Frank Siebert, Leiter der künstlerischen Planung des Schleswig-Holstein Musik Festivals

Ein Gespräch mit Frank Siebert, dem Chefdramaturgen des Schleswig-Holstein Musik Festivals
„Die Welt in Klängen“

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„Phantasie ist offensichtlich genauso gefragt wie Hartnäckigkeit, wenn es darum geht, ein Festival durch Krisenzeiten zu steuern. Man darf diese Tugenden allerorten konstatieren.“ Das ist das Fazit, das der frühere Intendant des Schleswig-Holstein Musik Festivals (SHMF) Franz Willnauer in einem grundlegenden Artikel unter dem Titel „Musikfestspiele und Festivals in Deutschland“ im Jahre 2012 zog.

Von Krise musste im Gespräch mit dem künstlerischen Leiter des Schleswig-Holstein Musik Festivals nicht die Rede sein, das Festival ist im 31. Jahr seines Bestehens gut aufgestellt. Der wöchentliche Blick des gesamten Leitungsteams auf die Saalpläne stimmt zuversichtlich und glücklich. Phantasie und Hartnäckigkeit sind ohne Zweifel Tugenden, die Frank Siebert als künstlerischer Leiter des Festivals mitbringt, aber sicher nicht die einzigen.

„Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum“

Dieser Aussage Nietzsches schließt sich Siebert ohne Bedenken an. Musik ist für ihn etwas Existentielles, sie trägt ihn. Aufgewachsen in einem Elternhaus ohne Affinität zur klassischen Musik forderte er für sich selbst ein Klavier ein, das die Großmutter dem 15-Jährigen schenkte. Für die Erfüllung des Traums, selbst als Künstler auf dem Niveau zu wirken, das er sich vorstellte, war es dann doch schon zu spät. Sein Dank gilt den Eltern, die ihm ein musikwissenschaftliches Studium ermöglichten. Zehn Jahre freiberuflicher Tätigkeit für verschiedene Rundfunkanstalten und Printmedien schlossen sich an das Examen an, dann kam das Angebot, für das SHMF als Chefdramaturg tätig zu sein. Im 21. Jahr trägt das Festival jetzt schon seine künstlerische Handschrift. So wie er für den Rundfunk einen Anspruch an sich selber wie an die Hörerinnen und Hörer stellte – mit Bedauern stellt Siebert fest, dass zweistündige Sängerporträts angesichts um sich greifender „Häppchenkultur“ heute undenkbar sind –, so formuliert er auch seinen Anspruch an das von ihm konzipierte Konzertprogramm: „Es darf nicht alles leicht und locker daherkommen. Es geht nicht nur um Unterhaltung. Den Menschen darf etwas zugemutet werden.“ Ein Konzert bedeutet für ihn ein gesellschaftliches Ereignis in einem ganz besonderen Sinn: Es ist für den Hörer ein „Schritt aus dem Alltag“, hinein in eine besondere Situation. Man sitzt im Kollektiv des Publikums und lauscht dennoch allein ohne Störung (!) zwei Stunden lang der Musik. Dies führt im glücklichsten Fall zu einer „Auseinandersetzung mit sich selbst, einer Konzentration auf sich selbst und man verlässt den Raum als ein anderer Mensch.“ Musik vermag zu verwandeln.

Das Festival jedes Jahr neu erfinden

Neue Inhalte zu finden, neue Künstler nach Schleswig-Holstein zu ziehen, Menschen dafür neugierig zu machen, das ist für Siebert das Reizvollste im 21. Jahr seiner Tätigkeit für das SHMF: „Ein ganzes Land zu bespielen, über 100 Spielorte, verteilt auf 60 bis 65 Orte. Das sind über 100 unterschiedliche Orte, auch mit unterschiedlichen Gegebenheiten akustischer Natur.“ So gilt es zu überlegen: „Welcher Künstler passt mit welchem Programm an welchen Ort?“ Neue Konzepte bemerkt der Hörer, der dem Festival seit über drei Jahrzehnten verbunden ist. Länderschwerpunkte wurden durch Komponisten- und Interpreten-Porträts abgelöst. In gewissem Sinne waren die Länderschwerpunkte „ausgereizt“, wenngleich Siebert es für reizvoll gehalten hätte, Griechenland (man denke nur an die unendliche Vielfalt griechischer Mythen und deren musikalische Umsetzung) oder der Schweiz einen Schwerpunkt zu widmen. Anders als bei Festivals mit einem Artist in Residence erhält der Porträtkünstler – nach Martin Grubinger, Sol Gabetta und András Schiff in diesem Jahr der Mandolinenvirtuose Avi Avital – die Möglichkeit, nicht nur drei, vier Konzerte zu geben, sondern im Lande zu wohnen, sich selber Wünsche zu erfüllen, mit welchem Künstler er zusammen auftreten, welche künstlerische Gewichtung er vornehmen möchte. Nach Mendelssohn, Tschaikowski und Joseph Haydn ist 2017 Maurice Ravel der Komponistenschwerpunkt gewidmet. „Vom Makrokosmos eines Länderschwerpunktes zum Mikrokosmos eines Komponistenlebens“ – das eine ist für Siebert so reichhaltig wie das andere. Gerade bei Ravel, von dem viele nur den „Bolero“ kennen, gibt es viel zu entdecken – auch für einen Musikwissenschaftler, der bestrebt ist, bei der Planung Verbindungen zwischen Ravel und anderen Komponisten herzustellen.

Grenzüberschreitungen

Von Mnozil Brass bis zur Familie Flöz, von Gerhard Polt mit den Well-Brüdern bis Esther Ofarim; Horwitz singt Brel, Swedish Folk ermöglicht eine Begegnung mit der Schlüsselfiedel: Grenzüberschreitungen gehen nicht zu Lasten der Klassik, erläutert Frank Siebert. So gibt es in diesem Jahr mehr klassische Konzerte als vor zehn Jahren und daneben ein nicht-klassisches Programm auf hohem Niveau. Begeistert erzählt Siebert von der inzwischen 75-jährigen Esther Ofarim, die bei aller äußeren Veränderung – jetzt mit flammend rotem Haar – ihr unverwechselbares Timbre erhalten hat. „Zwischen Märchen, Traum und Wirklichkeit“ ist der Titel einer Ravel-Soiree im Kieler Schloss, die Siebert selbst konzipiert hat.

Künstlerisches Konzept und wirtschaftliche Überlegungen

Auch als künstlerischer Leiter kann Siebert sich vom Blick auf das Finanzielle nicht freimachen. „Der Druck, dass sich etwas wirtschaftlich rechnen muss, ist immer da. Das Finanzielle habe ich immer mit im Blick. Mit welchen Eintrittspreisen erziele ich welches Ergebnis?“ In dieses rechnerische Denken ist Siebert hineingewachsen. Und er muss überlegen: Ist dieser Künstler für diesen bestimmten Ort bekannt genug? Eine Garantie für ausverkaufte Konzerte gibt es nicht. „Das Publikum ist Gott sei Dank unberechenbar.“ Auch Konzerte, denen man ein größeres Publikum gewünscht hätte oder bei denen der Kartenverkauf zögernd anläuft, deren Programm auf den ersten Blick schwierig und sperrig zu sein scheint, können ihre ganz besondere Kraft entwickeln. Siebert erinnert an das Konzert im Lübecker Dom, das Joseph Haydns „Die sieben letzten Worte des Erlösers am Kreuz“ mit Texten aus „Arbeit und Struktur“ von Wolfgang Herrndorf verschränkte. Da trafen ein gläubiger katholischer Komponist und ein unheilbar an einem Gehirntumor erkrankter Schriftsteller, der sich 2013 das Leben nahm, aufeinander. „Man muss auch solche Themen haben“, kommentiert Siebert, auch mit ihnen kann man Menschen erreichen, so dass sie „verwandelt“ den Konzertraum verlassen. Wir hatten es von Siebert schon gehört: Dem Menschen darf – und muss – etwas zugemutet werden.

Das SHMF als große Bürgerinitiative

Als große Bürgerinitiative hat der frühere Bundespräsident Richard von Weizsäcker das SHMF bezeichnet – ein sicher glücklicher und treffender gewähltes „Etikett“ als der „musikalische Flächenbrand“, der dem Festival auch attestiert worden ist. Für Siebert ist das SHMF immer noch unverwechselbar das Festival der Bürger. „Das Netzwerk der Beiräte, die mit Fürsorge und Spaß bei der Sache sind, das gibt es in dieser Qualität woanders nicht. „ Bei aller Vielfalt der Festivals in Deutschland, trotz aller „Ableger“: „Wir sind immer noch das Original.“

Phantasie und …

„Ich experimentiere ganz viel“, so umschreibt Siebert seine Tätigkeit. In sich stimmige Programme zu entwickeln, Menschen zu begeistern, sie neugierig zu machen – das ist Sieberts Ziel. Ängste zu nehmen, damit Menschen ihre Scheu vor der Begegnung mit dem Unbekannten verlieren, und zu vermitteln: Diese Musik kann jeder verstehen. „Wir haben alle die gleichen Ohren.“ „Die Welt in Klängen“ lautet die Überschrift des Briefes des Intendanten Christian Kuhnt, der in dem Programmbuch des diesjährigen Festivals lag. Was bedeutet das für Frank Siebert? „Schleswig-Holstein kommt als Ganzes zum Klingen. Das ist auch meine Welt in Klängen. Ich bin mit meiner Arbeit im Zentrum der Dinge – das füllt mich aus.“ Kann man etwas Schöneres über seine Arbeit sagen?

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