Alexej Baskakov "Ich bin kein Mitläufer"
Thomas Mann und die Sowjetunion

Von

Weltkongress der Schriftsteller in New York, 9. bis 11. Mai 1939: Erich Maria Remarque, Arnold Zweig, Alfred Döblin, Oskar Maria Graf und Klaus Mann nehmen teil. „Thomas Mann plädierte für ein politisches Engagement der Intellektuellen gegen den Faschismus“, stellt Alexej Baskakov im Rückgriff auf Thomas Manns Ansprache fest. Nicht der Bolschewismus, sondern der Faschismus bedrohe die westliche Zivilisation.

„Er sagte sich vom Irrtum seiner Jugend, Kultur wäre antipolitisch, los.“ (S.65) Und nicht frei von selbstgefälligem Selbstbewusstsein vermerkt Thomas Mann in seinem Tagebuch: „Meine Rede die einzig ernsthafte.“ Wie aber sieht es mit T. M.s politischem Bewusstsein, seiner Analysefähigkeit zwischen den Jahren 1918 und 1955 aus und worin besteht das Verdienst des Buches von Alexej Baskakov, der das Verhältnis Thomas Manns zur Sowjetunion (und das der Sowjetunion zu T. M.) untersucht?

Zu allererst einmal darin, dass es Baskakov gelungen ist, zum ersten Male geheimdienstliche Akten aus russischen Archiven einzusehen und auszuwerten. Wieso auch sollte der sowjetische Geheimdienst kein Interesse an T. M. gehabt haben? Hat doch auch das FBI eine Akte über T. M. (Beginn Frühsommer 1940) und andere antifaschistische Schriftsteller-Emigranten angelegt – übrigens auch über 130 amerikanische Autoren, wie der Kritiker Fritz J. Raddatz 2001 in einem ZEIT-Artikel feststellte („Der amerikanische Albtraum“). Thomas Manns FBI-Akte wurde bis zum 10. August 1956 geführt; letzter Eintrag: „Subject deceased, to file.“

Seit 1946 wird eine Personalakte Nr. 117 zu Thomas Mann beim Erfassungssektor der Abteilung des ZK der Kommunistischen Allunionspartei (seit 1952 KPdSU) geführt. 38 Positionen unter der Überschrift „Streng geheim“ zwischen 1946 und 1954 werden zusammengefasst, darunter auch die obenauf liegende Rundfunkansprache an die deutschen Hörer vom 30. Dezember 1945 − in deutscher Sprache.

Mit bewundernswerter Akribie und philologischer Gewissenhaftigkeit verbindet Baskakov Eintragungen in diesem Dossier mit Tagebucheintragungen, dem Reisebericht „Germany Today“, den Thomas Mann 1949 für das New York Times Magazine schrieb, dem Forschungsstand der Sekundärliteratur, mit Briefwechseln (z. B. mit Johannes R. Becher), Interviews mit Thomas Mann und vielen anderen relevanten Quellen. Das Wichtigste: Er stellt nicht nur zusammen oder gegeneinander, er zieht Schlüsse, wertet, und nicht jede Wertung mag einem eher unkritischen Mann-Verehrer gefallen.

Entstanden ist ein Buch, das man mit zunehmender Spannung liest. Man verfolgt das Verhältnis Thomas Manns zu Russland, zur Sowjetunion, zum Kommunismus von 1918 bis 1955, von den Kontakten zu russischen Schriftstellerkollegen wie Naschiwin, Bunin und Schmeljow, von freundlich-kollegialen Reaktionen und Danksagungen auf eingeschickte Bücher bis hin zum triumphalen Besuch in Weimar (unbequeme Fragen stellt er dort zur Zufriedenheit der Gastgeber nicht) und Presseangriffen im Westen, bis hin zu Preisen und Ehrungen: „Ein holländischer Orden wäre mir lieb, die französische Huldigung würde mich freuen.“

Bereits in den 20er Jahren musste, so Baskakov, T. M. „die Diskrepanz zwischen der so attraktiven ‚zukunftsweisenden Idee‘ (ergänze: des Kommunismus) und dem Massenterror, welche ihre Umsetzung verlangte, erklären. Er machte es sich leicht und bediente sich eines klassisch westeuropäischen Klischee-Komplexes, in dem er den Massenterror im Sowjet-Land durch den russischen ‚Asiatismus‘ lies: Wildheit und Neigung zur Anarchie, begründete.“ (S.12) Zur kommunistischen Wirklichkeit äußerte er sich immer diplomatischer (S.14), auch noch in Kenntnis der großen Säuberungen 1937/38. Die Asiatismus-Theorie beiseitegelegt, rechtfertigt T. M. den Bolschewismus seit Ende der 20er Jahre als weltwichtiges korrektives Prinzip.

1949 liest und bewundert er den Roman „Mit den Augen des Westens“ von Joseph Conrad. Nun spricht er unter dem Einfluss dieser Lektüre im Hinblick auf die ursprünglich auf Freiheit zielende Revolution von 1917 als von einer „autokratischen Revolution“, die in einen revolutionären Polizeistaat führte, begründet durch „russischen Charakter und russisches Schicksal“. Der Kommunismus bleibt für ihn im Kern eine „humanitäre und demokratische Bewegung“ (S. 182).

Der Überfall der Sowjetunion auf Finnland versetzt T. M. in Ratlosigkeit und Bestürzung. „Die Idee eines zukunftsweisenden, idealisierten Sozialismus ließ er sich nicht nehmen“, stellt Baskakov fest (S.75). Aus der „diplomatischen Haltung“ wird eine Haltung, in der er später als amerikanischer Bürger gefährliche Klippen umschifft und die ihn bei politischen Auftritten vorsichtig agieren lässt. Aus dem von den Sowjets umworbenen Exilschriftsteller wird ein mit der UdSSR sympathisierender Friedenskämpfer, der aber aus Vorsicht den Stalin-Friedenspreis ablehnt. Sicher gibt es „Bekenntnisse zur westlichen Welt“, es gibt die Ablehnung von Terror, Gewalt und Lüge, „ohne aber diese Erscheinungen als Attribute der kommunistischen Diktatur explizit zu bezeichnen. (…) Kein klares Nein zum Kommunismus und ein durch Freiräume und Vorbehalte geschwächtes Künstler-Ja zum Westen. “ (S.157 f).

Die Arbeiterrevolte in Ostberlin am 17. Juni 1953 bezeichnet er in seinem Tagebuch als „lausbübisch bis zum Exzess“. Auf welch interessante Pfade Baskakov den Leser führt, mag an einem Einzelbeispiel illustriert werden. Walter Ulbricht, KPD-Funktionär, schreibt am 2. Juli 1939 in einem vertraulichen, an den Generalsekretär der Komintern Georgi Dimitroff gerichteten Brief über eine Rede T. M.s am Hobart College (Geneva, Bundesstaat New York) zum Thema „Kommunismus und seine Ableitungen“. Ulbricht setzt sich mit der Reaktion „ideologisch treuer, aber politisch unerfahrener Kommunistenkreise“ (S.67) auseinander, die u. a. daran Anstoß genommen hatten, dass T. M. Faschismus und Bolschewismus als feindliche Brüder bezeichnet hatte. Ulbrichts Schreiben verdeutlicht die Strategie, mit der T. M. in seiner Funktion als fortschrittlicher Intellektueller und Antifaschist gewürdigt werden sollte. „Daher sollten seine ideologischen Fehltritte stets mit Nachsicht und Taktgefühl behandelt werden.“ (S.68)

Ausführlich analysiert Baskakov T. M.s Einstellung zu den Vereinigten Staaten, deren Staatsbürger er ist. Dem idealisierten Roosevelt-Amerika folgt ein Amerika, von dem für die Welt seiner Auffassung nach die größte Gefahr, auch die eines 3. Weltkrieges, ausgeht. Noch aus der Schweiz schreibt T. M. 1954 in einem Tagebucheintrag: „Findet sich nicht ein braver junger Mann, der Mc Carthy erschießt, so steht es um Amerika schlimmer als um Deutschland.“ Den Kommunistenjägern Mc Carthy, Truman, Eisenhower: Thomas Mann wirft sie, so Baskakov, alle in einen Topf. Und vergessen wir nicht, dass Thomas Manns Verhältnis zum Adenauer-Deutschland nicht viel positiver war als das zu dem ihm immer missliebiger werdenden Amerika.

 T. M. wäre es, so Baskakovs Fazit, fremd gewesen, das kommunistische System zu verurteilen, er hat nicht in ihm gelebt, fühlt sich von ihm nie bedroht. Die Sowjetunion war für ihn gleichbedeutend mit einer zukunftsweisenden Idee. „Diese subjektiven ‚mildernden Umstände‘ genügten ihm, um bei Taten des kommunistischen Systems ein Auge zuzudrücken. Oder sogar beide zu verschließen.“ Baskakovs Buch trägt dazu bei, die Augen des Lesers zu öffnen für einen Schriftsteller, der Sympathien für die russische Kulturleistung empfindet, das Werk Tolstois und Dostojewskis nicht missen möchte (S.119), der sich freut, dass die Sowjetregierung russische Klassiker wieder mit hoher Stückzahl auflegt (T. M. nach Besuch der sowjetischen Pavillons bei der Weltausstellung in New York 1939), dessen Tendenz zum Vertuschen und Verdrängen über den Massenterror in der UdSSR wir jedoch nicht übersehen dürfen.

Lübecker Aperçu: Am 11. Juni 1953 schreibt der Korrespondent der Lübecker Nachrichten, so zitiert Baskakov (S.162): „Einer der großen unter den Dichtern! Wenn er sich politisch äußerte, war es oft schwierig, ihm zu folgen.“ 

Alexej Baskakov: „Ich bin kein Mitläufer…“ - Thomas Mann und die Sowjetunion, Böhlau Verlag, 2018, gedruckt mit freundlicher Unterstützung der Friedrich-Blume- und Else-Jebsen-Stiftung Lübeck, Amazon.

Das Buch ist in den inhabergeführten Buchhandlungen BellingProsa, Buchfink, Arno Adler, Langenkamp, maKULaTUR und Buchstabe erhältlich.

Weitere interessante Artikel der Lübeckischen Blätter finden sie im Download-Archiv.

Kommentar schreiben
Wir freuen uns über konstruktive Kommentare, die die Nettiquette beachten. Unsere Autoren schreiben ehrenamtlich für "unser Lübeck". Bitte schreiben Sie nur, was Sie dem Gegenüber auch ins Gesicht sagen würden. Für ein kultiviertes Internet!

Unsere Kommentare werden moderiert! Wir bitten um Verständnis, dass wir Kommentare löschen oder nicht freischalten, die werblichen, strafbaren, beleidigenden oder anderweitig inakzeptablen Inhalts sind.