Falling, (c) Susanna Majuri

Naturmotive der „Helsinki School“ in der Kunsthalle St. Annen
Hineingeworfen

Karla LettermanVon

Wer das Foyer der Kunsthalle St. Annen betritt, wird von einem eindrucksvollen Bild empfangen. Eine imposante Landschaft, mächtige Felsen, ein glasklarer See, und eine junge Frau scheint darüber zu schweben. Hineinkatapultiert in die Natur wirkt sie so, als hätte eine Gottheit einer spontanen Laune nachgegeben.

In Wirklichkeit hat Susanna Majuri ihre Hand im Spiel. Die Fotokünstlerin, deren Werke der „Helsinki School“ zugerechnet werden, druckt großformatige Landschaftsbilder mit meist finnischen Motiven aus, platziert sie in einem Swimming-Pool und lässt ein Model hineinhüpfen. Dabei entstehen poetisch-traumhafte Szenarien, wie die Ausstellungsmacher ihr zu Recht bescheinigen.

„Ich dachte zuerst, ich stände vor einem Gemälde“, gibt Johannes Wendland zu, Kulturjournalist mit finnischem Familienhintergrund, der bei der Vernissage moderiert. Wer allerdings erwartet, nun werde gleich eine fachkundige Einführung in die künstlerischen Besonderheiten der „Helsinki School“ auf die Ausstellung einstimmen, sieht sich enttäuscht. Wendland holt die finnische Botschafterin, den Honorarkonsul der Republik Finnland in Lübeck, den Leitenden Direktor der Lübecker Museen sowie Lübecks Bürgermeister für eine erste Diskussionsrunde aufs Podium und bespricht beispielsweise, wie sich Lübecks Rolle als Tor zum Norden definiere.

Anne Sipiläinen, die Botschafterin, sagt: „Das positive Bild von Finnland hat viel mit der lebendigen Kunstszene zu tun.“ Was soll sie auch antworten auf die Frage, was die Kultur für Außendarstellung und Selbstbild ihres Landes bedeute?

Bernd Jorkisch (Honorarkonsul der Republik Finnland), Anne Sipiläinen (Botschafterin von Finnland), Johannes Wendland (Moderator), Jan Lindenau (Bürgermeister), Prof. Hans Wißkirchen (Leitender Direktor der Lübecker Museen), Foto: (c) Thomas Schmitt-SchechBernd Jorkisch (Honorarkonsul der Republik Finnland), Anne Sipiläinen (Botschafterin von Finnland), Johannes Wendland (Moderator), Jan Lindenau (Bürgermeister), Prof. Hans Wißkirchen (Leitender Direktor der Lübecker Museen), Foto: (c) Thomas Schmitt-Schech

Jan Lindenau redet über den Austausch mit der finnischen Partnerstadt Kotka, und der Honorarkonsul Bernd Jorkisch gesteht, dass seine Sauna nicht ausschließlich aus finnischem Holz errichtet sei. Eine launige Gesprächsrunde, deren Kunstbezug schließlich Museumsdirektor Prof. Dr. Hans Wißkirchen herstellt: Er kündigt an, dass die Ausstellung den Auftakt bilde zum Zyklus „Nachbarn im Norden“, mit dem sich die Lübecker Museen Skandinavien widmen.

Dazu passt die musikalische Begleitung der Vernissage, für die der finnische Gitarrist Otto Tolonen, seit neuestem Professor der hiesigen Musikhochschule, zusammen mit zwei Studenten sorgt. Die Sonaten und Serenaden spiegeln Einsamkeit und Ausgeliefertsein, aber auch Staunen und Wucht wider – Motive, die mit Bildern der Ausstellung korrelieren. Doch bevor diese zur Betrachtung freigegeben sind, folgt noch eine zweite Gesprächsrunde – diesmal auf englisch.

Dr. Laura Hirvi (Leiterin des Finnland-Instituts), Prof. Timothy Persons (Berliner Galerist und Mastermind der Helsinki School), Johannes Wendland (Moderator), Dr. Antje-Britt Mählmann (Leiterin Kunsthalle St. Annen), Foto: (c) Thomas Schmitt-SchechDr. Laura Hirvi (Leiterin des Finnland-Instituts), Prof. Timothy Persons (Berliner Galerist und Mastermind der Helsinki School), Johannes Wendland (Moderator), Dr. Antje-Britt Mählmann (Leiterin Kunsthalle St. Annen), Foto: (c) Thomas Schmitt-Schech

Dr. Laura Hirvi, Leiterin des Finnland-Instituts in Deutschland, macht die Bedeutung der ausgestellten Kunstrichtung klar. Als Netzwerkerin sei es ihr Job, an viele Türen zu klopfen, um finnischen Kulturschaffenden ein Entrée zu bereiten. Wenn sie die Helsinki School erwähne, öffneten sich die Pforten einfacher. Denn das sei inzwischen eine Marke geworden.

Maßgeblich dazu beigetragen hat Timothy Persons, bestens vernetzter Kunstschaffender und Berliner Galerist sowie außerordentlicher Professor der Aalto University of Arts, Design and Architecture, wo die Helsinki School ihren Ursprung hat. Als „Mastermind“ bezeichnet der Moderator ihn, nicht nur, weil er wichtiger Leihgeber dieser Ausstellung ist. Ganz Grandseigneur, lobt Persons die große Publikumsbeteiligung in St. Annen als wichtige Quelle der Unterstützung. Ein typischer Werdegang finnischer Künstler*innen sei es, zunächst im Ausland Bekanntschaft zu erlangen – allen voran in Deutschland und Frankreich – und erst dann in Finnland ernst genommen zu werden.

Dr. Antje-Britt Mählmann (Leiterin Kunsthalle St. Annen), Foto: (c) Thomas Schmitt-SchechDr. Antje-Britt Mählmann (Leiterin Kunsthalle St. Annen), Foto: (c) Thomas Schmitt-Schech

Die Natur sei durchaus nicht das einzige mögliche Thema einer finnischen Kunstausstellung, erläutert Kuratorin und Hausherrin Dr. Antje-Britt Mählmann, doch ein Thema, das sich aufdränge. Im Gegensatz zur berühmten Düsseldorfer Fotoschule, in der Objektivität und Neutralität angestrebt werden, berühre sie bei der Helsinki School die intuitive und emotionale Herangehensweise – selbst bei den wissenschaftlich inspirierten Arbeiten.

Als endlich die Ausstellung eröffnet ist, bieten sich der Besucherschar überaus interessante und inspirierende Einblicke. Jorma Puranens Bilder der verdrängten Samen in der ursprünglich von ihnen bewohnten Umgebung greifen ans Herz, wenn man es zulässt. Joakim Eskildsens Schwarz-Weiß-Fotografie entführt mit Detailaufnahmen in die raue Poetik der nordischen Natur.

Foto: Die Ausstellung ist eröffnet, (c) Thomas Schmitt-SchechFoto: Die Ausstellung ist eröffnet, (c) Thomas Schmitt-Schech

Sanna Kannisto, die wie auch Tiina Itkonen für eine wissenschaftlich geprägte Annäherung an die Natur steht, zeigt Fledermaus-Studien und Vogelvideos aus dem Regenwald. Itkonen macht mit ihrer Eisbären-Serie und den Aufnahmen verlassener Häuser auf die bedrohte Welt der Polarregion aufmerksam. Den Weg der Konzeptkunst wählt Jaakko Kahilaniemi, der Sein und Zerstörung des Waldes dokumentiert.

Ilkka Halsos Botschaft mag sarkastisch oder gar zynisch sein – seine Bildsprache ist Ästhetik pur. In einem virtuellen „Museum of Nature“ präpariert er Schönheit und Großartigkeit der Natur für nachfolgende Generationen.

Northern Wind, (c) Riitta PäiväläinenNorthern Wind, (c) Riitta Päiväläinen

In wilder und aufwühlender Weise macht Riitta Päiväläinen den Wind sichtbar: Indem sie Stoffbahnen und Kleider in Bäume und an Zaunpfähle hängt und die Natur ihr gespenstisches, ebenso faszinierendes wie einschüchterndes Spiel damit treiben lässt. Hier kann man die menschlichen Spuren als Fremdkörper deuten, der seine Zeichen setzt – wie dominant oder vergänglich auch immer.

Mit der Rolle des Menschen als Künstler*in und Betrachter*in setzt sich Elina Brotherus auseinander. Mögen die Bilder ihrer „Wanderer“-Serie auf den ersten Blick einfach nur dekorativ erscheinen, so lohnt ein zweiter Blick, der das Fremdsein, das man wiederum als Hineingeworfensein auffassen kann, erschließt.

Der Wanderer 2, (c) Elina BrotherusDer Wanderer 2, (c) Elina Brotherus 

Eine Besonderheit der Ausstellung ist die Gegenüberstellung einiger Exponate mit Werken aus dem Museumsbestand. Nur beispielhaft genannt seien hier die Grafiken des Schweden Nils Gunnar Stenqvist, dessen Wiedergabe organischer Materialien mit Kahilaniemis beinah bürokratisch anmutender Ablichtung von Bodenproben kontrastiert wird.

Dies ist keine erschöpfende Aufzählung der Werke, die tatsächlich jede Menge frischen Wind in die Rezeption von Natur wehen. Bis 26. April 2020 ist diese lohnenswerte Ausstellung zu sehen.

Ausstellungsinfos: "Frischer Wind aus dem Norden!" - Naturmotive in der Helsinki School

Fotostrecke

Vernissage: Naturmotive der „Helsinki School“ in der Kunsthalle St. Annen - Dr. Antje-Britt Mählmann (Leiterin Kunsthalle St. Annen) Vernissage: Naturmotive der „Helsinki School“ in der Kunsthalle St. Annen - Büchertisch Vernissage: Naturmotive der „Helsinki School“ in der Kunsthalle St. Annen - Gebannte Natur Vernissage: Naturmotive der „Helsinki School“ in der Kunsthalle St. Annen - Dr. Laura Hirvi (Leiterin des Finnland-Instituts), Prof. Timothy Persons (Berliner Galerist und Mastermind der Helsinki School), Johannes Wendland (Moderator), Dr. Antje-Britt Mählmann (Leiterin Kunsthalle St. Annen) Vernissage: Naturmotive der „Helsinki School“ in der Kunsthalle St. Annen Vernissage: Naturmotive der „Helsinki School“ in der Kunsthalle St. Annen - Bernd Jorkisch (Honorarkonsul der Republik Finnland), Anne Sipiläinen (Botschafterin von Finnland), Johannes Wendland (Moderator), Jan Lindenau (Bürgermeister), Prof. Hans Wißkirchen (Leitender Direktor der Lübecker Museen) Vernissage: Naturmotive der „Helsinki School“ in der Kunsthalle St. Annen Vernissage: Naturmotive der „Helsinki School“ in der Kunsthalle St. Annen Vernissage: Naturmotive der „Helsinki School“ in der Kunsthalle St. Annen Vernissage: Naturmotive der „Helsinki School“ in der Kunsthalle St. Annen - Dr. Antje-Britt Mählmann (Leiterin Kunsthalle St. Annen) Vernissage: Naturmotive der „Helsinki School“ in der Kunsthalle St. Annen - Die Ausstellung ist eröffnet. Vernissage: Naturmotive der „Helsinki School“ in der Kunsthalle St. Annen

Fotos: (c) Thomas Schmitt-Schech

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Karla Letterman
Karla Letterman
Karla Letterman ist Krimiautorin aus dem Harz mit Leidenschaft für Norddeutschland, Nebel und Schattenboxen. Lebt seit 2017 in Lübeck. Höchst interessiert an Filmen, Literatur und Sprechkunst. Thomas Schmitt-Schech ist nicht nur Fotograf mit unbezwingbarem Hang zu Nachtaufnahmen, sondern auch nebenberuflich als Tai-Chi- und Qigong-Lehrer unterwegs. Karlas liebster Lichtfänger und Schattenboxer. www.karla-letterman.de / www.lichtblick-fotokompass.de
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