Lesend durch den Teil-Lockdown
Weihnachts-Buchtipps 2020

Holger KistenmacherVon

Gerade haben wir die ersten völlig digitalen Nordischen Filmtage hinter uns gebracht. Weiterhin gilt der sogenannte Teil-Lockdown wegen der Corona-Pandemie und fast das gesamte Kulturleben ist auf Eis gelegt. Keiner weiß so richtig, wie es weiter geht mit der Kunst, den Kinos, Konzerten, Theatern, Clubs und anderen kulturellen Veranstaltungen. Also sollten wir uns wieder auf viel Zeit zum Lesen einstellen.

Da ich ein Freund der Literatur und des guten Buches bin, kommt mir so eine Zeit in den häuslichen Wänden und ohne viel Fremdkontakt sogar eigentlich entgegen. Außerdem steht das Weihnachtsfest vor der Tür. Deshalb möchte ich den geneigten Lesern hiermit wieder meine literarischen Favoriten für den Gabentisch empfehlen. Meine Buch-Tipps führen dabei vom großen Familienroman bis zum märchenhaften Thriller, vom schrägen Historienroman bis zum humorvollen Roadtrip, sowie vom biografischen Gesprächsband bis zum grandiosen Fotobuch. Außerdem kann man sich als Leser dabei rund um unseren Erdball bewegen, denn meine Autoren und Autorinnen, sowie die Bücher der Auswahl stammen aus den USA, Kanada, Argentinien, Israel, Island, Japan, Irland und Deutschland.

Beginnen möchte ich mit der amerikanischen Autorin Nell Zink, die mit „Das Hohe Lied“ einen großen Familienroman über drei Generationen in den USA der Gegenwart vorgelegt hat. Sie erzählt darin in gewohnt rasanter, vergnüglicher und äußerst humorvoller Weise von bizarren Beziehungen, wilden Punk-Zeiten und der Aufbruchstimmung in den Achtziger Jahren bis zur großen Depression nach dem Wahlsieg von Donald Trump.

Im Mittelpunkt stehen zu Beginn Pam, Daniel und Joe, die sich zu der „wohl schlechtesten Punk-Band auf der Lower Eastside“ in New York zusammen getan hatten. Dorthin war Pam vor ihren Eltern aus dem mittleren Westen geflohen, um ein freies, wildes Leben zu führen. Aus der Band-Karriere wird aber nichts, dafür gelingt Joe mit einer Hit-Single der Aufstieg zum Superstar. Gleichzeitig werden Pam, die erfolgreich in einer EDV-Firma arbeitet und Daniel, der Musik-Nerd, der davon träumt, ein Platten-Label zu gründen, zu Eltern. Die kleine Flora wird geboren und verlebt mit Joe als Baby-Sitter eine glückliche Kindheit.

Doch dann bricht der 11. September 2001 über die Familien-Idylle herein, und Joe, der naive Menschenfreund fällt seiner noch durchgeknallteren "Fick-Freundin" zum Opfer. Er stirbt an einer Überdosis Heroin und in New York ist der Teufel los. Das Leben der Protagonisten wird immer wieder von historischen Wegmarken begleitet: Der Einmarsch der USA in den Irak, das Platzen der Dotcom-Blase, der Terror-Anschlag auf das World Trade Center, der Bankencrash von 2008 und schließlich die Wahl von Donald Trump.

Mittendrin immer die kleine Familie, die sich in der Not mit den Eltern von Pam wieder versöhnt, so dass die kleine Flora hauptsächlich bei den Groß-Eltern aufwächst, auf die besten Schulen und das College geschickt wird. Aus Flora wird eine kämpferische Umweltschützerin, die sich als Wahlhelferin bei den Grünen anstellen lässt. Dabei verliebt sie sich in einen 25 Jahre älteren Mann und wird schwanger, während sich ihre Eltern immer noch musikalisch, diesmal mit einer Industrial-Blues-Punk-Band als Avantgarde der Musik verwirklichen wollen.

Ein vielschichtiger Roman über Musik und Individualismus, gleichzeitig ein schonungsloses Gesellschaftsporträt der heutigen USA, brillant geschrieben und voller Humor. Ein scharfsinniges Buch über Pop-Kultur und amerikanischen Alltag .

Nell Zink: Das Hohe Lied, Rowohlt Verlag, Hamburg, 2020, 512 Seiten, Amazon.

Mein zweiter Roman-Tipp stammt vom isländischen Schriftsteller Hallgrimur Helgason, der als bedeutendster Literat seiner Heimat gilt und für seine originellen, skurrilen, zeitgenössischen Figuren bekannt ist. Filmfreunden dürfte seine Vorlage für den Streifen „101 Reykjavik“ bekannt sein.

Jetzt hat sich Helgason mit „60 Kilo Sonnenschein“ an einen großen Historienroman gewagt. Er wirft dabei einen schonungslosen Blick auf seine Landsleute, die er für dumm und ignorant in der Vergangenheit hielt und auf ein nordisches Land, welches in seiner Abgeschiedenheit erst spät in der Zeit der Moderne erwacht.

Angesiedelt ist der historische Stoff im 19. Jahrhundert. Es wird die Geschichte von Gestur erzählt, einem unehelichen Bauernsohn aus dem fiktiven isländischen Dorf Segulfjördur. Während er bei immer neuen Ziehvätern aufwächst, schließlich selber Vater wird, erwacht auch das moderne Island.

Wir lernen Gestur kennen als er zwei ist. Sein Vater war tagelang unterwegs, um drei Kilo Weizen zu holen für Weihnachten. Doch statt des Vaters kommt am Heiligabend ein Schneesturm und begräbt das ganze Haus. Seine Mutter und seine Schwestern sterben, während er mit der Kuh und durch ihre Milch überlebt.

Es geht um den harten Kampf der Mägde und Knechte, eine düstere Arbeitswelt in Armut und Hunger. Begleitet werden diese schweren Lebensgeschichten vom ewigen Kampf gegen die gewaltigen und gnadenlosen Kräfte der Natur. Ein schonungsloses Leben über Jahrhunderte in wirtschaftlicher und kultureller Isolation. Trotzdem konnte sich Island in den letzten Jahrzehnten zu einem der modernsten und reichsten Länder der Welt entwickeln.

Viel hat das mit dem Fischfang zu tun. Schon früher waren die Gewässer um Island fischreich und es gab den Hering in Hülle und Fülle. Aber niemand wollte ihn damals fangen, geschweige denn essen, denn er galt als hässlich und ungenießbar. Erst die Norweger überzeugten ihre nördlichen Nachbarn. Der Boom des Handels und vor allem der Heringsfischerei katapultierte das kleine Land in wenigen Jahren in die Moderne. Island wird vom Bauernland zum Fischfang-Giganten. Aber der Reichtum und das Geld kommt bis heute nur bei den Wenigsten an. So erzählt der Roman auch eine Geschichte über die Kolonisierung und ihre Folgen.

Entscheidend in dieser Tragödie sind aber immer wieder die kleinen Geschichten, die Helgason phantasievoll mit skurrilen, wahnwitzigen Details und Personal in die Historie mit einwebt. Das ist teilweise brachialer Humor mit grandioser Situationskomik, sind aber auch Schicksalsschläge und überraschende Wendungen, die an die Grenze des zumutbaren stoßen. Geschickt bedient sich der Autor dabei aus dem reichen Schatz an Mythen, Sagen und tatsächlichen Fakten aus Island.

„In Island ist viel Raum für Visionen. Das Land ist dünn besiedelt und wenn man den weiten Horizont betrachtet und kein Mensch zu sehen ist, dann erweckt das wohl Visionen im Kopf", erklärte der Autor in einem Interview. Gleichzeitig erfreut sich Helgason auch an seinen eigenen Erfindungen und Fantasien. So zum Beispiel lässt er einen der vielen Ziehväter Gesturs süchtig nach einem alten, isländischen Versepos werden, das sich als reinste Pornografie entpuppt. Diese Idee entstammt wohl eher dem Gehirn des Autors, während die Tatsache, dass viele isländische Pfarrer häufig sturzbetrunken ihre Predigten hielten, wohl auf Fakten basiert sein dürfte.

Hallgrimur Helgason: 60 Kilo Sonnenschein, Klett-Cotta-Verlag, Stuttgart, 2020, 576 Seiten, Amazon.

Eher ruhig und Sinn suchend kommt mein nächster Roman-Tipp daher. Er stammt vom irisch-deutschen Autor Hugo Hamilton, der durch seine Bücher: „Gescheckte Menschen“ - ein Erinnerungsroman, sowie „Die redselige Insel“ - ein irisches Reisetagebuch auf den Spuren Heinrich Bölls auch bei uns bekannt geworden ist. Sein aktueller Roman: „Palmen in Dublin“ beschreibt, größtenteils autobiografisch und als langer Monolog angelegt, die Suche des Ich-Erzählers nach Identität, Heimat, Sprache und Zugehörigkeit. Ähnlich wie der Protagonist hat auch der Autor Wurzeln in Deutschland und Irland. Sein realer Vater war Ire, hasste die englische Sprache und achtete sehr streng darauf, dass in seinem Haus nur deutsch und gälisch gesprochen wurde. Er war erzkonservativ und ein strenger irischer Nationalist.

Nach Jahren in Berlin kehrt der Ich-Erzähler mit seiner Frau und zwei kleinen Töchtern aus Berlin nach Dublin zurück. Sie leben in schwierigen Verhältnissen. Er schlägt sich als Kneipensänger und als Forscher in einem irischen Institut durch, welches die traditionelle irische Musik und die „Geistersprache“ des Gälischen erforscht, fördert und publiziert. Seine Frau versucht derweil die Familie durch ein Yoga-Café über Wasser zu halten. Krampfhaft versuchen sie in Dublin Fuß zu fassen, aber ihre Existenz steht auf tönernen Füssen.

So wandert er auf der Suche nach sich selbst und auf der Flucht vor seinen Gläubigern tagelang durch die Stadt. Dabei lässt er den Leser an seiner träumerischen Gedankenwelt teilhaben. Dies geschieht unaufgeregt und ohne große Höhepunkte. Vielleicht ein Schwachpunkt des Buches. Trotzdem gelingt es dem Autor, den Leser mit seinen Gedankenfetzen und Erinnerungen in die Straßenschluchten und romantischen Ecken von Dublin mitzunehmen. Dort haben sogar tropische Palmen Wurzeln geschlagen.

Kleine Reisen mit den Kindern, Abende mit Freunden, eigene Erlebnisreisen und gesellschaftliche Alltagsgeschichten öffnen uns den Blick in eine Welt, in der es so recht keine Gewissheiten gibt. Auf seine stille, beiläufige Art schreibt der Autor über die Bedeutung von Heimat, der Wichtigkeit von Sprache und Zugehörigkeit. Der Held bleibt immer ein Suchender. Nach einigen Schicksalsschlägen entscheidet sich die Familie aber zu einem Neuaufbruch zu neuen Ufern, was Anlass zur Hoffnung bietet.

Hugo Hamilton: Palmen in Dublin, Luchterhand Verlag, München, 2020, 288 Seiten, Amazon.

„Leben zu verkaufen. Verfügen Sie frei über mich. Ich bin männlich, 27 Jahre alt und kann Geheimnisse wahren. Keinerlei Unannehmlichkeiten“, so lautet die Anzeige, die der desillusionierte Hanio Yamada unter der Rubrik Stellengesuche in einer drittklassigen Zeitung schaltet. Das ist die Ausgangssituation einer ungewöhnlichen Geschichte, die der berühmte japanische Autor Yukio Mishima bereits 1968 geschrieben hat, die aber erst jetzt auf deutsch erschienen ist: „Leben zu verkaufen“.

Der 1925 in Tokyo geborene Schriftsteller war Autor zahlreicher Dramen, Romane und Kurzgeschichten, die stilistisch und inhaltlich Grenzen sprengten und ihn selbst zu einer sehr umstrittenen Persönlichkeit werden ließen. Er war für den Literatur-Nobelpreis nominiert. Mishima beging 1970 rituellen Selbstmord nach einem gescheiterten Aufruf zur Wiedereinsetzung des japanischen Kaisers, welches ihn politisch ins nationalistische Abseits beförderte.

Sein aktuell vorliegender Roman ist einerseits charmant und leichtfüßig geschrieben, changiert aber zwischen Märchen, Krimi und spannendem Thriller hin und her. Es tauchen Junkies und verliebte Vampir-Frauen auf, Geheimdienstler und bezahlte Killer. Während sich um Hanio herum die Leichen sammeln, bleibt er wie durch ein Wunder am Leben. Der geplante Selbstmord, wie fast immer ein ganz großes Thema bei Mishima, diesmal aber durch bezahlte Fremde ausgeführt, kommt nicht zustande.

Obwohl die Anzeige ein voller Erfolg ist und ihn die Interessenten die Tür einrennen, bleibt Hanio am Leben und verdient nebenbei auch noch reichlich Geld. Mishima erzählt die einzelnen Episoden wie kleine Kurzgeschichten, wobei Bizarres und Märchenhaftes eng beieinander liegen. So beauftragt ihn ein eifersüchtiger Ehemann, die Untreue seiner Frau nachzuweisen. Hanio soll die Ehefrau zum Liebesakt verführen, damit der Auftraggeber sie in flagranti erwischen und dann umbringen kann. Doch Hanoi überlebt, während die Ehefrau stirbt.

Dann gibt es da unter seiner Kundschaft auch die Frau, die jeden Tag von seinem Blut trinkt, da sie an einer Anämie leidet. Das Zerkauen von rohen Karotten erweist sich für Hanio als wichtige Überlebensstrategie, um einer Vergiftung zu entkommen. Daneben wird er plötzlich zur Zielscheibe von Geheimdiensten und dafür als Spion angeheuert. Auch diese rasante Episode überlebt unser Held recht unbeschadet.

Trotz aller Dramatik und Selbstreflexion über Leben und Tod, beziehungsweise Selbsttötung gelingt Mishima ein frisches, lebhaftes und humorvolles Buch voller mitreißender Geschichten, die einen fesseln und überraschen. Ein fein collagierter Text, der seine einzelnen Elemente elegant und kunstvoll ineinander verwebt. Zwar wimmelt es vor wollüstigen Frauen und blutrünstigen Kerlen, aber die Mixtur aus Thriller, Märchen, Spionagestory, Dekadenz und Existenzialismus überzeugt auf ganzer Linie.

Yukio Mishima: Leben zu verkaufen, Kein & Aber Verlag, Zürich, 2020, 240 Seiten, Amazon.

Jetzt aber zur Abwechslung etwas ganz anderes, nämlich der Gesprächsband „Kein falsches Wort jetzt“, herausgegeben von Aino Laberenz über Interviews ihres vor 10 Jahren verstorbenen Ehemanns Christoph Schlingensief, die dieser in seinem leider viel zu kurzem Leben (1960 - 2010) diversen Zeitungen und Magazinen gegeben hat.

An dem Autor, Aktionskünstler, Talkmaster, Film-, Theater- und Opernregisseur und bildendem Künstler schieden sich die Geister. Er war ein ewiger Grenzgänger aller Genres, ein Provokateur, ein mutiger, frecher, unerschütterlicher Mann - filmbesessen, musikbesessen, menschenbesessen. Ein Künstler des Extremen und Spontanen, der sich unermüdlich, obsessiv und ohne Rücksicht auf Verluste an dem von ihm gesuchten und gesetzten Themen abarbeitete. Und vor allem ließ er sich in seiner künstlerischen Arbeit von niemanden vereinnahmen.

Deshalb wechselte er so häufig die Kunstsparten. Er drehte krasse Filme (Das deutsche Kettensägenmassaker), machte Theater an der Schaubühne von Frank Castorf (Rocky Dutschke 68), inszenierte in Bayreuth 2004 Wagners Parsifal, nahm an der Documenta in Kassel und bei der Biennale in Venedig teil, (posthum 2011 der goldene Löwe für den Deutschen Pavillon) und arbeitete bis zuletzt daran, in Burkina Faso ein Operndorf zu errichten. Dazwischen gründete er eine Partei (Chance 2000), machte Fernsehen (Talk 2000), ging medienwirksam im Wolfgangsee baden oder sperrte Asylanten in Wien in Container ein.

Natürlich eckte er damit regelmäßig an und provozierte Auftrittsverbote. Dabei war er alles andere als medienscheu. Nachlesen kann man das in dem Band: "Kein falsches Wort jetzt", welches seine Witwe und ständige Mitarbeiterin Aino Laberenz, die seinen Nachlass verwaltet, herausgegeben hat. Die 33 ausgewählten Gespräche sind in chronologischer Reihenfolge abgedruckt. Das erste wurde 1984 vom Mülheimer Stadtmagazin Ortszeit geführt, Anlass war das Frühwerk „Tunguska“. Der junge Filmemacher eröffnet das Gespräch selbstbewusst: „Die Fragen müssen korrekt gestellt sein?! Sonst sag ich hier gar nichts“. Das letzte, ein Gespräch zum Thema Schreiben, ist kurz nach Schlingensiefs Tod im Popmagazin Spex erschienen.

In fast allen Gesprächen wird ein nervtötender, liebevoller, krakeelender, hochreflektierter Künstler sichtbar. Einer, der mit allen Mitteln versucht, alles Erstarrte in Bewegung zu setzen. Dabei wollte er sich aber um keinen Preis korrumpieren oder funktionalisieren lassen, selbst wenn das das Scheitern eines Projektes bedeuten konnte. Er war ein Macher, der immer nur machen wollte. Der Autor und Filmemacher Alexander Kluge attestierte Schlingensief in einem der Gespräche, dass er „ungeheure Mengen von Durcheinander organisieren kann“. Die beiden verstanden sich offensichtlich, denn genau darum ging es Schlingensief stets: um die Ordnung der Unordnung.

Selbst am Ende seines Lebens, schon schwer von seiner Lungenkrankheit gezeichnet, konnte ich ihn und seine Kreativität persönlich bei der Theateraufführung seines „Requiem“, bei der er seine Erkrankung zum Thema machte, auf Kampnagel besichtigen. Ein überbordendes Schauspiel voller Komik, Trauer, irrsinnigem Bühnenbild, mit Musik, Tanz und akrobatischen Körperübungen von aus Afrika eingeflogenen Künstlern - ein verwirrendes, Tod trauriges und berauschendes Spektakel.

Der Autor Joachim Meyerhoff bescheinigt Schlingensief: „Keine Stimme weit und breit, die auch nur ansatzweise diese Power hat, sich im öffentlichen Diskurs zu behaupten, mit Witz und Drang und Können und Lust an der Destruktion“. Mit am schönsten finde ich das Gespräch, das Benjamin von Stuckrad-Barre 1998 für den Rolling Stone mit ihm führte. Der fragte den Regisseur, ob er nicht einmal ein Musical machen wolle, da könne man die Menschen noch erreichen. „Man erreicht die Leute da auch nicht“, erwidert Schlingensief. „Du erreichst sie nur, wenn du im Flugzeug eine Lautsprecheransage machst: „Die Triebwerke sind ausgefallen, das war’s.“

Kein falsches Wort jetzt. Gespräche, herausgegeben von Aino Laberenz, Kiepenheuer&Witsch, 2020, 336 Seiten, Amazon.

Jetzt noch zwei kürzere Romane, die vom Reisen handeln und deren Protagonisten jeweils Schriftsteller mit Schreibblockade sind. Das erstere begibt sich auf die Spuren des berühmten Kult-Klassikers von Jack Kerouac „On the Road“ und hat in Kanada, dem Ursprungsland ebenfalls seit Jahrzehnten Kult-Charakter. „Volkswagen Blues“ stammt vom Autor Jacques Poulin aus Quebec und wurde dort bereits 1998 veröffentlicht. Sein Held, Jack Waterman ist ein schweigsamer Träumer in der Schreibkrise, der sich in seinem alten VW-Bulli auf die Suche nach seinem verschwundenen Bruder Theo macht. Unterwegs in Gaspé im Osten Quebecs trifft er auf die Tramperin Pitsémine, eine rastlose und lesewütige Halb-Innu, die wegen ihrer langen, dünnen Beine auch die große Heuschrecke genannt wird, sowie ihren kleinen schwarzen Kater.

Die letzte Karte des Bruders kam aus Gaspé, einem Ort auf einer Halbinsel im Nordosten Kanadas, die als „Wiege französisch Amerikas“ gilt, seit der französische Entdecker Jaques Gautier hier landete. Das ungleiche Paar besucht Bibliotheken und Museum und sammelt in Polizeistationen nach Spuren und Hinweisen über den Verbleib des Verschollenen. Gleichzeitig begeben sie sich dabei auch in die Geschichte der Kolonisierung Amerikas und der Verdrängung der indigenen Bevölkerung.

Sie schlafen in winzigen Zimmern von YMCAs oder im Bus, bald auch im selben Bett. Zuerst sind sie noch auf den Pfaden französischer Entdecker unterwegs, später auf den Trails, auf denen die ersten Siedler und Goldgräber über die Rocky Mountains zur Westküste gelangten. Nebenbei beleuchten sie das Unwissen, die Missverständnisse und Vorurteile, die Gier und Gewalt, die einst zwischen Einwanderern und den Indigenen zu schweren Massakern führten.

„Sie kamen an eine Brücke und sahen vor sich einen breiten Wasserlauf mit gelben, schweren Wasser; ohne ein Wort wechseln zu müssen, war ihnen beiden sofort klar, dass es sich um den Mississippi handelte, den Vater der Gewässer, den Fluss, der Amerika in zwei Hälften teilte und den Norden mit dem Süden verband, den großen Fluss von Louis Jolliet und Pater Marquette, den heiligen Fluss der Indianer, den Fluss der schwarzen Sklaven und der Baumwolle, den Fluss Mark Twains und William Faulkners, des Jazz und der Bayous, den mythischen, sagenumwobenen Fluss, von dem es hieß, er verkörpere die Seele Amerikas.“

Die Orte, die sie durchqueren, wie Quebec-City, Toronto, Chicago, St. Louis, den Oregon-Trail bis nach San Francisco folgen der Route des berühmten Landsmannes und Beatnik Kerouac, der in St. Louis auf William Burroughs und andere Beatniks traf und der natürlich auch den Endpunkt der Reise, den City Lights Buchladen von San Francisco besuchte. Das Schicksal des Bruders, das sich den Reisenden wie ein Puzzle zusammensetzt, erinnert in der Rastlosigkeit, inklusive Gefängnisaufenthalt, ebenfalls an Kerouac. Der Schlüssel zum Verbleib des Bruders findet sich in einem Foto, auf dem Theo mit einem weiteren Beat-Poeten zu sehen ist, Lawrence Ferlinghetti, dem Gründer von City Lights.

Die Road-Novel kommt daher im Retro-Touch voller filmartiger Szenen und intensiver Dialoge. Die Protagonisten sind ein so zärtliches, liebenswürdiges und ungleiches Paar, deren beginnende Beziehung auf Respekt und Vertrauen basiert. Ihre Detektivsuche nach Theo erinnert an Sherlock Holmes und Dr. Watson, während sich Autor Jacques Poulin natürlich an seinem Vorbild Kerouac abarbeitet. Als Weltenbummler und abenteuerlustiger Reisefreund würde man sich nur zu gerne „on the road“ begeben, aber man kann zumindest per Buch ja schon einmal in Gedanken vorausfahren.

Jacques Poulin: Volkswagen Blues, Hanser-Verlag, München, 2020, 254 Seiten, Amazon.

In meiner letzten Roman-Empfehlung geht es auch um einen blockierten Schriftsteller, der auf Reisen geht, beschreibt aber eher das Scheitern eines Antihelden. In dem Buch „Auf der anderen Seite des Flusses“ des argentinischen Autors Pedro Mairal führt die Reise aber von Buenos Aires per Boot über den Rio de la Plata nach Montevideo in Uruguay, der kleineren, etwas heruntergekommenen Schwester der glamourösen Hauptstadt Argentiniens. Jorge Luis Borges hat Montevideo besungen und bis heute streiten sich beide Städte um den Ursprungsort für den Tango.

Für die Portenos, die Bewohner von Buenos Aires, ist die Fahrt über den großen Fluss, der hier so breit ist wie ein Meer, fast ein metaphysischer Akt. Schon in Zeiten der Diktatur flohen Dissidenten in die Nachbarstadt, später versteckten Argentinier hier ihr Geld vor den Steuerbehörden und der Inflation oder amouröse Abenteuer vor eifersüchtigen Ehepartnern. Heute ist im liberalen Uruguay das Kiffen erlaubt und die Homo-Ehe legalisiert, ein weiterer Grund, warum sich Argentinier dort freier fühlen als bei sich im Macho-Land. Außerdem kann man abends wieder locker zu Hause sein, als wäre nichts geschehen.

Mairals Hauptfigur Lucas ist ein klassischer Schriftsteller in der Midlife-Krise, der von seiner Frau finanziell abhängig ist, weil er nicht schreiben kann, da ihn sein kleiner Sohn, der „betrunkene Zwerg“ daran hindert. Also begibt er sich aufs Schnellboot, um in Montevideo sein Honorar für noch nicht erbrachte Schreibleistungen von der Bank zu holen und es im Hosenbund vorbei am Fiskus ins Land zu schmuggeln. Praktischerweise hat er seit einigen Monaten eine junge, betörend schöne Geliebte in Montevideo, die er mit dem vielen Geld in der Tasche beeindrucken und in einem luxuriösen Hotel verführen will. Ihr Name lautet „Guerra“, was Krieg bedeutet, und man ahnt schnell, das kann nicht gut ausgehen.

Die ganze Geschichte, die Pedro Mairals Roman an nur einem Tag erzählt, verläuft so tragisch wie komisch. Die Erzählweise kommt in einem spielerischen Plauderton daher, der unterhaltsam ist, aber trotzdem nie im Oberflächlichen hängenbleibt. Gleichzeitig gelingt dem Autor ein liebevolles Porträt von Uruguays Hauptstadt, die mich an vielen Stellen an meine eigene Reise in diese herrlich lockere und grandiose Stadt voller marodem Charme und herunter gerockter Schönheit erinnert.

Pedro Mairal: Auf der anderen Seite des Flusses, mare Verlag, Hamburg, 2020, 176 Seiten, Amazon.

Zu guter Letzt jetzt noch ein besonderer Tipp für diejenigen von euch, die in Büchern lieber schauen als lesen: Der wunderbare Bildband „Tel Aviv“ von Jan Windszus aus meinem geliebten Mare-Verlag. Der 1976 geborene Fotograf hat schon diverse Male die Welt und die Meere unseres Planeten bereist und abgelichtet. Sein erster Auftrag von Mare führte ihn 2007 nach Kalifornien. Seine Bildbände (Lissabon 2013 und Griechenland 2017) sind hochgelobt, und für das letztere erhielt er sogar den Deutschen Fotobuchpreis 2018/2019.

Tel Aviv - die israelische Metropole - bereiste er mehrere Male zu verschiedenen Jahreszeiten, weil er ein Fotograf ist, der sich für seine Aufträge geradezu pedantisch vorbereitet. So gelangen ihm Aufnahmen in Räumen und Gegenden der quirligen Stadt am Mittelmeer, zu denen sonst nur Orthodoxe Zutritt haben. Im besonders armen Stadtviertel Brei Berak, wohin sich kaum ein Tourist verirrt, durfte er in der Ponevezh Yeshiva, die renommierte Hochschule, die 1944 von Litauen hierher zog und wo heute bis zu 3000 Ultraorthodoxe die Thora und den Talmud studieren, fotografieren. Ihm gelangen dabei intime Porträts und sensible Aufnahmen, die niemanden stören oder entlarven. Wie gut ein Fotograf sein Handwerk beherrscht, merkt man daran, wie er Menschen ablichtet, ob am flirrenden Strand, in den geschäftigen Straßen oder in der stillen Synagoge. Man spürt in seinen Bildern förmlich das Vertrauen, dass ihm entgegen gebracht wurde, das wortlose Einverständnis zur Aufnahme.

Gleichzeitig beweist sich Jan Windszus als Meister des Lichts. Nachtaufnahmen wechseln sich ab mit Bildern von grellen Strandabschnitten. Wunderbare Details der grandiosen Architektur der Bauhaus-Periode werden genauso sichtbar, wie der Boom durch Hochhausgiganten in der Zeit von Start-Ups und High-Tech-City. So gibt es noch heute bis zu 4000 Bauhaus-Gebäude, so viele wie nirgendwo. Gleichzeitig schießen rund um das grandiose Museum der Gegenwart neue Wohnkomplexe und Bürotürme wie Pilze aus dem Boden. Windszus zeigt die Bautätigkeit in großartigen Panoramen oder von oben mit der Drohne aufgenommen. Tel Aviv ist laut und hektisch, was sich an den Gesichtern seiner Bewohner ablesen lässt. Viele sehen erschöpft, ernst und nachdenklich aus, egal ob alt oder jung. Die Mieten, Lebenshaltungskosten und Arbeitslosenzahlen sind gemessen am Vergleich mit Mitteleuropa extrem hoch.

Trotzdem ist Tel Aviv aber auch die Party-Hochburg von Israel. Das hedonistische Strandleben, wo Familien neben LBGT-Community genauso vorhanden sind, wie Araber neben Juden, Touristen wie Soldaten faul am Strand lümmeln, wenn auch an unterschiedlichen Strandabschnitten, bestimmt ebenfalls den Alltag. Obwohl es eigentlich ein Klischee ist, in Tel Aviv wird gefeiert, in Jerusalem gebetet, ist so einiges daran Wahrheit.

Aber natürlich zeichnet der Fotograf Windszus ein viel differenzierteres Abbild der Wirklichkeit in der Stadt ab. Gerade in seinen Porträts wird der Widerspruch deutlich: Armut und Reichtum, Arbeit und Müßiggang, Religiosität und Lebenslust, Elend und Luxus liegen in dieser extremen Stadt eng beieinander. Eine Stadt wie keine andere, deren Töne, Gerüche und flirrende Hitze förmlich aus den Fotos auf den Betrachter überspringen. Unbedingt sehenswert, sowohl in echt, was momentan zu Corona-Zeiten leider nicht möglich ist, als auch als Bildband.

Jan Windszus: Tel Aviv. Eine Stadt wie keine andere, Bildband, Mare-Verlag, Hamburg, 2020, 132 Seiten, Amazon.

Schöne, entspannte Weihnachten voller wunderbarer Bücher wünscht Holger Kistenmacher.

Die Bücher sind in den inhabergeführten Buchhandlungen BellingProsa, Buchfink, Arno Adler, Langenkamp, maKULaTUR und Buchstabe erhältlich.

Holger Kistenmacher
Holger Kistenmacher
Jahrgang 1956, freischaffender Journalist seit gut 25 Jahren, studierter Realschullehrer, praktizierender psychosozialer Betreuer, ambitionierter Fotograf und Kulturschreiber mit den Fachgebieten: Moderne Gegenwartskunst, Literatur, Musik zwischen Jazz und Rock, Nordische Filme, Moderner Tanz. Weltenbummler und Reisejournalist.
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