Pressekonferenz in den Deichtorhallen

"Gute Aussichten - Junge Deutsche Fotografie" und "Recommended" in den Deichtorhallen
Das Experiment einer Pressekonferenz in Zeiten von Corona

Holger KistenmacherVon

Am Eingang steht ein Spender für Desinfektion. Besucher werden per Richtungs-Aufklebestreifen in die Halle geleitet. Alles trägt Gesichtsmaske und achtet penibel auf Abstandswahrung. Die Stühle der Pressevertreter haben reichlich freie Zwischenräume, und auch das Podium mit den Kuratoren der neuen Foto-Ausstellungen ist großzügig aufgestellt.

Deichtorhallen-Chef Lukow weiß zu Beginn bei der Begrüßung nicht so recht, ob er seine schicke Maske mit Deichtorhallen-Aufschrift nun abnehmen darf oder nicht. Man einigt sich unter den Kuratoren (Ingo Taubhorn - Haus der Photographie, Josefine Raab - Gute Aussichten und Olaf Kreuter - Olympus/ Recommended), zur besseren Verständlichkeit die Masken abzulegen, auch wenn Taubhorn seine eigene Unsicherheit und Ängste betont.

Alles ganz schön spooky. Aber natürlich sind alle froh und beglückt, dass die Ausstellungshäuser und Museen endlich wieder geöffnet sind und Menschen die Kunst wieder begutachten können. Denn ohne den Betrachter verfehlt auch die beste Kunst ihre Bedeutung. Also kommen wir zu den Ausstellungen in der Halle für Photographie in Hamburg.

Pressekonferenz in Zeiten von CoronaPressekonferenz in Zeiten von Corona

Bereits zum 16. Mal findet unter dem Motto "Gute Aussichten" die Präsentation von Junger Deutscher Fotografie statt. Dafür hatte eine siebenköpfige Jury aus 82 Einreichungen von 36 deutschen Hochschulen neun Preisträger/innen ausgewählt. Die Schau 2019/2020 lässt als roten Faden für alle Werke die Auseinandersetzung mit Krieg und Frieden in Zeiten globaler Desinformation erkennen.

Der jeweilige Ansatz der Gewinner/innen kann als künstlerische Fotografie mit dokumentarischen, politischen, gesellschaftlichen und experimentellen Methoden bezeichnet werden. Der diesjährige Jahrgang zeigt sich laut Taubhorn auf der Höhe der Zeit. "Ein Bild ist ein Zeitdokument, ein Zeitspeicher." Viele Teilnehmer haben sich die Frage gestellt: Wie lassen sich Krisen und Konflikte in Bilder darstellen?

So versucht Lisa Hoffmann von der Muthesius Kunsthochschule in Kiel, mit ihrem "Atlas der Essenz" sogenannte Gegenbilder zu komponieren. Ihre collage-artigen Bilder von Krieg und politischen Konflikten wirken wie Malerei oder klassische Schlachtenszenarien, indem sie gesammelte Fotos neben- und übereinander setzt, um der angeblichen Objektivität durch den Zufall ihrer Recherche und deren Auswahl eigene, subjektive Ansichten entgegen zu halten. Dabei wirft ihre Ästhetik aber bewußt mehr Fragen als Antworten auf.

Lisa Hoffmann: Atlas der EssenzLisa Hoffmann: Atlas der Essenz

Marco Mehringer von der Bauhaus Universität Weimar ist für sein Fotoprojekt nach Sarajevo gereist, um das Töten im Krieg künstlerisch sichtbar zu machen. Mit seinem "Schusslicht Sarajevo" legt er einen konzeptionellen wie fotografischen Gegenentwurf zu den bekannten massenmedialen Kriegsbildern des Balkankrieges vor, indem er durch Schusslöcher fotografiert, durch die Menschen geschossen haben oder beschossen wurden.

Auch Lukas von Bentum von der Fachhochschule Bielefeld ist gereist und zwar nach Kaliningrad, dem ehemaligen Königsberg, der heutigen Enklave, die zu Russland gehört. Er stellt in seinen Bildern die geschichtsträchtigen Statuen und Denkmäler, die einer spezifischen Staatsdoktrin dienen, gegenüber zu Porträts von jungen Menschen seiner Generation.

Larissa Rosa Lackner von der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig lässt uns teilhaben an einer fotografischen Erzählung über eine gewisse Heide aus der ehemaligen DDR. Eine geheimnisvolle Geschichte, die sie durch gefundene Fotos und Dokumente, sowie Befragungen von Zeitzeugen und örtlichen eigenen Bildern präsentiert, die Fragen zu Individualität und Gesellschaft, Dichtung und Wahrheit aufwerfen. Bleibt die Frage: "Wer ist eigentlich Heide?"

Malte Sänger: Preisträger Grant IIIMalte Sänger: Preisträger Grant III

Weitere wichtige neue Positionen stammen von Markus Seibel (Darmstadt), der seit Jahren die europäische Flüchtlingsproblematik begleitet. In seiner Installation aus Bildern, Videos, Sound und Statistiken erweist er sich als fotografischer Aktivist, der den Kampf von Migranten, die Festung Europa heil zu erreichen, dokumentiert und kommentiert. Daneben experimentiert Malte Sänger als Grant III-Stipendiat mit selbstgebastelten Apparaturen, um "Big Brother is watching you" sichtbar zu machen. In "Daemons" greift er Daten und Bilder von Satelliten aus dem Weltall ab oder rückt ominösen Algorithmen auf den Pelz. Er macht dabei sichtbar, was sich zwischen uns und unseren digitalen Gerätschaften so abspielt - sehr spooky!

Der zweite Teil der Schau in der Deichtorhalle bietet, gesponsert von Olympus drei Stipendiaten die Möglichkeit, durch Geld, Equipment und persönliche Unterstützung von Fachleuten jeweils ein Jahr ein großes Foto-Projekt zu realisieren. Teil der Förderung ist dazu jeweils eine Ausstellungsteilnahme in Hamburg (Deichtorhallen), Frankfurt (Fotografie Forum) und Amsterdem (Foam Fotografiemuseum).

Ingo Taubhorn hat dabei Tobias Kruse aus Berlin gecoacht, der für sein Projekt "Deponie" rund 8.000 Kilometer durch die ehemalige heimatliche DDR gereist ist. Ausgehend von der Giftmüll-Deponie Ihlenberg bei Schönberg, die heute so nett Entsorgungspark genannt wird, versucht er die Deponie als Metapher für einen Gesellschaftszustand zu sehen. Im Laufe der Jahre hat ihn die Entwicklung im Osten mehr und mehr beunruhigt. Konsequent in klassischem Schwarz-Weiß fotografierend, ist er von Anklam bis Zwickau, über Dessau nach Bitterfeld, von Hoyerswerda nach Cottbus gereist, um Spuren von Angst, Bitterkeit, Chaos, Kampf, Missgunst, Schmerz, Unheil und Zwiespalt nachzuspüren. Alles Stichwörter, die ihm in den Sinn kamen, wenn er Aufmärsche von Rechten, den neuen Rassismus und Antisemitismus, die Gewalt und Dumpfheit im Osten dokumentierte.

Karla Hiraldo VoleauKarla Hiraldo Voleau

Karla Hiraldo Voleau stammt ursprünglich aus der Dominikanischen Republik und lebt in Frankreich. Sie wurde von Kim Knoppers aus Amsterdam ausgewählt, um ein Projekt in Japan zu realisieren. Dort machte sie sich fotografisch auf die Suche nach der Liebe. Gefühle und Sexualität sind dort aber immer noch ein großes Tabu-Thema. Hinzu kamen sprachliche Probleme. Trotzdem ist sie jungen Menschen ihrer Generation näher gekommen, um sie zu interviewen. Dabei ging es um Themen wie Männlichkeit, Sextourismus, Voyeurismus und den begehrenden Blick. Mit Hilfe von Dating-Portalen konnte sie ihr Projekt voran bringen. Gleichzeitig wurde das Beschreiben von Haut, eigentlich ein altes Ritual in Japan, ein bestimmendes Stilmittel ihrer Fotografie. So ist eine künstlerische Form von Performance über Kontaktaufnahme durch kalligrafische Bemalung des Körpers entstanden.

Die dritte Stipendiatin ist Mika Sperling, die als Mitglied einer Mennoniten-Familie im russischen Norilsk geboren wurde. Heute lebt sie in Deutschland, ist Mutter und verheiratet mit einem Mann mit vietnamesischen Wurzeln. In ihrer stark biografischen Arbeit setzt sie sich mit der Komplexität von Multikulturalität, Herkunft, Identität und Ort anhand ihrer eigenen Erfahrung auseinander. In ihrer Gesamt-Installation sind auf russisch gesungene Schlaflieder für ihren Sohn zu hören, während bunte Fotos und Videos von ihrer Schwiegermutter aus Vietnam und ihr eigenes Tagebuch als 9jährige die sprachlichen und kulturellen Hindernisse ihres Lebens dokumentieren. Ihr Fazit: Die Liebe ist universell.

Die insgesamt sehr sehenswerte Foto-Schau ist bis zum 30. August 2020 unter den bekannten Hygiene-Maßstäben zu betrachten. Gerade jetzt in den zuletzt sehr Kultur-armen Zeiten dürften viele Besucher erwünscht, aber auch den jungen Foto-Künstler/innen zu wünschen sein.

"Gute Aussichten 2019/2020" und "Recommended Olympus Fellowship" im Haus der Photographie Hamburg - Deichtorhallen: Di.-So. jeweils 11 bis 18 Uhr.
www.deichtorhallen.de

Fotostrecke

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Fotos: (c) Holger Kistenmacher

Holger Kistenmacher
Holger Kistenmacher
Jahrgang 1956, freischaffender Journalist seit gut 25 Jahren, studierter Realschullehrer, praktizierender psychosozialer Betreuer, ambitionierter Fotograf und Kulturschreiber mit den Fachgebieten: Moderne Gegenwartskunst, Literatur, Musik zwischen Jazz und Rock, Nordische Filme, Moderner Tanz. Weltenbummler und Reisejournalist.
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