nur mit einer Extraportion Idealismus zu erklären. Die einstige siebenköpfige Schultanzgruppe hat sich zu einer Interessengemeinschaft von 200 Theaterbegeisterten entwickelt. 2012 wurde in Eigenleistung die heruntergekommene Immobilie in der Schwartauer Allee saniert und umgebaut. Reste des ursprünglichen Polizeiquartiers werden bei einer Führung im Hoftheater Lübeck während der Theaternacht gezeigt. „Wo jetzt unsere Lounge ist, war früher der Pferdestall der berittenen Polizei“, erklärt die Vorsitzende Annette Knüppel.

Die Vermietung von Garagen und ein Studio für Pole Dance bringen Geld ein. Janice Libau, Gewinnerin der Nordic Pole Plays in der Sparte Advanced, ist eine von acht Trainerinnen. Sie ist zufällig (?!) anwesend und zeigt Übungen an der Stange, bei denen die Ästhetik der Akrobatik in nichts nachsteht. Außerdem bietet der Verein Orientalischen Tanz, Showtanz und Yoga an. Nebst den Theatergruppen für Kinder und Erwachsene, versteht sich.

Pole Dance im Hoftheater LübeckPole Dance im Hoftheater Lübeck

Kostüme werden auf dem Flohmarkt gekauft und umgenäht. Dachböden, Kleiderschränke und Keller werden nach Requisiten und Accessoires durchsucht, geeignete Gegenstände ins große Lager geschleppt. Dort finden sich Schneiderpuppen, Stühle, Spiegel und selbst gestaltete Bühnenbildelemente wieder. In den Garderoben warten Perücken, Capes, Tüllumhänge und jede Menge Flausch und Glitzer auf das nächste bunte Stück.

Was ist eigentlich eine Dornse? Nach mittelalterlichem Sprachgebrauch in erster Linie ein beheizter Raum. Zuweilen wurde eine Schreibstube in Kaufmannshäusern so bezeichnet, sozusagen das Gegenstück zur Kemenate in einer Burg. Vor drei Jahren wurde die „Kulturdornse“ an der Untertrave eröffnet, dahinter verbirgt sich ein kleiner, feiner Kultursalon für klassische Literatur und klassische Musik.

Proserpina (Kulturdornse/ jo.art), Foto: Thomas Schmitt-SchechProserpina (Kulturdornse/ jo.art), Foto: Thomas Schmitt-Schech

Das Musiktheaterensemble jo.art, gegründet vom Opernsänger Stephan Joachim und seiner Ehefrau, die nach Jahren in München nach Lübeck zurückgekehrt sind, ist bestrebt, die Einheit aus Gesang, Sprache und Tanz (wieder)herzustellen. Nach einer kleinen Einführung im wohnzimmerartigen Stammhaus werden die Gäste in einen ehemaligen Fabrikraum gebeten, in dem die junge Akteurin Carla Gesikiewicz eine herzzerreißend in die Enge getriebene Proserpina gibt. Wir dürfen an Probenszenen teilhaben.

Kontrastprogramm auf dem Theaterschiff: Hier tritt Elvis auf, dargestellt von zwei verschiedenen Charakteren, aber stets schrill, selbstbewusst und laut, dabei durchaus virtuos. Im Klamaukstück „Heartbreak Hotel“ geht es um die Tücken einer geplanten Show, bei der der Hauptdarsteller abspringt. Für unser-luebeck.de durften wir leider nicht fotografieren. Schade – denn es hätte sich gelohnt.

Schlangestehen vor Hertha Ottilie van Amsterdams Theaterwagen, Foto: Thomas Schmitt-SchechSchlangestehen vor Hertha Ottilie van Amsterdams Theaterwagen, Foto: Thomas Schmitt-Schech

Gelohnt hat sich das Schlangestehen vor Hertha Ottilie van Amsterdams Zirkuswagen. Die Travestiekünstlerin mit dem großen Herz für alle Theaterschaffenden weist auf die anderen Gruppen hin, die wie sie keinerlei Fördergelder bekommen – und bittet um eine Spende für ihre Hutkasse; eine Bitte, der nach der Vorstellung glücklicherweise nachgekommen wird. Mit Charme, burlesker Geste und augenzwinkerndem Humor präsentiert sich Hertha alias Reinier Haenen als Diva, Comedienne und Chansonette, der selbst Edith Piafs „La vie an rose“ bravourös gelingt.

Im Theater Lübeck ist der in letzter Zeit ausführlich berichtete Notstand in der Theaternacht nicht zu spüren. Aufgeschobene Investitionen, Sparzwang und Frust; die Kündigung von Theaterdirektor und Operndirektorin – kein Thema an diesem Abend, der begeistern will. Mit großem Personaleinsatz und Angeboten an allen Ecken und Enden zeigen die Profis, was sie können, und das ist viel, vielseitig und vielversprechend. Die Ausschnitte aus den Produktionen machen Appetit auf das jeweilige Stück.

'Istanbul' im Theater Lübeck, Foto: Thomas Schmitt-Schech'Istanbul' im Theater Lübeck, Foto: Thomas Schmitt-Schech

„Istanbul“ zum Beispiel: da ist Musik drin! Trotz des ernsten Gastarbeiter-Themas erlebt das Publikum beschwingende 50 Minuten, die mit gebührendem Applaus bedacht werden. Denn die fiktive Geschichte des Lübecker Arbeiters Klaus Gruber, der sein Glück im fernen Land am Bosporus sucht und zwischen Heimweh, Sprachschwierigkeiten und Annäherung hin und her pendelt, ist mit Charme und Humor umgesetzt.

Zu hoffen ist, dass auch der Appell von Hauptdarsteller Michael Fuchs befolgt wird: „Kaufen Sie eine Karte, sehen Sie sich das gesamte Stück an!“ Dies gilt für alle Ensembles und Spielstätten: damit Lübeck Theaterhauptstadt bleibt!

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Fotos: (c) Thomas Schmitt-Schech, www.lichtblick-fotokompass.de

Karla Letterman
Karla Letterman
Karla Letterman ist Krimiautorin aus dem Harz mit Leidenschaft für Norddeutschland, Nebel und Schattenboxen. Lebt seit 2017 in Lübeck. Höchst interessiert an Filmen, Literatur und Sprechkunst. Thomas Schmitt-Schech ist nicht nur Fotograf mit unbezwingbarem Hang zu Nachtaufnahmen, sondern auch nebenberuflich als Tai-Chi- und Qigong-Lehrer unterwegs. Karlas liebster Lichtfänger und Schattenboxer. www.karla-letterman.de / www.lichtblick-fotokompass.de
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