Das NDR-Jazz-Orchester unter Leitung von Geir Lysne und das Hamburger Elektro-Jazz-Quartett ToyToy

Travejazz-Festival 2025
Ein Abend der Kontraste im Schuppen 6

Der Eröffnungsabend des diesjährigen Travejazz-Festivals im Schuppen 6 begann mit dem „Kleinsten Orchester der Welt“, wie sich das Duo Sendecki & Spiegel selbst humorvoll nennen. Dabei sind die beiden exzellenten Jazzmusiker seit Jahren weltweit erfolgreich und absolute Schwergewichte der europäischen Jazzszene.

Der polnische Pianist Vladislav Sendecky ist seit den frühen Achziger Jahren eine virtuose und anerkannte Größe, der sich schon damals in New York rumtriebt, wie er während des Konzertes ausplauderte. Der Schlagzeuger Jürgen Spiegel spielt eigentlich hauptamtlich beim Tingvall Trio und feierte mit dieser Band internationale Erfolge. Mittlerweile haben die beiden Könner an ihren Gerätschaften schon zwei Scheiben eingespielt und waren von Asien über die USA, Südamerika und Europa eigentlich schon überall erfolgreich auf Tour. Trotzdem freuten sie sich auf die familiäre Atmosphäre im rustikalen Hafenschuppen.

Und so legten sie auch gleich mit einer Nummer von Quincy Johns: „Everything musst change“ los. Eigentlich eine böse Aussage in heutigen Zeiten, wie Sendecki kommentierte, aber leider absolut notwendig. Das Duo spielt teilweise Kammermusik-artig intim, erzählerisch und minimalistisch, dann wieder virtuos und rasant wie in der zweiten Nummer „Furioso“ vom Drummer Spiegel, wo er sein ganzes Können am Schlagzeug auffuhr. Kraftvoll und voller Energie trieb er das Stück voran, während Sendecki sehr rhythmisch folgte. So wechselten die Stücke zwischen sinnlich-romantisch hin zu psychedelisch und fast schon rockig.

Vladislav Sendecki und Jürgen SpiegelVladislav Sendecki und Jürgen Spiegel

Aber beiden wollten hauptsächlich Spass haben, was sich natürlich auch sofort auf das begeisterte Publikum übertrug. Aber auch die humorvollen Zwischentexte sorgten für viel Gelächter. So erzählte Sendecki, dass er einmal bei einem Gastspiel in Tokyo von dem Posaunisten der Frank Zappa Band im 28. Stock des Hotels mit kaltem Sake abgefüllt wurde und auch noch ein Erdbeben erleben musste: „Ich glaubte zu sterben“. Aber auch Spiegel konnte da mithalten. Er erlebte schon einmal einen Taifun in der japanischen Hauptstadt und wollte unbedingt ein Foto aus dem Auge des Sturmes machen, was ihn auch fast umgeschmissen hätte.

Dann folgte wieder verspielte Musik, wie das wunderbare Stück „Friendly Garden“, zu dem Sendecki während eines Aufenthaltes mit wunderbarem „Park voller Bienchen und Blumen“ in New York inspiriert wurde. Oder es gab ein Musik-Quizz, wo als Preis ein Musikträger winken sollte, obwohl der Pianist am Ende des Stücks einfach schon einmal den Titel verriet: „Taking the A-Street“. Dann flogen wieder die Finger des Pianisten über die Tasten, während Spiegel richtig Gas gab. Die beiden Musiker waren einfach wunderbar auf einander eingespielt, warfen sich die musikalischen Bälle nur so zu. Sie spielten virtuos, emphatisch und voller Spielfreude, sodass die Neue Zürcher Zeitung die beiden schon in einem Atemzug nannte, so wie „Sam & Dave“ oder „Laurel und Hardy“. Am Ende des Konzertes bejubelte das begeisterte Publikum nicht nur zwei einzigartiger Jazz-Musiker und Freunde, sonder erklatschte sich auch noch eine Zugabe, diesmal ohne Quiz.

Starkes Gebläse - NDR Big BandStarkes Gebläse - NDR Big Band

Teil zwei des Schuppen 6-Jazzabends war da total gegensätzlich. Zunächst war eine längere Umbaupause notwendig, die man bei einem erfrischendem Getränk überbrücken konnte, beziehungsweise auch noch den Musikern von „Nordic Connection“ lauschen konnte, die auf der Open-Air-Bühne Bossa Nova und gefälligen Jazz boten. Dann kam man zurück in den Hafenschuppen und die gesamte Bühne war gestapelt voll, denn jetzt standen die NDR-Bigband und das Hamburger Elektro-Jazz-Quartett ToyToy auf dem Programm.

Die vier Musiker von ToyToy mit ihrem Leader und genialem Schlagzeuger Silvan Strauss, sowie Alex Eckert an der Gitarre, Samuel Wootton an den Percussions und Daniel Stritzke am Bass sind eigentlich als elektronische Experimentalisten mit Jazz und HipHop im Blut bekannt. Jetzt haben sie sich mit der wunderbaren NDR Bigband zusammen getan, um auch die böse Corona-Zeit zu überbrücken. Mit Hilfe von Geir Lysne, dem Leiter der Bigband haben sie alte Sachen neu arrangiert und neue Songs aufgenommen. Mit viel Wumms begannen die etwa 30 Musiker auf der Bühne, die komplexen Arrangements aus übereinander gestapelten und geschichteten elektronischen Sounds von ToyToy mit viel Gebläse zu untermalen. Was mit „Tahin“ begann, wurde mit „A 7 North“ fortgeführt. Stücke, die voller elektronischer Spielereien, rasanten Drum-Läufen und kräftigem Gebläse, egal ob Posaune, Saxophon oder Trompete voran getrieben wurden.

Geir Lysne, der Leiter der NDR-Bigband kann auch QuerflöteGeir Lysne, der Leiter der NDR-Bigband kann auch Querflöte

Selbst beim exotischen „Strato Blues“ vom Gitarristen Eckert gelang das Experiment zwischen großer Bigband und Electro-Jazzern. Sphärische Klänge, auch vom Bandleader, der nicht nur sein Orchester bestens im Griff hatte, sondern auch noch virtuos die Querflöte bedienen konnte, wurden von viel Gedängel und auch mal der Maultrommel des Percussionisten Samuel Wooton aufgelockert. Witzig, spritzig und einfach großes Tennis. Immer wieder kamen einzelne Musiker der Bigband an den Bühnenrand und steuerten wunderbare Soli zum Konzert dazu, während der großartige Silvan Strauss gewohnt souverän sein Schlagzeug mit Drive und voller Energie bearbeitete.

Ein rasantes und vielfältiges Konzert der Extra-Klasse, das bewies, dass HipHop, Elektronik-Jazz und Bigband-Sound hervorragend zusammen passen. Ein dankbares Publikum feierte dieses besondere Musik-Experiment mit verdientem Jubel kräftig ab.


Fotos: (c) Holger Kistenmacher

Holger Kistenmacher
Holger Kistenmacher
Jahrgang 1956, freischaffender Journalist seit gut 25 Jahren, studierter Realschullehrer, praktizierender psychosozialer Betreuer, ambitionierter Fotograf und Kulturschreiber mit den Fachgebieten: Moderne Gegenwartskunst, Literatur, Musik zwischen Jazz und Rock, Nordische Filme, Moderner Tanz. Weltenbummler und Reisejournalist.

Sie haben keine Berechtigung hier einen Kommentar zu schreiben.