Blick in die Ausstellung in der Overbeck-Gesellschaft

Sebastian Stöhrer "Spat und Spreißel"
Amorphe Mikroben-Skulpturen voller Humor aus Ton

Anscheinend haben es die Keramik-Künstler/innen dem Chef der Overbeck-Gesellschaft, Dr. Oliver Zybok angetan.

Bereits 2019 hatte er mit der Künstlerin Nschotschi Haslinger eine Gegenwartskünstlerin, die auch mit dem Material Ton arbeitet, in der St. Petri-Kirche und der Overbeck-Gesellschaft im Rahmen einer großen Schau vorgestellt. Jetzt kommt mit dem 1968 in Freiburg geborenen Sebastian Stöhrer ein weiterer Künstler dazu, der dem eigentlich recht allgemein gebräuchlichem Material Ton einiges an Kreativität und Fantasie abgewinnen kann. Seine organisch-amorphen Skulpturen sind ebenfalls in der Kunstkirche und im Pavillon des Lübecker Kunstvereins ausgestellt. „Spat und Spreißel“ ist seine Schau betitelt, was soviel wie ein Material und ein Splitter/Holzschnitzel bedeutet.

Selbstbewußt grenzt sich Stöhrer mit seinen Skulpturen gegenüber dem reinen Kunsthandwerk mit Ton ab. Zwar erinnern seine Figurationen immer wieder an Gefäße, aber in ihrer ästhetischen Entfaltung erhalten sie durch die Materialwahl und die damit verbundenen vielfältigen technischen Möglichkeiten, die sich mit der, das künstlerische Endprodukt bestimmenden Glasur ergeben, eine ganz eigene künstlerische Skulpturensprache.

Sebastian Stöhrer in der PetrikircheSebastian Stöhrer in der PetrikircheWas er seit gut zehn Jahren, nachdem er vom Holz zum Ton wechselte, kreiert, ist ein vielfältiger Mix aus Figürlichem und Fantastischem. Seine Arbeiten, die manchmal an Organe, aber dann wieder auch an Mikroben erinnern, stecken voller Humor, Skurrilität und Sexiness. Fabelobjekte und Science Fiction-Figuren treffen auf menschliche Innereien. Es gibt Rüsseltiere, halb Mensch halb Tier oder Vasenartiges mit Lästermäulern. Mal sieht man Objekte, die scheinbar zu tanzen versuchen, während andere verspielt in allen Farben glitzern. Gleichzeitig mischt er natürliche Materialien wie Schilf, Äste und Stroh hinein in seine Skulpturen. Das führt zu Objekten, die mal an die Nanas von Niki de Saint Phalle erinnern, dann wieder als dreibeiniges Sexobjekt daherkommen. Massives trifft auf verspielt Leichtes.

Es sind aber vor allem die Glasuren, also die Veredelung der Oberflächen, die weitreichende Gestaltungsmöglichkeiten bieten, aber ebenso eine große Herausforderung bedeuten. Dafür benutzt der Künstler Stöhrer bis zu 30 verschiedene Elemente, die er genauso wie den Ton aus der Erde holt. Durch minuziöses Messen, Skalieren, Mischen, Testen und Niederschreiben von Rezepten eröffnet sich beim Glasieren immer wieder ein neuer Kosmos, erklärt der Künstler seinen Arbeitsprozess. So ergibt sich beim Glasieren eine schier unendliche Farbpalette. „So werden im Umgang mit Keramik zwei Arbeitsschritte miteinander verbunden: zum einen das Modellieren des Ton-Materials als Form der Bildhauerei, zum anderen das Glasieren als Variante der Malerei.“

PetrikirchePetrikircheIn der Overbeck-Gesellschaft betritt man einen mit Keramiken sehr minimalistisch bestückten ersten Raum. An den Seitenwänden hängen sexy Po-Stücke mit ineinander verhakten Füßen und Zehen. Im mittleren Raum bietet eine große Wandzeichnung aus Weidenzweigen den Hintergrund für eine Sockellandschaft mit zwölf Skulpturen. Die Weiden-Ästchen tauchen mal in die Wände ein, um an anderer Stelle wieder aus einer Ecke hervorzukommen.

Sie dienen als verbindendes Glied auch in der Petri-Kirche, wie auch der Titel der Schau erzählerisch vermittelt. „Spreißel“ meint im süddeutschen Sprachbereich nämlich Holzsplitter. Im großen Kirchenraum sind die Skulpturen über räumliche Achsen aus gelegten und gestapelten Kalksandsteinen miteinander verbunden. So stehen im Altarraum leicht erhöht eine Gruppe glockenhafter, purpurroter Skulpturen, die durch Weidenäste verbunden sind. Andere Objekte erscheinen amorph oder eindeutig organisch, aber stets mit einem zwinkernden Auge, mit Humor und einer gewissen Hintersinnigkeit. Der Fantasie und den Assoziationen der Betrachter/innen bleiben alle Wege offen.

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Holger Kistenmacher
Holger Kistenmacher
Jahrgang 1956, freischaffender Journalist seit gut 25 Jahren, studierter Realschullehrer, praktizierender psychosozialer Betreuer, ambitionierter Fotograf und Kulturschreiber mit den Fachgebieten: Moderne Gegenwartskunst, Literatur, Musik zwischen Jazz und Rock, Nordische Filme, Moderner Tanz. Weltenbummler und Reisejournalist.

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