Gunter von Hagens „Körperwelten“ in der Kulturwerft Gollan
Was ist der Mensch?

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Seit Juni schaute er uns an, egal, wo wir uns in Lübeck befanden, der plastinierte Kopf eines Mannes aus der Ausstellung der „Körperwelten“ des Gunther von Hagens.

Die Lippen wirken wie mit Botox aufgespritzt, der Blick geht über den Betrachter des Plakates hinweg. Mit einem immensen Aufwand der örtlichen Presse wurde die Ausstellung in der Kulturwerft Gollan begleitet und erweckte, mit wenigen Ausnahmen, den Eindruck einer Hofberichterstattung. Bürgermeister Lindenau zeigte sich angetan, konnte die im Vorfeld geäußerte öffentliche Kritik nicht verstehen. Die Pröpstin bemängelte erstaunlicherweise zunächst nur den ungünstigen Zeitpunkt: Es seien doch gerade so viele Corona-Tote zu beklagen.

Heftige Kritik? Fehlanzeige. Erinnerlich sind mir lediglich der Leserbrief von Altbischof Kohlwage und eine kritische Anmerkung des früheren Bürgermeisters Bouteiller auf Facebook. Jonathan Meese könnte im Nachhinein noch neidisch werden.

Schon die Vorbereitung wurde in den Lübecker Nachrichten auf einer halben Seite dargestellt (20. Juni: „Der Aufbau bei Gollan läuft“), der plastinierte Hürdenläufer schafft es drei Tage später auf die Titelseite („Start der Körperschau“), begleitet von einem fast ganzseitigen Bericht im Regionalteil. Am 9. Juli lesen wir, dass „Studentinnen bei den Körperwelten“ waren. Auch die Kuratorin Angelina Whalley kann sich über die Länge des Interviews nicht beklagen (28. Juli). Am 14. August berichten die LN über ihren „LNTalk zu Körperwelten: Zwischen Kritik und Anerkennung“. Regelmäßig erscheinen bebilderte Werbeanzeigen; zu sehen sind der oben bereits erwähnte Kopf, eine Ballett-Tänzerin auf Spitzenschuhen, ein Schachspieler, dessen offen liegendes Gehirn sich offensichtlich auf die Spielfiguren konzentriert.

Nicht nur in Lübeck waren die „Körperwelten“ zu sehen. Auch in Greiz, Tallinn, Kassel, Heidelberg, im „Erlebnismuseum“ Berlin, in Amsterdam, Cleveland, Calgary, natürlich im Plastinarium in Guben und demnächst in Idaho können die Plastinate besichtigt werden. Bis zum 3. September wurden in Lübeck 50.000 Besucher gezählt. Können so viele Menschen sich irren? Schnell waren die Mund-Nasen-Schutzmasken zum Preis von 5 Euro ausverkauft, über Facebook wurden noch zehn Masken verlost, mit denen man die untere Hälfte seines Gesichts zu einem Plastinat machen kann: Halloween im Sommer?

Die Reaktion im Netz war Anfang Juli fast überwiegend enthusiastisch: mega cool, oh wie geil, genial, die sehen Hammer aus, superschön, nett. Nur ein Nutzer wagte zu sagen: verstörend. Die Nähe zum Zombie mag erschrecken, schaut man sich im Netz die „Morphsuits“ (Ganzkörperanzüge) für Kinder und Erwachsene an, die, enthäutet, den Blick auf Muskelstränge und Gedärme freilegen.

Ausstellungen, Talkrunden, wie die in Lübeck, wurden begleitet von Franz Josef Wetz, Philosophie-Professor an der PH Schwäbisch Gmünd. Er hat übrigens 1993 einen Einführungsband zu Hans Blumenberg geschrieben. Auf ihn geht offensichtlich die philosophische Unterfütterung der Körperwelten zurück. Personen, die sich als Körperspender zur Verfügung gestellt haben, werden nach ihrem Tod mit dem Bodymobil – das Wort Leichenwagen wird geflissentlich vermieden − zu ihrem Bestimmungsort abgeholt, wo sie auf unbegrenzte Zeit haltbar gemacht werden sollen.

Schon das Bodymobil schmückt sich mit Zitaten von Immanuel Kant, zu finden sind sie auch auf der Homepage der „Körperwelten“: „Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch?“ Und auch Jean Paul Sartre wird bemüht: „Der Mensch ist nichts anderes, als wozu er sich selbst macht.“ Beide Philosophen können sich gegen diese ungeheuerliche Instrumentalisierung ihrer Gedanken nicht wehren. Was darf ich hoffen? Mit der Verwunderung des Menschen, dass er sterblich ist, entsteht sein Bedürfnis nach einer Metaphysik, das nach Schopenhauer allein dem Menschen, dem „animal metaphysicum“, eigen ist. Kant spricht von einem „unhintertreiblichen Bedürfnis“ des Menschen, das ihn Fragen nach Gott, Freiheit und Unsterblichkeit stellen lässt.

Was ist der Mensch? In den Körperwelten ist er reduziert auf plastinierte Muskeln, Nervenstränge, Gelenke. Und welch Missverständnis des Existentialismus, wie ihn Sartre vertritt: „Wir wollen sagen, dass der Mensch erst existiert, das heißt, dass der Mensch erst das ist, was sich in eine Zukunft wirft und was sich bewusst ist, sich in der Zukunft zu entwerfen.“ (s. Der Existentialismus ist ein Humanismus, 1946). Die Übertragung auf Ganz- oder Teilkörperplastinate verfehlt Sartres Ansatz.

Was ist weltweit derzeit in den Ausstellungen zu sehen? Längst werden auch plastinierte Tiere gezeigt. In Lübeck war es der Elefant Samba, „das gewaltigste Lebewesen, das je plastiniert wurde“ (LN 20.06.2020). Von Hagens scheut nie vor großen Worten zurück. Das „Megaplastinat“, 'Reiter auf scheuendem Pferd', dessen Herstellung 8.000 Arbeitsstunden und 300.000 Euro gekostet hat, ist für ihn „zugleich ein Beitrag zum Tierschutz, denn gerade Pferde wurden in Kriegen (…) zu Tausenden auf dem Schlachtfeld in qualvollen Tod getrieben.“ Diese Argumentationsvolte muss man erst einmal reiten. Ist dann der plastinierte Gorilla ein Beitrag zum Artenschutz einer bedrohten Tierart?

Im Mittelpunkt des Interesses, und das nicht nur in Lübeck, stehen sicherlich „geruchsneutrale“ Ganzkörperplastinate – schwebende und liegende Akte (2009 verboten), die Münder wie in Ekstase beim Sex geöffnet, Brüste und Penis natürlich sichtbar, Plastinate mit einer Vorliebe für den Sport: Bogenschützen, Basketballspieler, Fußballer, Turner an den Ringen oder am Reck und Turnerin auf dem Schwebebalken, Hochspringer und Akrobaten, auch eine Pokerrunde oder ein Saxophonspieler, eine Schwangere im 8. Monat mit ihrem Fötus, ein Ganzkörperplastinat mit „Schubladen“, offensichtlich an Salvador Dalis „Brennende Giraffe“ angelehnt, ein Plastinat, das seine eigne Haut in der rechten Hand hält. Hier spielt von Hagens eindeutig mit den seit der Renaissance bekannten Écorchés in Malerei und Plastik. „… so eine Inszenierung von Verstorbenen in Turnerpose oder als Hürdenspringer ist für mich nicht angemessen“, sagt Jürgen Westermann, Professor (Institut für Anatomie der Universität Lübeck) in der Talkrunde. Die in Pose gebrachten Plastinate „menscheln“ – man beachte die Mimik.

Was ist der Mensch? fragt Kant. Hier muss die Antwort jetzt lauten: Er ist kein Subjekt, er ist zum Ausstellungsobjekt geworden.

In dem über YouTube veröffentlichten Film „Die Kunst der Plastination“ (10.08.2018) wird betont, alle anatomischen Präparate seien echt, „trocken und geruchsfrei“. Das beruhigt, möchte man doch bitte nicht direkt mit Tod und Verwesung konfrontiert werden, die unabdingbar zum Kreislauf des Lebens dazugehören. „Denn in der normalen Biologie, in der es um Bios, das Leben, geht, gehört das Verwesen zum Prozess, aus dem wieder Leben entstehen darf. Die Plastination hält diesen Prozess an“, gibt der in Lübeck geborene Psychiater Franz Eduard Peschke zu bedenken.

An Körperspendern mangelt es übrigens nicht. Weltweit werden 19.222, davon in Deutschland allein 17.148 Körperspender registriert (Stand Februar 2020). Damit dürften auf Jahrzehnte noch etliche Ausstellungen bestückt werden können. Was bewegt Menschen, sich als Körperspender registrieren zu lassen? In der Lübecker Diskussionsrunde sagt eine Frau: „Der Gedanke an meine Plastination hat mich richtig erleichtert, es hat so was von Weiterleben, von Recycling und Nachhaltigkeit.“

Recycelt tourt man dann nach seinem Tode durch die Lande. Zu welchem Zweck? Wir erfahren: „präventive Gesundheitsaufklärung auf anschauliche Weise“, Anregung zur Auseinandersetzung mit dem eigenen Lebensstil, „Sinn für Gesundheit schärfen“ (so Franz Josef Wetz in einem Film zur Ausstellung in München 2014), Edutainment (also eine Verbindung von Erziehung und Unterhaltung), ein Projekt der Aufklärung. „Dabei fordert KÖRPERWELTEN wie jede Ausstellung von ihren Besuchern die Sehweise von Flaneuren, weil erst so die Präparate (…) Objekte ästhetischen Wohlgefallens werden können.“ (Wetz, S. 109).

Lassen wir von Hagens selbst zu Wort kommen: „In der heutigen Erlebnisgesellschaft lässt sich eine Demokratisierung der Anatomie nur durch Erlebnisanatomie erreichen, wenn Besucher staunen dürfen und sich ihnen anatomisches Wissen auf ästhetischem Wege mitteilt.“ (Wetz, S. 9) Es gäbe jetzt vieles ausführlich zu erläutern: der Rückgriff auf Kants Ästhetik, die bei Wetz mitschwingt, der ganz offensichtliche Bezug auf eine Gesellschaftsanalyse, in der das Erlebnis im Vordergrund steht und alles zum Event werden muss, vom Einkauf über den Restaurantbesuch bis zum Sport und weit darüber hinaus, wie man hier sieht.

Gunter von Hagens „Credo“ ist auf der Homepage der „Körperwelten“ nachzulesen: „Ich hoffe, dass die KÖRPERWELTEN Orte der Erleuchtung (sic!) und Reflexion, sogar der philosophischen und religiösen (sic!) Selbsterkenntnis sind“. Das Selbst nach einem „postmortalen Identitätswechsel“? Welch merkwürdiges Mixtum ergibt sich da. Wer ist eigentlich dieser Gunter von Hagens? „Doktor Tod“, wie er anfangs vielfach bezeichnet wurde, der Tabuverletzer, der 2002 in London öffentlich vor zahlendem Publikum eine Leiche sezierte. „Die Veranstaltung wurde anschließend auch im britischen Fernsehen gezeigt.“ (FAZ, 21. 11. 2002)

Der Geschäftsmann, der 2010 in seinem Onlineshop auch Ganzkörperplastinate anbot: 69.615€ zuzüglich Versand, ein Kopf für 22.015€, ein Gehirn gab es schon für 4.165€ (s. Christina Berndt: Leichen aus dem Internet, in: SZ, 19. 10. 2010). Von Hagens in seiner Rundmail, so berichtete die Süddeutsche Zeitung: „Um die aufwändige Plastinationsforschung fortzuführen (sei es) notwendig, die begonnene Demokratisierung (sic!) der Anatomie zu stärken und die Produkte einem größeren Kreis potentieller Interessenten zugänglich zu machen.“ Für das kleinere Portemonnaie gab es auch Schmuck, so z. B. ein Collier mit einem Plastinat aus Penis und Hodenscheiben eines Bullen. Lifestyle für die anspruchsvolle Kundin? Diese Angebote finden sich allerdings nicht mehr auf der Shop-Seite.

Der „Macher“, dem 2004 vorgeworfen wurde, Körper von chinesischen Hinrichtungsopfern für Präparate genutzt zu haben. Er sicherte zu, dass in seinem Institut in China gefundene Ganzkörperpräparate mit Kopfverletzungen bestattet werden sollten. (FAZ 22. 01. 2004) „Der große Zampano“, dem zwei Autoren bereits vor zwanzig Jahren eine Biografie unter dem Titel „Endlich unsterblich“ gewidmet haben, die in einer Rezension (FAZ, 05. 05. 2001) als „Hagiographie“ bezeichnet wurde. Der Mann, der das wachsende Siliconimperium steuert (ebda.). „Genie & Grenzgänger“ (F. J. Wetz auf der Homepage), ein „Robin Hood der Anatomie“ (Homepage).

War Robin Hood nicht der Kämpfer für soziale Gerechtigkeit? Der Mann mit dem schwarzen Hut, der auf seiner Homepage dem Anatom Tulp auf Rembrandts berühmtem Anatomie-Gemälde zugeordnet wird. Unwillkürlich stellt man Verbindungen zu Joseph Beuys her. Was soll dem Betrachter damit suggeriert werden? Die Homepage versucht Auskunft zu geben und vermag damit nicht zu überzeugen: „Doch sein Hut ist keine Marke; er steht vielmehr für sein Demokratieverständnis und Individualität. Denn die Stärke der westlichen Demokratie liegt darin, dass sie den Individualismus fördert, ganz nach dem Motto: Leben und leben lassen.“ Ein seltsames Demokratieverständnis!

Ist es nicht eher so, dass von Hagens schon längst an seiner Selbstmythologisierung gearbeitet hat? Kritiker, die wie Lübecks früherer Bürgermeister Bouteiller auf die Menschenwürde rekurrieren, die im Tode eines Menschen nicht endet, handeln sich schnell den Vorwurf „religiöser Verbohrtheit“ ein. Körperwelten – Verletzung der Menschenwürde? Kritische Stimmen sind erstaunlicher Weise seltener geworden. Theologen, Philosophen, Ärzte äußern sich, wie zum Beispiel im Deutschen Ärzteblatt (2004) die Dozenten des Uniklinikums Frankfurt/M: „Wir sehen in der Degradierung von Leichnamen zu einem formbaren Rohstoff die Bedienung eines Voyeurismus am Werke, dessen visuelle Bedürfnisse nicht vom Bildungsideal gesteuert, sondern an Kinosehgewohnheiten gewachsen sind.“

Mit dem ethischen Problem einer Verletzung der Menschenwürde wird der Philosoph Wetz schnell fertig. „Der Begriff leidet unter deklamatorischer Abnutzung“, er sei „ein überhitzter Begriff“ (Film auf YouTube zur Münchner Ausstellung 2014). Der tote Körper habe einen Achtungsanspruch und ein Erdgrab sei achtungsloser als eine Plastination. Wie fundiert und gleichzeitig einfühlsam ist dagegen der Beitrag der Medizinstudentin Franziska Strecken unter dem Titel „Mit Herz und Haltung“ in den Lübeckischen Blättern Nr. 13/2020.

Nach Wetz’ Auffassung muss sich offensichtlich der Plastinator von Hagens, auf der Homepage auch als Schöpfer (sic!) der Körperwelten bezeichnet, keine Gedanken über das Problem möglicher Verletzung menschlicher Würde machen. „Über die Würde entscheidet in letzter Hinsicht der Besucher.“ Schließlich habe er, so von Hagens selber, ja auch nicht „eine Blumenvase aus einer plastinierten Menschenlunge oder eine Karnevalsmaske aus einem menschlichen Magen“ gemacht (Wetz, S. 9).

Geben wir anlässlich seines 100. Geburtstages dem Philosophen Hans Blumenberg das Schlusswort:

Das Dasein

Römische Grabinschrift, nicht als Rätsel für die Nachlebenden, sondern als Mitteilung der sichersten Gemeinsamkeit mit ihnen, die keiner Entschlüsselung bedarf:
N F F N S N C
Doch sollte der Spruch noch solche erreichen, die zwar seines Sinnes inne, nicht aber seiner Sprache kundig sind:
NON FUI; FUI; NON SUM; NON CURO
Bin nicht gewesen, bin gewesen, bin nicht mehr, keine Sorge.

Wer das ernst nimmt, braucht kein Ganzkörperplastinat. Keine Sorge.

Literaturhinweise:
- Franz Josef Wetz: Tote hoch zu Ross, Vom Triumph der Statue zum Verbot des Plastinats. Heidelberg: Art & Sciences 2003
- Eine ausführliche Interpretation des Gemäldes von Rembrandt „Die Anatomie des Dr. Nicolaes Tulp“ finden Sie z. B. unter: www.deutschlandfunk.de. Der Titel des Gemäldes wird auf der Homepage der Körperwelten nicht richtig wiedergegeben.
- Franz Eduard Peschke: Von Hagens und seine Plastination – als Ausdruck einer narzisstischen, „perversen“ und nekrophilen Gesellschaft. In: Klaus Reichert und Christian Hoffstadt (Hrsg.): ZeichenSprache Medizin. Semiotische Analysen und Interpretationen. Bochum: projekt Verlag 2004
- Hans Blumenberg: Das Dasein. In: Begriffe in Geschichten. Frankfurt: Suhrkamp 1998, S. 29

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