Durch die Sanierung und den Umbau der historischen Lübecker Hafenschuppen soll ein modernes, maritimes Quartier entstehen. Das ist zweifellos begrüßenswert und erfreulich. Allerdings hat das renommierte Musikfestival „Kunst am Kai“ unter der Leitung von Gabriele Pott dadurch seine angestammte Spielstätte verloren.
Im Kolosseum an der Kronsforder Allee hat das Festival in diesem Jahr eine neue Bühne gefunden. Sie ist etwas kleiner und besitzt nicht den rustikalen Charme des alten Hafenschuppens, bietet dafür jedoch eine gediegene Konzertsaal-Atmosphäre und eine ausgesprochen schmeichelhafte Akustik.
Mit der Adaption des Erfolgsromans „Die Welle“ von Morton Rhue wagt sich Gabriele Pott an einen anspruchsvollen Stoff, der aktueller kaum sein könnte. Im Mittelpunkt steht der Lehrer Peter Steiger, der ein gewagtes Experiment startet, um seiner Klasse die Mechanismen von Machtmissbrauch, Gruppenzwang und Faschismus begreifbar zu machen. Doch das Experiment gerät schnell außer Kontrolle.
Jeffrey Herminghaus (Der Lehrer Peter Steiger), Noah Schaul (Robert) und Sophia Marie Pott (Laura)
Mit eigens komponierter Musik von Gabriele Pott und einer neuen Textfassung der Regisseurin Birgit Kronshage ist eine spannungsreiche und bewegende Jugendoper entstanden. Wie gewohnt steht ein hochmotivierter Jugendchor gemeinsam mit professionellen Sängerinnen und Sängern sowie Orchestermusikern auf der Bühne. Das Ergebnis kann sich sehen und hören lassen.
Das Bühnenbild von Regine Henke trägt der im Vergleich zum Hafenschuppen deutlich kleineren Bühne Rechnung. Statt mit großflächigen Kulissen zu arbeiten, setzt sie raffiniert auf multifunktionale Pappkartons: Mal werden sie zu Sitzmöbeln, dann zu einer Mauer oder zu farbenfrohen Tanzrequisiten. Die Farbgebung der Kulissenelemente korrespondiert dabei stimmig mit den von Clarissa Gehring entworfenen Kostümen. Eine wirkungsvolle Beleuchtung sowie Videoelemente von Jack Collins vervollständigen das atmosphärische Bühnenbild.
Die Choreografie lag wiederum in den bewährten Händen von Martina Wüst. Ihre Bewegungssprache trifft stets präzise den Kern der jeweiligen Szene. Wüst versteht es meisterhaft, ihr junges Ensemble zu motivieren, und führt die 25 Choristinnen zu einer überzeigenden tänzerischen Darbietung. Man spürt förmlich, mit wie viel Freude und Elan die jungen Akteurinnen bei der Sache sind.
Der Chor (Choreografie Martina Wüst) und das Kunst-am-Kai-Orchester (Leitung Gabriele Pott)
Das kleine Orchester aus Musikern der Lübecker Philharmoniker und Gästen beweist feines Gespür für das Geschehen auf der Bühne und unterstützt das junge Ensemble auf hervorragende Weise. Hier zeigt sich einmal mehr das hohe künstlerische Niveau, für das die Lübecker ihr Orchester so sehr schätzen. Die Musikerinnen und Musiker beweisen eindrucksvoll, dass sie mit den unterschiedlichsten Genres umzugehen verstehen.
Den musikalischen Auftakt bildet ein Rap, hervorragend performed von Romy Neuß in der Rolle der Bella. Mit einem pointierten historischen Rückblick auf Aufstieg und Fall des Nationalsozialismus katapultiert sie das Publikum unmittelbar in das zentrale Thema des Abends.
Jeffrey Herminghaus (Der Lehrer Peter Steiger)
Gesanglich wie darstellerisch brilliert der Tenor Noah Schaul vom Theater Lübeck mit seiner bewegenden Darstellung des innerlich gedemütigten Außenseiters Robert, der in der Klasse als faul, verpeilt und lächerlich gilt. Voller Spott und Verachtung trampeln seine Mitschülerinnen auf seinen Gefühlen herum – allen voran Jasmin, die von Enya Mathea Leopold mit geradezu genüsslich zelebrierter Gehässigkeit dargestellt wird. Durch „Die Welle“ erfährt Robert jedoch die ersehnte Beachtung und Wertschätzung. An seiner Figur entfaltet sich die Tragik vom Aufstieg und Fall eines verführten und irregeleiteten Charakters besonders eindringlich. Selbst nach dem jähen Ende des Experiments wehrt er sich verzweifelt dagegen, in die Realität zurückzukehren.
Sophia Marie Pott (Laura)
Erst seine Mitschülerin Laura vermag es, ihn wieder in den Kreis der Gruppe zurückzuführen. Die junge Sängerin Sophia Marie Pott ist die künstlerische Überraschung des Abends. In ihrer Rolle als Laura steht sie als Einzige dem Experiment ihres Lehrers kritisch gegenüber und bekommt dadurch die bedrohliche Ächtung der „Welle“ zu spüren. Während sie ihrer Haltung treu bleibt, reibt sich ihre Freundin Anna, großartig verkörpert von Anna Hamann, zwischen den Fronten auf, bis die Situation zwischen den beiden jungen Frauen schließlich eskaliert. Mit ihrem wunderbaren Mezzosopran singt sich Sophia Marie Pott unmittelbar in die Herzen des Publikums. Spielerisch souverän und stimmlich klar, bruchlos, mit Wärme in den mittleren Lagen und herrlicher Leichtigkeit im oberen Register, verleiht sie ihrer Rolle Tiefe und Bedeutung.
Jeffrey Herminghaus überzeugt als Lehrer Peter Steiger mit einem angenehm ausgewogenen Bariton. Textlich nimmt er sich bisweilen einige Freiheiten, die sich beim Blick auf die Übertitel entdecken lassen. Als Lehrer Peter Steiger initiiert er das Experiment „Die Welle“, mit dem er seinen Schülerinnen und Schülern die Gefahren eines schleichend wachsenden Faschismus verdeutlichen will. Doch schließlich nimmt er selbst zunehmend diktatorische Züge an, bis nicht mehr klar ist, ob er noch Herr der Lage ist oder bereits dem Sog seiner eigenen „experimentellen“ Führerrolle erliegt.
Emily Nissen (Ehefrau Ellen Steiger) und Jeffrey Herminghaus (Peter Steiger)
Währenddessen ringt seine Ehefrau Ellen darum, ihren Mann wieder auf den richtigen Weg und zur Vernunft zu bringen – glänzend verkörpert von Emily Nissen. Sie meistert ihre Rolle mit großer Souveränität und beeindruckender Bühnenpräsenz und gefällt zudem durch hervorragende Artikulation, sowohl im Gesang als auch im gesprochenen Wort.
Mit sicherem Gespür gelingt es Regisseurin Birgit Kronshage, die Essenz der Geschichte fühlbar und erfahrbar zu machen. Sie führt dem Publikum eindringlich vor Augen, dass nur der Dialog und das ehrliche Bemühen um gegenseitiges Verständnis die entscheidende Tür öffnen können, um aus extremer Verblendung wieder in eine von Menschlichkeit und demokratischen Werten getragene Mitte zurückzufinden.
Die Welle, rechts: Noah Schaul (Robert)
Auf die aktuelle gesellschaftliche Debatte übertragen, wirft diese Botschaft allerdings eine durchaus kontroverse Frage auf: Sind sogenannte Brandmauern tatsächlich der richtige Weg? Wer den Dialog verweigert, riskiert, gesellschaftliche Ghettos zu errichten, aus denen kaum ein Weg zurückführt. Die Demokratie mit undemokratischen Mitteln schützen zu wollen, birgt einen fundamentalen Widerspruch in sich. Ein solcher Versuch droht letztlich an sich selbst zu scheitern.
Gabriele Pott ist ein bemerkenswerter musikalischer Wurf gelungen. Präzise auf das Thema und das junge Ensemble zugeschnitten, bietet der Abend eine enorme musikalische Bandbreite und bringt trotz der kleinen Orchesterbesetzung eine erstaunliche Vielfalt an Genres und Klangfarben zu Gehör. Pott führt ihr Ensemble zu einer großartigen Leistung. Besonders und vor allem der junge Chor überzeugt auf ganzer Linie. Selbst schwierigste Passagen mit komplex verschachtelter Mehrstimmigkeit und anspruchsvollen Harmonien meistern die jungen Talente mit bemerkenswerter Sicherheit und Bravour.
Standing Ovations für: Regine Henke (Bühnenbild), Clarissa Gehring (Kostüme), Martina Wüst (Choregraphie), Birgit Kronshage (Regie) und Gabriele Pott (Musik und musikalische Leitung), dahinter die Solisten und der Kinder- und Jugend-Chor
Kaum zu glauben, dass diese Inszenierung das Ergebnis von lediglich zwei Wochen Probezeit ist. Großes handwerkliches Können, jahrelange Erfahrung und vor allem eine gehörige Portion Begeisterung waren hier der Schlüssel zum Erfolg.
Am Ende gab es verdientermaßen stehende Ovationen und lang anhaltenden, begeisterten Applaus.
Fotos: (c) Christoffer Greiß














