Laila Lalami, (c) Xandrr

Neue Bücher zwischen Spannung, Fantasie, Humor, Satire, Psychologie und Verfall
Alles Krimi oder was?

Holger KistenmacherVon

Corona, Lockdown, Lockerung, Impfung, Testen, Homeoffice, 3. Welle, Lauterbach und kein Ende. Noch immer hat uns diese Schei…..-Pandemie im Griff. Irgendwie befindet man sich seit über einem Jahr in sozialer wie kultureller Isolation, auch wenn zwischendurch immer mal wieder leichte Hoffnung aufkeimt, dass es endlich besser wird.

Trotzdem ist ein Ende nicht in Sicht, also heißt es weiter durchhalten, Serien glotzen, streamen was das Zeug hält. Ich persönlich empfehle da ja lieber den Griff zum guten Buch. Also heute wieder ein paar besondere Literatur-Tipps, damit es auf dem heimischen Sofa nicht zu langweilig wird.

Fangen wir mit einem Schweizer Autor an, der auf Island lebt. Joachim B. Schmidt hat mit „Kalmann“ einen amüsanten, warmherzigen Roman über einen Helden geschrieben, den man landläufig als Dorftrottel oder naiven Sonderling bezeichnen würde. Aber Kalmann ist viel mehr: nämlich der Sheriff von Raufarhöfn. Ausgerüstet mit Sheriff-Hut und Stern, mit Pistole und dem Selbstverständnis und der Weisheit der Einfältigen wacht Karmann über seine nordische Heimat. Die Verkleidung stammt vom verschollenen amerikanischen Vater, der sonst aber keine Rolle mehr spielt im Leben des Helden.

Dafür ist er der beste Haifischfänger der Gegend, produziert den besten Gammelhai weit und breit und kennt sich in der Natur bestens aus. Das alles hat er vom Großvater gelernt, der nun aber im Pflegeheim lebt und fehlt. Seine Schutzausrüstung macht Kalmann zum wahren Mann, obwohl er alleinstehend ist und sich eine Partnerin wünscht. Als Einzelgänger, der mit Tieren spricht, ansonsten aber eher schweigsam ist, trifft er bei der Fuchsjagd auf eine geheimnisvolle Blutspur im Schnee. Es folgen Drogenfunde, Suchaktionen und ein gewaltiger Polizeieinsatz der die Gegend um die Halbinsel Melrakkasletta am nördlichen Polarkreis ziemlich in Aufregung versetzen, nur Kalmann nicht.

Der ist gedanklich nicht immer gradlinig, hat seinen eigenen Rhythmus, sein eigenes Tempo. Da kann auch die Mutter nicht helfen, die weit weg als Krankenschwester lebt, oder sein einziger richtiger Freund, der 19jährige Computernerd Noi, der im 600 km entfernten Reykjavik lebt und mit dem er über das Internet kommuniziert. „Noi ist ein Genie und insofern mein Gegenstück …. wenn wir eine Person wären, wären wir unschlagbar“.

Im folgenden geht es um den verschwundenen Big Boss, Robert Mc Kenzie, seine litauischen Angestellten, die ebenfalls verschwinden und scheinbar gut organisierte Drogenschmuggler, die ihre in Tonnen versteckte Ware an Bojen vertäuen. Und was ist eigentlich mit dem Eisbären, den es vielleicht in den hohen Norden Islands verschlagen haben könnte. Eine skurrile Story mit einem liebenswerten Helden, einer grandiosen Landschaft und einem trockenem Humor. Ein empathisches Buch voller Lokalkolorit und Spannung - eine Kriminalgeschichte der etwas anderen Art.

Joachim B. Schmidt, Kalmann, Diogenes Verlag Zürich, 2020, 350 Seiten, Amazon.

Klimatisch und landschaftlich liegt mein zweiter Roman-Tipp diametral entgegengesetzt. Er spielt im amerikanischen Süden, unweit der Mojave-Wüste und des Joshua Tree-Nationalparks. Dort ist es immer heiß und trocken, ähnlich wie in der marokkanischen Heimat, wohin die Familie um die Protagonistin Nora aus politischen Gründen auswandern musste. Die Eltern Maryam und Driss besitzen dort ein kleines Restaurant, während die beiden Töchter ein total unterschiedliches Leben führen.

Während Nora als kommende Komponistin in Los Angeles lebt, führt ihre Schwester Salma ein luxuriöses Leben mit ihrem Mann und der gemeinsamen Zahnarztpraxis und Tochter, was die Mutter stolz macht. Doch plötzlich bricht alles auseinander, als Driss - vielleicht vorsätzlich - bei einem Auto-Unfall mit Fahrerflucht getötet wird. Keiner glaubt so richtig an einen Unfall, obwohl die Polizei den Fall möglichst schnell zu den Akten legen würde.

Aber Nora bleibt am Ball und trifft zufällig auf einen alten Schulfreund, der aus dem Irak-Krieg zurückgekehrt ist und jetzt als Polizist ermittelt. Es entspinnt sich eine vorsichtige Liebesgeschichte, die aber immer wieder auf allerlei Widerstände trifft. Überhaupt scheint jede Figur im Buch eine geheime Lebensgeschichte zu haben, die sich erst langsam entwickelt. Es geht um latenten Rassismus in der US-amerikanischen Gesellschaft, Sexismus, Fremdgehen, Anderssein, während man die Hitze und den Sand der nahen Mojave-Wüste förmlich spüren kann.

Das alles verknüpft die Autorin, Laila Lalami zu einer spannenden Familien-Saga mit kriminologischer Spannung und einer schriftstellerischen Raffinesse aus unterschiedlichsten Perspektiven. Lalami wurde selbst in Rabat geboren, hat in Marokko, England und den USA gelebt und studiert. Sie ist Professorin für kreatives Schreiben an der Universität von Los Angeles, wo sie auch heute lebt. Sie war für den Pulitzer-Preis nominiert und stand mit dem aktuellen Roman „Die Anderen“ auf der Shortlist des National Book Award.

Der Roman ist eigentlich kein Krimi, fesselt aber trotzdem den Leser, weil alle Protagonisten nicht das sind, was sie zu seien scheinen. Aus jeweiliger Perspektive ihrer individuellen wie subjektiven Wahrnehmung wird ein völlig neues Leben sichtbar. Abwechselnd erzählen sie als Ich-Erzähler ihre Sicht der Dinge, die teilweise irritiert, sogar manchmal verwirrt, aber schlussendlich zur Aufklärung der Geschichte beiträgt. Ein ruhiger Roman über das Anderssein und die Zugehörigkeit, die Liebe und die Familie.

Laila Lalami: Die Anderen, Verlag kein & aber, Berlin 2021, 432 Seiten, Amazon.

Aus der kalifornischen Wüste geht es als nächstes in ein Schweige-Kloster der Zisterzienserinnen nach Andalusien. Dorthin führt uns der in Berlin lebende Autor (1957) Linus Reichlin, den ich hier schon durch seinen Roman „Keiths Probleme im Jenseits“ von 2019 vorgestellt habe. Diesmal geht es um einen „ turbulenten Roman über Wahrheit und Phantasie, Schein und Sein, Yoga und Dichtung. So poetisch, witzig und schräg wie ein Film von Pedro Almodovar“ wie der Klappentext des Buches verspricht.

Konkret ist es eine Geschichte in der Geschichte. Der Schriftsteller Leo Rentz zieht auf Anraten seines Arzt in das andalusische Kloster, um zur Ruhe zu kommen und seinen Blut-Hochdruck in den Griff zu bekommen. Gleichzeitig erhofft sich der Autor bei Yoga und Entspannung Inspiration für seinen neuen Roman. Aber zunächst trifft er nur auf den Klosterverwalter und Koch Senor Herreras, der zwar nur schauderhaft kochen kann, dafür aber früher einmal ein Matador war. Als „Mann für alles“ sorgt dieser vor allem für Verwirrung und tischt neben dem miesen Essen die schauerlichsten Geschichten auf.

Von Erholung also kaum eine Spur und von gesunder schmackhafter Ernährung erst recht nicht. Dafür aber eine geheimnisvolle Nonne, Schwester Ana Maria, eine attraktive Blondine, die anscheinend vor der libanesischen Mafia ins Kloster geflüchtet ist. Dann taucht auch noch ein weiterer Gast im Kloster auf, mit Yoga-Matte und dem gleichen Namen der Frau des verwunderten Autors, die angeblich auf die Nonne als Killerin angesetzt ist.

Eigentlich ist alles unklar und man fischt genauso wie der Autor in trüben Gewässern nach Wahrheit und Wirklichkeit. Reichlin garniert seinen schelmischen Roman mit allerlei Verweisen auf Literatur, Pop-Geschichte und skurriler Situationskomik, während draußen bei brütender Hitze die Zikaden unter den Zitronenbäumen ihr schrummeliges Lied zirpen. Gerne taucht man als Leser ein in die staubige Hitze und träumt sich ins warme Andalusien, erfreut sich an den skurrilen Charakteren und möchte den Geheimnissen der Geschichte auf die Schliche kommen.

Linus Reichlin hat mal wieder einen Gute-Laune-Roman geschrieben, der sich leicht und locker lesen lässt, aber durch philosophische und zum Teil poetische Details an Tiefe und Inhalt gewinnt. Ein amüsantes Buch voller Fantasie über eine Reise, die man in momentanen Zeiten, selbst gerne unternommen hätte.

Linus Reichlin: Señor Herreras blühende Intuition, Galiani-Verlag Berlin 2021, 272 Seiten, Amazon.

Tipp vier ist eigentlich kein Krimi im engeren Sinne, sondern eine groteske, bitterböse Satire über den Abgesang eines ehemals glamourösen Alpen-Städtchens, das als mondäner Kurort im 20. Jahrhundert die High-Society aus Politik, Kultur und Geldadel anzog. „Bad Regina“ von David Schalko beschreibt einen Kurort in den Österreichischen Alpen, bekannt für seine Thermen, Hotels und Villen der Belle Epoque, mit einem Grand Hotel malerisch in die Berge gebaut und einem rauschenden Wasserfall als akustische Kulisse. Für Eingeweihte relativ einfach als Bad Gastein zu identifizieren.

Allerdings ist der elitäre Kurort aus Kaisers Zeiten ziemlich in die Jahre gekommen. Eine desolate Gespensterstadt von verblichener Grandezza mit nur noch 46 verbliebenen Einwohnern. Bad Regina ist der Schauplatz von Verfall, von dubiosen Geschäften, Intrigen, einem Personal verzweifelter Gestalten und am Ende eines Toten. Der halbe Ort wurde bereits von einem unsichtbaren Chinesen aufgekauft, der aber alles verfallen lässt.

Ein opulentes, schräges, figurenreiches Tableau an obskuren Rest-Bewohnern aus versoffenen Wirten, einem korrupten Bürgermeister, einem Priester mit krimineller Vergangenheit, einem abgewrackten adeligen Schlossherren, einem apathischen Bahnwärter und Othmar. Der ehemalige Disco-Besitzer ist ein melancholischer Säufer, der sich um seinen DJ kümmert, der sprachlos grinsend in seinem Rollstuhl vor sich hin vegetiert. Ein tragisch - satirisch - groteskes Szenario aus Verfall und Irrsinn. Bis Othmar auf die Idee kommt, den ominösen Chinesen Chen zu entführen und alle mitmachen.

Schalko erklärte dazu im Interview: „Es ist ein Geisterroman, weil es ja eigentlich um eine Geisterstadt geht. Ein Krimi in dem Sinn ist es nicht, auch wenn es einen Mörder gibt. Aber es geht gar nicht so sehr um die Aufklärung, sondern eigentlich um das Schicksal von diesen Verbliebenen und um das Geheimnis des Ortes, das Geheimnis hinter diesem Verkauf oder Aufkauf“. Aber eigentlich ist es auch eine persönliche Abrechnung gegen das Provinzelle im großen „Herzentheater“ zwischen Sex, Alkohol, Gewalt, Größenwahn und Verzweiflung.

„Wenn das Provinzielle wahnsinnig wird, heißt es Österreich“. Oder auch: „In Österreich gibt es nur gute und böse Nazis. Der gute Nazi ist ein unterwürfiger Nazi. Und der böse Nazi ist ein garstiger Nazi. Sowohl die Unterwürfigkeit als auch die Bösartigkeit wurden in Österreich zu Sehenswürdigkeiten erklärt. Wenn man den Österreichern beides nimmt, nimmt man ihnen ihre Natur“. David Schalko wird sich mit solchen Sätzen in seiner Heimat nicht gerade Freunde machen, auch wenn er dort als Filmemacher und Schriftsteller ein Medienstar ist, weil er gleichzeitig auch immer wieder Nationalismus und Vergangenheit-Leugnung in seinen Büchern thematisiert.

Im aktuellen Band stehen seine Figuren aber auch exemplarisch für eine untergehende Zeit in Europa. Die Hauptfigur Othmar steht für eine abgestorbene Popkultur aus den 80er und 90er Jahren, wo mit hartem Techno und ausgelassenen Rave-Parties voller Drogen und Sex scheinbar noch alles in Ordnung war. Seine Freundin Selma, die in einer Kommune war, erinnert an die Otto Mühl-Kommune, die durch Sex-Eskapaden und Kindesmissbrauch in die Schlagzeilen kam. Und im Fall des korrupten Bürgermeisters kommen alte Seilschaften der Erben des Nationalsozialismus aufs Tapet. Nicht nur die Figuren sind alle ruinös, sondern auch die Thematiken sind dem Verfall preisgegeben.

„Heute war es still. Hätte man eine Bombe auf Bad Regina geworfen, es hätte nichts geändert. Was war bloß passiert? War es der Hochmut, der ihnen zum Verhängnis wurde? War es die Arroganz, die man schon den Häusern ansah? Wie Messer steckten sie in den steilen Bergwänden. Das Tal wie eine tiefe Schnittwunde. Der rauschende Wasserfall ein Aderlass, der die letzten Lebensenergien ausweitete. Tatenlos sahen sie alle beim Verschwinden zu.“

Ein bitterböser und gleichzeitig urkomischer Roman nicht nur über Österreich, sondern auch über ein Europa, das immer wieder moralisch versagt, weil entweder alte Seilschaften oder neue skrupellose Gesellen aus aller Welt die Fäden der Zukunft bedienen. Unbedingt lesenswert.

David Schalko: Bad Regina, Köln 2021, Kiepenheuer und Witsch, 400 Seiten, Amazon.

Die Bücher sind in den inhabergeführten Buchhandlungen BellingProsa, Buchfink, Arno Adler, Langenkamp, maKULaTUR und Buchstabe erhältlich.

Titelfoto: Laila Lalami, (c) Xandrr, WikimediaCC BY-SA 4.0

Holger Kistenmacher
Holger Kistenmacher
Jahrgang 1956, freischaffender Journalist seit gut 25 Jahren, studierter Realschullehrer, praktizierender psychosozialer Betreuer, ambitionierter Fotograf und Kulturschreiber mit den Fachgebieten: Moderne Gegenwartskunst, Literatur, Musik zwischen Jazz und Rock, Nordische Filme, Moderner Tanz. Weltenbummler und Reisejournalist.
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