Hilary Hahn, Foto: (c) Dana van Leeuwen/Decca

SHMF 2019
Begeisterung für Hilary Hahn und ein reizvolles Programm mit Bach und Schubert

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Johann Sebastian Bach war das musikalische Zentrum des diesjährigen Schleswig-Holstein Musik Festivals, das für Lübeck Ende der Woche mit der Aufführung der „Matthäus-Passion“ zu Ende geht. Einen grandiosen Schluss verspricht dieser Abend. In anderer Weise mitreißend war das Konzert am 23. August, also eine Woche zuvor präsentiert.

Die Geigerin Hilary Hahn und die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen unter Omer Meir Wellber waren zu erleben. Sie setzten sich im ersten Teil mit eher weltlichen Werken aus dem Schaffen des Thomas-Kantors auseinander, indem sie die beiden Violinkonzerte in E-Dur und a-Moll (BWV 1040 und 41) in einen Zusammenhang mit zwei Kompositionen aus der „Kunst der Fuge“ (BWV 1080) stellten, zwei konzertante Werke also mit zwei Werken einer hoch geistigen Klangwelt. In diesem späten Zyklus hatte Bach wie im „Musikalischen Opfer“ in äußerst kunstvoller Weise aufgezeigt, was alles mit einem Thema an kontrapunktischen Kunststücken zu schaffen und dennoch als lebendige, vierstimmige Musik wahrzunehmen ist. Er selbst aber hatte an keine speziellen Instrumente gedacht

Viele Exegeten haben sich damit auseinandergesetzt - theoretisch und praktisch. In sehr reizvoller Weise orchestrierte der blutjunge, 1998 in Chemnitz geborene Maximilian Otto den Contrapunctus I, den Beginn von Bachs kontrapunktischer Wunderwelt. Die Stimmen ließ er von Holzbläsern ausführen, während Pizzicatos der Streicher die Themeneinsätze rhythmisch und strukturell hervorhoben. Dazu nutzte er das gesamte Klangspektrum eines Orchesters bis hin zur Pauke. Das förderte ungemein die Durchhörbarkeit der konzentrierten Fuge.

Ganz anders ging die 1978 in Taschkent, Hauptstadt Usbekistans, geborene Aziza Sadikova vor, die sich mit dem Contrapunctus XII auf sehr eigenwillige Art beschäftigte. Bach nennt diesen Satz „Spiegelfuge über Varianten des Themas“. Eine in sich geschlossene Fuge setzte er darunter in genau gespiegelter Form, harmonisch in gleicher Weise korrekt. So entstanden eigentlich zwei Stücke. Diese komplexe Machart interessierte die Komponistin allerdings wenig. So war das Fugenmaterial bei ihr nur in minimalen Ansätzen herauszuhören, deutlicher zu Anfang in Holzbläsern, später in einer Passage der Celli. Die Klänge schienen stattdessen ein bewunderndes, erstauntes Atmen zu malen, wozu auch passte, dass zum Schluss hin ein Akkordeon eingesetzt war, das wie kein anderes Instrument geräuschhaft das menschliche Luftholen imitieren kann.

Alles arbeitete der Solistin zu, der Geigerin Hilary Hahn, die sich seit Karrierebeginn mit den hoch virtuosen Violinkonzerten Bachs beschäftigt hat. Dabei ist sie zu einer Deutung vorgestoßen, die fern von aller akademischen Enge der historischen Aufführungspraxis vor allem das Musikalische in Bachs Melodik und Rhythmik, in Dynamik und Formung befragt. Mit bewundernswerter Leichtigkeit meisterte sie die Finessen ihres Parts, formte ihn feinsinnig differenzierend mit leichten Veränderungen in Tempo und Klang, erreichte somit ein lebendiges Ausdrucksniveau, auf das Wellber achtsam reagierte. Der Dirigent selbst dirigierte vom Cembalo aus, so dass der barocke Klang gewahrt blieb, den auch das Orchester durch Intonieren ohne Vibrato bewahrte, während die Solistin sich durchaus bei längeren Tönen zur Ausdruckssteigerung die modernere Spielweise erlaubte.

Atemlos lauschte das Publikum und bewirkte mit dem begeisterten Applaus zwei Zugaben. Zunächst spielte Hilary Hahn zusammen mit dem Orchester „Oblivion“ („Vergessen“), einen Tango von Astor Piazolla. Der Dirigent griff wieder zum Akkordeon, mit dem er virtuos das Bandoneon, das für diese Musik typische Instrument, imitierte. In einer zweiten Zugabe kam sie mit der „Loure“, dem zweiten Satz der „Partita III“, auf Bach zurück. Die Wahl dieses Satzes bestätigte noch einmal die enorme Gestaltungskraft der Musikerin. Das Langsame des Tanzes, auch der stille Charakter forderten im Piano feinste Differenzierungen. Ein entrückender Abschluss!

Nach der Pause erklang Franz Schuberts Dritte Sinfonie, die man nur wegen ihres Schwunges, der Üppigkeit der thematischen Einfälle und ihrer lebhaften Verarbeitung ein Jugendwerk nennen kann. Der Wiener hatte diese Sinfonie mit 18 Jahren fertiggestellt. Wenn sie dann wie hier mit aller dynamischen Feinheit, mit allen Finessen in Agogik und Klanggestaltung interpretiert wird, kann nur gestaunt werden über die meisterliche Gestaltung der Partitur. Wellber dirigierte mit allem, was sich am Körper bewegen ließ, ohne dass das aufgesetzt wirkte, hatte auch noch Zeit zu kleinen Späßen. Das Orchester bestand die Herausforderung mit Bravour, die im Tempo im letzten Satz bis an die Grenzen exakten Zusammenspiels ging. Es war selbst begeistert von dem, was sich ereignete, so dass der Kapellmeister für mehrere Momente vergaß, auf seine Noten zu blicken. All das lockte jubelnden Beifall hervor.

Piazolla passte wunderbar zu den anderen Werken, gestaltet er doch ähnlich intensiv, hatte vor allem durch sein Studium in Europa sich gründlich mit der kontrapunktischen Schreibweise, auch der Bachs, vertraut gemacht.

Ein Dreigespann der Superlative traf sich!

Arndt Voß
Aufgewachsen in Neumünster, in Lübeck seit 1959. Studium in Kiel und Hamburg (Musik- und Literaturwissenschaft). Ständige Mitarbeit an den Lübeckischen Blättern von 1974 bis 2014, Berichte und Kritiken darüber hinaus in einigen anderen Organen. Schwerpunktthemen: Musiktheater, Schauspiel, Konzerte.
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