Foto aus dem Bildband Normandie, Foto: (c) Nicole Strasser

Was schenken?
Buchtipps für den weihnachtlichen Gabentisch

Holger KistenmacherVon

Das Riesenrad auf dem Koberg dreht sich und Dominosteine und Lebkuchenherzen liegen in den Regalen der Discounter, soll heißen, Weihnachten steht vor der Tür. Wie jedes Jahr drängt sich die Frage nach den Geschenken für die Liebsten auf.

Zu viel Marzipan macht dick, Socken und Unterhosen sind ziemlich altmodisch und Kurz-Trips per Flugzeug oder Kreuzfahrtschiff sind momentan wegen Klimawandel und Umweltverschmutzung auch nicht angesagt. Da empfehle ich mal wieder den Griff zum guten Buch, denn in Gedanken kann man auch per Fantasie prima in die Ferne schweifen oder lernt noch was dazu - soll ja auch nicht schaden.

Also habe ich mal wieder eine kleine Weltreise per Buch um die Erde gemacht, die ich dem geneigten Leser als meine Weihnachts-Favoriten empfehlen möchte.

Beginnen wir also in der Normandie. Dieser raue, aber auch charmante nordwestliche Teil Frankreichs ist das Thema eines wunderbar fotografierten Bildbandes aus dem Hamburger mare-Verlag. Dafür wurde die Fotografin Nicole Strasser insgesamt fünf Mal zu allen Jahreszeiten in diese wilde wie liebliche Region geschickt. Herausgekommen ist eine Vielfalt von Aufnahmen, die von einsamen Landschaften, über grüne Wiesen mit weidenden Charolais-Rindern, gewaltigen Küsten mit hohen Klippen und nostalgischen Badestränden, aber auch hart arbeitende Fischern oder entspannten Touristenfreuden erzählen.

Die Normandie erstreckt sich rund 600 Kilometer entlang der westlichen Küste Frankreichs. Sie grenzt im Osten an Le Treport und zieht sich im Westen bis zu dem bekannten Felsen im Meer, Mont-Saint-Michel. Dieser Teil der Küste wird auch als Alabasterküste bezeichnet, was man beim Betrachten der hohen weißen Klippen zum Beispiel von Ètretat gut nachvollziehen kann. Natürlich war auch Nicole Strasser dort und hat vor allem den als „Elefantenrüssel“ bekannten Brückenbogen der „Port dÁval, einen kolossalen Obelisken aus Kreide in bestes Licht getaucht.

Überhaupt spielt die Fotografin geschickt mit den Lichtverhältnissen dieser sonnen-verwöhnten Region. Mal verdüstern riesige Wolkenberge die Landschaft, dann strahlt ein blauer Himmel auf Meer und einsame Strandläufer. Aber auch die gleißenden, fast schon überbelichteten Bilder vom Strandleben von Deauville oder Villers-sur-Mer lassen die Kraft der Sonne förmlich auf der eigenen Haut spüren. Wie schon seit vielen Jahren wurde diese spezielle Küste auch von Künstlern, Dichtern, Musikern und Müßiggängern, wie Claude Monet, Marcel Proust, Delacroix, Baudelaire, Debussy oder Satie besucht und als Inspiration für deren Kunst genutzt.

„Heute verströmen die ehemaligen Fischerorte den Glanz des Fin de Siécle und vermählen auf magische Weise das Laissez-faire der Belle Époque mit den rauen Winden, die über die morgendlichen Fischmärkte ziehen“, wie Nikolaus Gelpke in seinem Vorwort schreibt. Aber auch bürgerstolze Städte mit kühnen Kathedralen und mondänen Seebädern scheinen wie gemacht für Müßiggang und Luxusleben. Nostalgisch kommen die Badehütten und bunten Schirme am Strand daher.

 Der Bildband Normandie wirkt gedanklich wie eine Kopf-Reise entlang der Küste. Ihm gelingt es, viele der kulturellen und landschaftlichen Besonderheiten der Region einzufangen. Aus den Fotografien von Nicole Strasser kann man in das Lebensgefühl seiner Einwohner tief eintauchen, sie spiegeln deren Entbehrungen, Härten des Lebens, aber auch die Lebensfreunde und Bodenständigkeit. Mit diesem prächtigen Bildband gelingt es der Fotografin, den Betrachter auf eine Entdeckungsreise in die eigenen vier Wänden zu schicken.

Normandie von Nicole Strasser (Fotos) und Karl Spurzem (Text), mare Verlag, Hamburg, Oktober 2019, 132 Seiten, Amazon.

Weiter geht es auf unserer Lesereise nach Venedig, der Sehnsuchtsort in Italien, der zur Zeit ja mal wieder mit horrenden Überschwemmungen zu kämpfen hat. Dorthin entführt uns der neueste Roman von Hanns-Josef Ortheil (1951 in Köln geboren): Der von den Löwen träumte. In diesem Künstler-Roman geht es um keinen Geringeren als Ernest Hemingway, der tatsächlich 1948 in die Lagunenstadt reiste, um seine Schreibblockade zu beenden. Gestützt auf intensive Recherchen und Zeitzeugengespräche berichtet Ortheil ausführlich vom Aufenthalt des späteren Nobelpreisträgers in Venedig, beleuchtet dabei aber hauptsächlich das Thema: „Wie verwandelt man Welt in Literatur, und was sind die Bedingungen literarischen Schreibens?

Der berühmte Schriftsteller Hemingway war mittlerweile fast 50 Jahre alt, zum 4. Mal verheiratet, diesmal mit der deutlich jüngeren Mary, lebte in seiner Wahlheimat Kuba, wo er seine ausgewachsene Schreibblockade mit Alkohol bekämpfte, beziehungsweise zementierte. „Lange Zeit hatte er kein Buch mehr geschrieben, und es war fraglich, ob er wieder eines schreiben würde. Noch aber hatte er eine Ahnung davon, wie man das machte: täglich schreiben, an einem Roman oder an einer Erzählung arbeiten. Es war eine der besten Sachen gewesen, die er in seinem Leben getan hatte, und er würde alles tun, um zum Schreiben zurückzufinden“.

So kam Mary auf die Idee, dass ein Ortswechsel für Hemingway sinnvoll sein könnte. Er bräuchte einen Platz, wie seinen Schreibturm auf Kuba, aber weit entfernt von karibischen Sinnenfreuden, aber in Stille und am Meer. Diesen Ort fand er dann auf der kleinen Laguneninsel Torcello, wo ihm die Familie Carini die Locanda besorgt. Ein einsamer Ort mit großer Weitsicht – oben im Turm der Basilika auf Torcello, dem Spiegelbild seiner Schreibwerkstatt auf Kuba. Der Vater, ein Reporter und Paparazzi erhofft sich die Sensationsgeschichte über den Literatur-Weltstar, die Mutter sorgt für bodenständige, venezianische Küche, während sich die Tochter Marta liebevoll um Mary kümmert und der 16jährige kleine Bruder Paolo Hemingway auf Fischfang geht und durch die Kanäle der Lagunenstadt schippert. Die beiden werden Freunde, und die vielfältigen Gespräche der beiden inspirieren den Dichter zu neuen Taten.

Dann aber tritt die blutjunge, wunderschöne Venezianerin Adriana Ivancich in sein Leben, und dem alten Mann entgleitet das Schreiben erneut. Sie ist erst 19 Jahre alt und stammt aus einer alten Adelsfamilie. Es folgt eine amouröse Zeit der Sinnlichkeit, des Genusses – ein Liebesabenteuer, das Vorbild für den Roman „Über den Fluss und in die Wälder“ werden sollte. Aber auch die vielen Touren und Gespräche beim Fischfang mit Paolo haben literarische Folgen.

 Während die Verarbeitung seiner Liebes-Romanze sowohl vom Publikum als auch von der Kritik kaum Anerkennung findet, wird der folgende Roman „Der alte Mann und das Meer“, den er auf Kuba beendet, der aber eindeutig vom jungen Paolo, dem einfachen, naturverbundenen Lagunenfischer beeinflusst ist, dafür sorgen, dass der Roman ein Welterfolg wird. Hemingway erhielt den Pulitzerpreis und zwei Jahre später den Literatur-Nobelpreis.

Ortheil verknüpft geschickt reale Begebenheiten mit authentischen Orten und Personen, nimmt sich aber die literarische Freiheit, die Geschichte auszuschmücken und den Diskurs über das Schreiben an sich zu durchleuchten.

Hanns-Josef Ortheil: Der von den Löwen träumte, Luchterhand Verlag, Oktober 2019, 353 Seiten, Amazon.

Weiter geht es auf unserer Lesereise von Kuba in die Sümpfe von North Carolina in den USA. Dort hat die ehemalige Zoologin, Delia Owens, die ursprünglich aus Georgia stammt, ihren Debütroman angesiedelt, der seit Wochen auf den Bestseller-Listen des Landes zu finden ist: Der Gesang der Flusskrebse. Bis dato hatte sie gemeinsam mit ihrem Mann Bücher über die Tierwelt Afrikas geschrieben. Ihr neuer Roman ist ebenfalls eine Art Verbeugung vor der Natur und Schönheit der Sumpflandschaft und ihrer Tierwelt. Die Wildnis North Carolinas macht daraus fast schon ein modernes Dschungelbuch, allerdings verpackt in eine grandios erzählte Liebesgeschichte, sowie einen packenden Kriminalroman.

Es geht um die 6 Jahre alte Kya, das jüngste von 5 Kindern, die ein schweres Schicksal zu ertragen hat. Der Vater ist ein vom Krieg verwüsteter Mann, der trinkt und seine Frau und die Kinder brutal schlägt. Die Familie haust in einem klapprigen Haus im Sumpf versteckt, welches man nur per Boot erreicht. Zuerst flüchtet die Mutter, dann drei der älteren Geschwister, bis auch der letzte Bruder sich in Sicherheit bringt. Zwar versucht der Vater im folgenden Jahr ein besserer Vater und Versorger zu sein, dann verschwindet auch er.

Plötzlich ist sie mit 7 Jahren auf sich allein gestellt und hält sich mit Fischfang und Muschelnsammeln über Wasser. Mit dem Verkauf von Geräuchertem schafft sie es, allein in der Wildnis zu überleben. Dazu ist sie klug, hat einen schüchternen Jungen als Freund, der ihr Federn als kleine Botschaften an geheimen Orten hinterlässt und das Lesen und Schreiben mit Hilfe eines Natur-Almanachs beibringt. So lebt sie eine Art Robinson-Leben, ernährt sich von Fischen und selbst angebautem Gemüse, sammelt Vogelfedern, Tierzähne, Pflanzen und verwandelt ihre Küche in eine Art Wunderkammer mit akribisch beschrifteten Exponaten.

 Dieses Naturidyll wird zerstört als plötzlich eine Leiche auftaucht. Es ist Chase, der bewunderte Quarterback und Frauenschwarm der Umgebung, mit dem auch Kya schon einmal eine kurze Affäre hatte. Natürlich gerät das Sumpfmädchen in den Verdacht, als heimliche Geliebte den Sohn reicher Geschäftsleute aus Barkley Cove ermordet zu haben. Es folgt ein spannungsreiches Gerichtsdrama, was vom Ergebnis hier aber nicht verraten werden darf.

Delia Owens schafft es mit bewegend schönen Bildern, die manchmal ins Exotische, wie auch ins Erotische abgleiten, eine Marschlandschaft zu beleben, die einzigartig ist. Dazu gelingt ihr eine herzzerreißende Liebesgeschichte gepaart mit Lokalkolorit und der Spannung eines Krimis, sodass man sich wünscht, der Roman möge nie enden.

Delia Owens: Der Gesang der Flusskrebse, Hanserblau, Berlin, Juli 2019, 459 Seiten, Amazon.

Aus den USA geht es zurück in die Karibik, auf die Turks-and-Caicos-Inseln, die zwischen den Bermudas und Haiti, links von Kuba liegen. Es geht um eine absurd groteske Geschichte über den ewigen Untoten des Rock´n´Roll, Keith Richard, legendärer Gitarrist der Rolling Stones. Trotz Jahrzehnte langem Alkohol- und Drogenmissbrauchs oder seltsamer Ereignisse, wie einem Sturz von einer Kokospalme, scheint die Musiklegende nicht tot zu kriegen sein. Immer wieder springt Richards dem Tod von der Schippe. Dieser Problematik hat sich jetzt Linus Reichlin (1957 geboren und in Berlin lebend) mit seinem aktuellen Roman auf satirische und urkomische Art und Weise angenommen: Keiths Probleme im Jenseits.

Es beginnt mit einem Schock für alle Rockfans und einer CNN-Meldung: Keith Richard ist tot! Das ist keine Fake-Meldung, wie die Recherche in diversen Online-Medien bestätigen. Der Wahrscheinlichkeitstheoretiker, Physiker, Lehrer, Auto und Hobbymusiker Fred Hundt, ein glühender Verehrer von Richards mag es nicht glauben. Gerade noch hatte er sich mit seinen Kumpels für ein Konzert am nächsten Wochenende verabredet, da platzt die Nachricht vom Tod seines Lieblingsmusikers dazwischen. Eine einschneidende Sache; während der frühe Tod von Jimi Hendrix oder Janis Joplin irgendwie dazu gehörten, signalisiert das Ableben seines größten Rockidols, dass das große Verschwinden jetzt beginnt. Ab jetzt kann es jeden treffen, auch ihn selbst.

Doch dann erreicht ihn ein Anruf vom alten Kumpel Ben Harper, den er einst bei einem risikoreichen Single-Urlaub im Club Med auf Djerba getroffen hatte. Heute ist Ben Promi-Arzt in Kalifornien und fordert Fred auf, unverzüglich nach New York zu fliegen. Sie hatten sich einst versprochen, wenn mal Not am Mann wäre, würden sie sich gegenseitig helfen – das Codewort war Schirmchen, eine Reminiszenz auf ein fast Tod bringendes Holz eines Cocktailschirmchens. Von Brooklyn, wo es erst mal Koks per Portionenlöffelchen gibt, geht’s gleich weiter in die Karibik, aber nur nachdem Fred eine Verschwiegenheitserklärung, inklusive Konventionalstrafe von fünf Millionen Dollar, unterschrieben hat.

Dann eröffnet Ben ihm, dass er nun Leibarzt von Keith Richards und dieser doch nicht tot sei, sondern sich versteckt habe auf seiner kleinen Privatinsel Jesters, ein Mini-Domizil von dem nicht mal die Paparazzis und Hardcore-Fans etwas wüssten. Dort wolle sich Richards wieder ganz auf seine Rock´n´Roll-Karriere konzentrieren und neue Songs schreiben. Umsorgt von Ben Harper, der schon Leonard Cohen oder Alice Cooper verarztet hatte, sowie Lynn Warwick, eine kleine, grelle Person, die auf sehr hohen Schuhen mit fünf Zentimeter-Sohlen und ein paar lilafarbenen, koketten Schläufchen daher kam. Fred´s Ex-Frau würde diese „Fötzchenschuhe“ nennen. Sie selbst bevorzugte „robuste Schuhe, wie Frauen sie in Winterkriegen tragen“.

Auf der Insel von Richards angekommen, gerät Fred Hundt in einen Strudel absonderlicher Geschehnisse, ein amouröses Abenteuer inklusive. Natürlich sind seine Fachkenntnisse für außergewöhnliche physikalische Phänomene gefragt, aber er begegnet seinem Rockidol persönlich. Es entstehen sogar neue Songs an der Seite seines großen Musikhelden, die den Traum von einer späten Karriere im 60jährigen Fred neu entfachen.

 Leichtfüßig plaudert sich Linus Reichlin kreuz und quer durch die ältere Rockgeschichte. Da werden Anekdoten von Bob Dylan bis zu den Beatles und den Rolling Stones verraten. Elton John wird eine Broschennadel aus dem Fuß gezogen, Bruce Springsteens fiebrige Erkältung mit einem mit Morphium getränkten Wattepfropfen kuriert oder Lou Reeds Lunge abgehorcht.

Namedropping aus der Rock-Geschichte machen die Lektüre zu einem kurzweiligen Vergnügen. Außerdem strotzt das Buch vor Absurditäten und Humor, dass man manchmal aus dem inneren Lachen nicht hinaus kommt. Wobei die Quintessenz des Romans ist: Nicht nur Keith Richard ist unsterblich, auch der Rock´n´Roll wird alle Stürme der Zeiten überstehen.

„Send me dead flowers to my wedding.
And I won´t forget to put roses on your grave.“

Linus Reichlin: Keiths Probleme im Jenseits, Galiani Berlin, August 2019, 255 Seiten, Amazon.

Weiter geht unsere Lesereise wieder zurück in die USA nach Minneapolis. Diesmal geht es tatsächlich um einen leider viel zu früh verstorbenen Giganten des Musik-Geschäfts: Prince Rogers Nelson, der am 21. April 2016 an den Folgen einer Überdosis des Schmerzmittels Fentanyl starb.
Nur wenige Wochen vor seinem Tod hatte das größte Enigma der Popgeschichte seine Autobiografie angekündigt, die er dann aber nicht mehr selbst vollenden konnte.

Das Musik-Genie verschwand, bevor die Arbeit daran richtig losgehen konnte. Der Journalist Dan Piepenbring hat jetzt die Aufgabe übernommen, die unvollendete Prince-Biografie zusammenzustellen. Schon im Vorfeld hatte er gemeinsam mit Prince an „The Beautiful Ones“ gearbeitet. Der Titel dieser wunderbar aufbereiteten Teil-Biografie entstammt einer der herzzerreißenden Eifersuchtsballaden von Prince. In Gold gehalten kommt der Prachtband daher, wobei die Lieblingsfarbe des Musikers, das Lila, sich unter dem Schutzumschlag versteckt.

Es sollte nach dem Wunsch von Prince natürlich „das größte Musikbuch aller Zeiten“ werden, kleiner ging es beim Pop-Giganten nicht. Daraus wurde durch den frühen Tod leider nichts. Trotzdem ist es Piepenbring gelungen, ein kleines Wunderwerk über einen der Größten der Musik-Geschichte zu erstellen. Zunächst tauchten ca. 30 Seiten allererster Erinnerungen in originaler Pracht auf, nicht nur in eigenen Worten von Prince, sondern als Faksimile seiner Handschrift, mit allen Schnörkeln und Marotten, die man aus seinen Songtexten kennt. Der Journalist, der sowieso als Co-Autor vorgesehen war, erhielt Zugang zu weiteren Dokumenten aus dem Nachlass des Künstlers, darunter Fotos und Notizen, die er im legendären Tresorraum in Paisley Park, dem Wohnort und Studio von Prince vorfand.

Piepenbring, der von Prince „my brother Dan“ genannt wurde, hat für Fans aus all den Materialien vom Meister ein Coffeetable-Schmuckstück zusammengestellt. Es beinhaltet Dokumente, unveröffentlichte Fotos, Comic-Kritzeleien aus jungen Jahren und Entwürfe von Song-Texten, die Prince teilweise auf Papiertüten geschrieben hatte. Dazu entdeckt man Fragmente von Drehbuch-Ideen, aus denen später der grandiose Musik-Film „Purple Rain“ werden sollte. Der Oskar-dotierte-Streifen und das dazugehörige Album bedeuteten den Durchbruch und den Siegeszug von Prince zum größten Pop-Giganten neben Michael Jackson im Jahre 1984.

Weitere Details zu den erfolgreichsten Jahre fehlen fast gänzlich, denn Piepenbrings Zeit mit dem Musiker war begrenzt und natürlich schlagartig durch den Tod von Prince beendet. Somit befasst sich das Buch hauptsächlich mit der frühen Jugendzeit vor Beginn seiner Welt-Karriere und die letzten Monate vor seinem Tod. Trotzdem ist es das Beste, was man über diesen einmaligen Ausnahme-Musiker kriegen kann, denn schon immer wollte dieser selbst nie so ganz durchschaubar sein. Schon sein Versteck, Paisley Park war Jahrzehnte lang Mythen-umrankt.

 „Prince wollte der Welt zeigen, wer er wirklich war – als Musiker und als Mensch. Denn zu oft hätten Kritiker aus dem weißen Establishment seine Musik mit Worten beschrieben, die nichts mit ihm zu tun hätten und damit gezeigt, dass sie überhaupt keine Ahnung hatten, wer er wirklich war“. Diesem Anspruch kommt Piepenbring sehr nahe, weil er sehr sorgfältig mit dem Vermächtnis des Künstlers umgegangen ist und dabei die Geschichte eines Jungen erzählt, der „die Welt um sich herum aufsog und eine Figur, eine künstliche Vision, erschuf, bevor die Hits und der Ruhm ihn definierten.

Prince – The Beautiful Ones – Die unvollendete Autobiografie von Dan Piepenbring, Heyne Verlag, Oktober 2019, 297 Seiten, Amazon.

Zu guter Letzt noch ein kleines Schmankerl für Comic-Fans und eine weitere Station auf unserer literarischen Reise um die Welt. Es geht nach Afrika. Dort hat der bekannte Comic-Zeichner Ralf König seinen aktuellen Band angesiedelt: Stehaufmännchen. Diesmal geht es nicht um einen weiteren Schwulen-Comic, mit denen der 1960 in Soest geborene Zeichner über Jahrzehnte riesige Erfolge erlangte.

Seinen Durchbruch hatte König 1987 mit „Der bewegte Mann“, der als Comic und als Film ein großes Publikum auch jenseits der Schwulen-Szene eroberte. Diesmal hat sich der Sprechblasen-Artist kein geringeres Ziel gesetzt, als „das größte Geheimnis der Evolution“ zu lüften.
Denn nach Millionen Jahren von Entwicklungsgeschichte stellte sich immer noch die Frage: „Was ist der Mensch und woher kommen wir?“ Über 190 Seiten zeichnet sich König durch die Menschheitsgeschichte vom auf allen Vieren laufenden Affen zum zweibeinigen Homo Sapiens, der den aufrechten Gang erfindet.

Und wieder entdecken wir die berühmten Knollennasen, mal mehr oder weniger behaart, mit dicken Eiern und stets dem Geschlechtsverkehr nicht abgeneigt. Denn das war schon immer so. Die Männchen hatten nämlich schon immer nur das „eine“ im Sinn, während die Weibchen mit glänzenden roten Vulven lockten. Es wird also wieder reichlich gepoppt, bis das aufrechte Gehen erfunden wurde. Natürlich gibt es auch wieder richtige Homos und lesbische Kreaturen, bis so langsam der dichte Pelz einer chicen, sexy Behaarung wich.

 Dazu hat Ralf König eine wunderbar gezeichnete afrikanische Landschaft zwischen grünem Dschungel und trockener Savanne entworfen, wo sich allerlei kopulations-lüsternes Volk herumtreibt. „Egal ob Homo Habilis Faustkeile klopft oder Homo Erectus mit Feuer zündelt, jede Innovation führt tiefer ins menschliche Desaster“, hat der kluge Zeichner erkannt. Viele Figuren erinnern an seine alten Helden, auch wenn die gesamte Geschichte nicht so ganz an die großen Erfolge voll absurden Humors heranreicht. Trotzdem sollte der Band „Stehaufmännchen“ nicht nur für Fans von Ralf König ein Muss sein, sondern dürfte auch für viele andere Comic-Liebhaber ein gelungenes und witziges Geschenk für „unter dem Baum“ darstellen.

Ralf König: Stehaufmännchen, Rowohlt Verlag Hamburg, Mai 2019, Amazon.

Die Bücher sind in den inhabergeführten Buchhandlungen BellingProsa, Buchfink, Arno Adler, Langenkamp, maKULaTUR und Buchstabe erhältlich.

Holger Kistenmacher
Holger Kistenmacher
Jahrgang 1956, freischaffender Journalist seit gut 25 Jahren, studierter Realschullehrer, praktizierender psychosozialer Betreuer, ambitionierter Fotograf und Kulturschreiber mit den Fachgebieten: Moderne Gegenwartskunst, Literatur, Musik zwischen Jazz und Rock, Nordische Filme, Moderner Tanz. Weltenbummler und Reisejournalist.
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