Carla Gesikiewicz (Proserpina) und Stephan Joachim (Pluto), Foto: (c) Thomas Schmitt-Schech

Proserpina in der Kulturdornse
Ergreifendes aus der Unterwelt

Karla LettermanVon

Sie staunt, erstarrt, sie zürnt, zaudert, hadert, jammert, und schließlich resigniert sie. Proserpina, die römische Ausgabe der Persephone, kommt gegen ihren Willen in der Unterwelt an.

Zur Performance in der Kulturdornse findet auch Zugang, wer Goethes gleichnamiges Monodrama nicht kennt, denn die Elemente aus Tanz, Gesang, Musik, Sprache und Pantomime verweben die Emotionen der geraubten Göttin zu einem schlüssigen Puzzle, durch das die Geschichte gleichsam hindurchscheint. Dennoch ist es hilfreich, die zugrundeliegende Sage in groben Zügen zu kennen, deshalb gibt Theaterleiter Stephan Joachim eine kurze Einführung. Proserpina, Tochter des Obergottes Jupiter und der Fruchtbarkeitsgöttin Ceres, wird von Pluto geraubt. Pluto ist nicht nur Jupiters Bruder, sondern auch Herrscher über die Unterwelt, und genau dorthin verschleppt er Proserpina.

Als sie ihre Entführung zu realisieren beginnt, erwartet sie, dass die Eltern und ihre Freundinnen sie suchen und retten. Sie wird wütend, als das nicht passiert. Gleichzeitig versucht sie, Plutos Annäherungsversuche an sich abprallen zu lassen. Als Ceres Pluto auf die Schliche kommt, will sie die Rückgabe ihrer Tochter erzwingen. Doch da hat Proserpina schon etwas gegessen, und dies verdammt sie zum Verbleib in der Unterwelt. (Später darf sie phasenweise in ihr früheres Leben zurückkehren, doch Goethes Drama endet vorher.)

Carla Gesikiewicz (Proserpina), Foto: (c) Thomas Schmitt-SchechCarla Gesikiewicz (Proserpina), Foto: (c) Thomas Schmitt-Schech

Die junge Schauspielerin Carla Gesikiewicz verkörpert die Proserpina auf hinreißende und ergreifende Weise. Niemand käme auf die Idee, dass sie sich erst am Beginn ihrer Ausbildung befindet; sie fesselt und besticht mit ihrer Präsenz. „Carla ist ein Glücksfall für uns“, sagt Stephan Joachim, und man darf es ihm glauben. Joachim selbst gibt den Pluto, doch er tritt zurückhaltend auf und lässt Proserpina das Augenmerk.

Joachim, zusammen mit seiner Frau Annette Gleixner Betreiber des Theaters jo.art und der Kulturdornse, plante zunächst eine Aufführung des Stückes als szenische Lesung. Während der Annäherung an den Text kamen „wie von selbst“ Elemente des Melodrams und des Musiktheaters hinzu. Und die Musik des georgischen Komponisten Guia Kantcheli, die wie gemacht scheint für genau diese Performance.

Stephan Joachim (Pluto) und Carla Gesikiewicz (Proserpina), Foto: (c) Thomas Schmitt-SchechStephan Joachim (Pluto) und Carla Gesikiewicz (Proserpina), Foto: (c) Thomas Schmitt-Schech

Die Trauerphasen Leugnen, Zorn, Verhandlung, Leid und Akzeptanz wollte Joachim darstellen, erläutert er auf seiner Internetseite. Ihm und Carla Gesikiewicz gelingt dies, sowohl konzeptuell als auch im Ausdruck. Fassungslosigkeit und Nicht-Wahrhabenwollen spiegeln sich in Proserpinas Zügen, sie schreit und wütet, wägt ab und kämpft mit sich. Sie sucht Zuflucht in der Erinnerung an die fröhlichen Spiele der Vergangenheit, dann verbittert sie, und schließlich sieht sie ihre Zukunft in der Verbundenheit im Hass mit dem „Abscheu und Gemahl“.

Das unaufdringliche, aber intensiv wirkende Bühnenbild und die klug eingesetzte Symbolik passen sich in dieses „Musische Theater“, wie man es bei jo.art nennt, perfekt ein. Der Crew ist eine anspruchsvolle einstündige Aufführung gelungen, die das Publikum in den Bann zieht und mit der Unmittelbarkeit von Emotionen konfrontiert, aber nie überfordert.

„Proserpina“ ist das nächste Mal am 26. Oktober sowie am 2. und 3. November in der Kulturdornse zu sehen. Infos unter: www.jo-art.de

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Fotos: (c) Thomas Schmitt-Schech, www.lichtblick-fotokompass.de

Karla Letterman
Karla Letterman
Karla Letterman ist Krimiautorin aus dem Harz mit Leidenschaft für Norddeutschland, Nebel und Schattenboxen. Lebt seit 2017 in Lübeck. Höchst interessiert an Filmen, Literatur und Sprechkunst. Thomas Schmitt-Schech ist nicht nur Fotograf mit unbezwingbarem Hang zu Nachtaufnahmen, sondern auch nebenberuflich als Tai-Chi- und Qigong-Lehrer unterwegs. Karlas liebster Lichtfänger und Schattenboxer. www.karla-letterman.de / www.lichtblick-fotokompass.de
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