Joachim Meyerhoff "Hamster im hinteren Stromgebiet"
Mit der Rechten wird gedichtet, mit der Linken trainiert - Wenn Humor und Komik heilen können

Holger KistenmacherVon

Eigentlich sollte nach dem vierten Band seiner Reihe "Alle Toten fliegen hoch" Schluss sein mit seinen autobiografischen Romanen. Joachim Meyerhoff wollte sich wieder intensiver seiner exzessiven Theaterarbeit widmen. Er, der sich immer durch körperliche Verausgabung zum Glühen brachte, liegt jählings an Apparaturen angeschlossen in einem Krankenhausbett in der Wiener Peripherie. Die Diagnose des gerade einmal 51jährigen Schauspieler und Schriftsteller ist niederschmetternd: Schlaganfall.

Ganz plötzlich aus dem Off steht seine gesamte berufliche und private Existenz auf dem Spiel. Nachdem er jahrelang und mehrfach ausgezeichnet als Schauspieler am Wiener Burgtheater für Furore gesorgt hatte, verschlägt es ihm buchstäblich die Sprache. Auch seine Karriere als gefeierter Bestseller-Autor scheint ein abruptes Ende zu finden. Er wurde von seinen zahlreichen Fans beider Genres wie ein Popstar bejubelt. Auch ich habe an dieser Stelle seine großartigen Romane über sein Schüleraustauschjahr in den USA, sein Aufwachsen auf dem Gelände der Schleswiger Psychiatrie, seiner Zivi-Zeit und die Theaterausbildung in München bei den bizarren Großeltern in München Grünwald, sowie die liebesverwirrten Zeiten als junger Schauspieler in der Provinz vorgestellt.

Jetzt hat er seinen fünften autobiografischen Band vorgelegt: "Hamster im hinteren Stromgebiet". Damit hat er sich förmlich den Schock und die Sprachlosigkeit über die desaströse Diagnose aus der Seele und dem lädierten Körper geschrieben. Der Schlaganfall war ein Schock und sorgte für immense Ängste, ob und wann er seinen Beruf als Schauspieler je würde wieder ausüben können. Was ist ein Darsteller ohne Sprache, der sich keinen Text merken kann, dessen linke Körperhälfte nicht mehr funktioniert? Meyerhoff versucht, seinen Widerstand zu erklären: "Sie werden durch so ein Ereignis tief verunsichert. Bei mir hatte es mit dem Schock über die Diagnose zu tun, über dieses Wort, das mir da begegnet ist. Deswegen habe ich sehr schnell angefangen, schon im Krankenhaus, diesem eigene Worte entgegenzusetzen. Denn so ein Ereignis, das will ja immer das Narrativ an sich ziehen, die Erzählung. Ich musste irgendwie sehr viele Worte finden, um diesem Schlaganfall zu begegnen".

Und Meyerhoff findet viele Worte, zumeist und zunächst aus der Erinnerung und nur in Gedanken. Er sucht nach Textzeilen, bleibt an absurden Liedzeilen von Schlagern hängen: "Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur du denkst" von Juliane Werding. Aber ihm fallen auch viele gemeinsame Reisen mit seinem Bruder, der Geliebten, den Kindern wieder ein. Das ist mitunter dramatisch oder komisch, häufig aber authentisch und ehrlich, aber auch manchmal scharf an der Kitschgrenze vorbei geschrammt.

Episoden, die seine Leser herbeisehnen, sind natürlich die absurden Beschreibungen als Patient auf der Intensivstation. Zum Beispiel, wenn er schlaflos nachts auf dem Flur der Klinik rumgeistert und sich an der Haltestange wie in der Schauspielschule fühlt. Natürlich versucht er sich an Ballettübungen in seinem armseligen Nachthemdchen. Oder wenn er aus dem Speisesaal berichtet, wo sich alle Schlaganfall-Patienten mit Messer und Gabel abmühen, die Nudeln dann doch aber quer über dem Gesicht landen.

Es ist diese ungewöhnliche, geniale, verblüffende Mischung aus Drama und Komik, die ihm selbst durch die Krankheit und die Ängste helfen. Absurde, schräge, aberwitzige Situationen, die er in jenen neun Tagen auf der Intensivstation erlebt, dienen der inneren Heilung. Er hat Angst, nachts einzuschlafen, es könnte ihn dann ein zweiter Schlaganfall erwischen, also hält er sich wach mit Erinnerungen an die schönen und schwierigen Zeiten in seinem Leben. Dabei beschreibt Meyerhoff die meisten Geschichten voller Liebe und Empathie, Liebeserklärungen an Freunde und Familie, auch die die er schon verloren hat. Dazwischen mischt er aber auch immer wieder die komischsten Situationen, die sich im Klinikalltag einstellen.

Besonders absurd und komisch, der Tag seiner Grundreinigung. Da wird er mit einem Mitpatienten, einem Herren Wurz verwechselt und von zwei kräftigen Pflegern abgeduscht, eingeseift und gewienert bis in die hintersten Ritzen und unter die Vorhaut. Professionell lässt er alles mit sich geschehen. "Auch unter Extrembedingungen nicht aus der Rolle fallen, gehört zum Berufsethos eines Schauspielers. Ich beschwor mich, alle Verantwortung abzugeben, meinen Willen und meine Körperspannung auf null zu reduzieren und mich bis zum letzten Fitzel meines Selbst in die Hände dieser Männer zu begeben. Der Pfleger hantierte mit meinen Hoden herum, als wären sie zwei dieser esoterischen Qigongkugeln, die man in der Handfläche umeinander rollt, während sie kling, klang, klong machen". Sauber wie noch nie und wunderbar trocken gerubbelt, mit einem frischen Pyjama versorgt, genießt er danach das frisch gemachte Bett. "Ob besagter Herr Wurz im Zimmer nebenan nach wie vor schmuddelig im Bett vor sich hin vegetierte, war mir in diesem Moment herzlich egal".

So rettet sich Meyerhoff mit Erzählungen, Erinnerungen und viel Komik selbst. Er arbeitet gegen die Angst, dass er und alles, was er ist, da oben im Kopf gerade gelöscht werden könnte. Dabei zieht er wie immer alle literarischen Register und erzählt mit unvergleichlicher Tragikomik gegen die Unwägbarkeiten der Existenz an. Der Titel des Romans "Hamster im hinteren Stromgebiet" bezieht sich dabei auf eine Hamsterkolonie, die er bei einer nächtlichen Exkursion durch das Parkgelände der Klinik entdeckt hat, sowie auf seine Neurologin, die ihm das befallene Hirnareal, welches auch das "hintere Stromgebiet" genannt wird - erklärt hat.

Joachim Meyerhoff: Hamster im hinteren Stromgebiet, Kiepenheuer & Witsch, Köln 9/2020, 320 Seiten, Amazon.

Die Bücher sind in den inhabergeführten Buchhandlungen BellingProsa, Buchfink, Arno Adler, Langenkamp, maKULaTUR und Buchstabe erhältlich.

Holger Kistenmacher
Holger Kistenmacher
Jahrgang 1956, freischaffender Journalist seit gut 25 Jahren, studierter Realschullehrer, praktizierender psychosozialer Betreuer, ambitionierter Fotograf und Kulturschreiber mit den Fachgebieten: Moderne Gegenwartskunst, Literatur, Musik zwischen Jazz und Rock, Nordische Filme, Moderner Tanz. Weltenbummler und Reisejournalist.
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