Signierstunde mit Raymond Pettibon, Foto: Holger Kistenmacher

„Der kleine Gute“ Raymond Pettibon in der Falckenberg-Sammlung
Der Chronist des gescheiterten amerikanischen Traums in Hamburg

Holger KistenmacherVon

Auf den ersten Blick erscheint die mit ca. 900 Arbeiten ausgestattete Übersichtsschau des Schaffens des amerikanischen Zeichners, Malers und Filmers Raymond Pettibon schier unüberschaubar und heillos überfordernd. Aber wie Gastkurator Ulrich Loock erklärte, ging es ihm in der Präsentation des Documenta- und Biennale-Teilnehmers, der in den letzten 40 Jahren zwischen 20.000 und 30.000 Werke geschaffen hat, um Übersicht und den Versuch, das gesamte Werk angemessen zu zeigen. In langer gemeinsamer Arbeit mit dem Künstler, dem er seit einer ersten großen Ausstellung 1996 im Berner Kunsthaus in Freundschaft verbunden ist, sei es gelungen, die Schau in 32 Kapitel aus historischer und inhaltlicher Sicht zu strukturieren.

Dementsprechend ist es Loock in Zusammenarbeit mit den Deichtorhallen und dem Sammler Harald Falckenberg, der seit gut 20 Jahren den provokativen Amerikaner sammelt und unterstützt, gelungen, eine Retrospektive im XXL-Format zu gestalten. Der 1957 in New York als Sohn eines Englischlehrers und einer aus Estland stammenden Mutter mit hanseatischen Wurzeln geborene Künstler, der sich Raymond Pettibon – der „kleine Gute“ – nennt, begann seine Karriere in L.A. Dort war er als Zeichner und Pressemensch für die von seinem Bruder gegründete Punk-Band Black Flag zuständig, bis er sich mit Bruder und Band überwarf. So kreierte er Plattenhüllen, Fanzines, Konzertplakate und Flyer für die Band und befreundete Musiker wie Sonic Youth oder Minutemen. Ähnlich wie Andy Warhol oder Richard Prince kam er aus der Werbebranche und wollte seine Kunst ohne Umwege direkt an den Adressaten, sein Publikum, bringen. Gleichzeitig begann er schon damals comicartige Bildergeschichten im Film-noir-Stil zu zeichnen, die als billig kopierte Fanzines ihre Abnehmer fanden. 

Sonic Youth LP-Cover: "Goo" 1990, (c) Raymond Pettibon
Mit Beispielen aus dieser Schaffensphase der frühen Jahre startet die Schau in der Phönix-Halle in Hamburg-Harburg. In den 80er und 90er Jahren begann Pettibon sein zeichnerisches Repertoire zu erweitern, Farbe kam ins Spiel, die Formate wurden größer, und seine Bilderfindungen radikaler und freier. Inhaltlich ging es um eine Erweiterung, weg von der Westcoast-Punk-Szene hin zur kritischen Aufarbeitung der „verkehrten, verruchten, verkommenen Version des Traums einer besseren Welt, die mit dem legendären Rolling-Stones-Konzert von Altamond, bei dem ein Fan von einem Hell´s Angel erstochen wurde“, endete. Die Flower-Power- und Hippie-Ära wird von Pettibon als Abgesang, die im Drogenrausch und Selbstmord pervertierte Utopie mit Witz und bitterem Zynismus im Rückblick karikiert. Sektenführer Charles Manson hängt wie Jesus am Kreuz, während langhaarige Hippies sich die Nadel geben oder scheinbar freudig in den Selbstmordtod von der Golden Gate Bridge springen.

Typisch für den Stil Pettibons sind locker skizzierte Szenen mit Texten in Schwarz-Weiß, als Gouache- oder Tuschezeichnung. Sein Urbild aus Zeichnung und Schrift hatte aber nie eine direkte Übereinstimmung. Es gab immer Brüche, Reibungen und Distanz zwischen Text und Bild. Diese poetische Spannung, die bis in die heutigen Arbeiten anhält, lässt sich nicht auflösen. Doppeldeutigkeiten, Anspielungen oder Zitate aus fremder Literatur lassen sich meistens finden und machen das Werk mystisch und geheimnisvoll, provokant und oft auch absurd witzig. Beispiel dafür ist das Plakat mit dem programmatische Titel der Ausstellung, homo americanus, das einen alten Punk mit Irokesen-Haarschnitt in Regenbogenfarbe mit Gitarre und eregiertem Penis zeigt – ein Verweis auf sein eigenes Punk-Image, gegen das sich Pettibon seit Jahren wehrt, die indigene Urbevölkerung der USA und die Schwulenbewegung.

O.T., "Shake Hands? What Hands?" 2007, (c) Raymond Pettibon
Normalerweise hat Pettibon immer eine gewisse Distanz zu den Inhalten seiner Bilder gewahrt. Nur einmal, in seinen Bildern zum Kampf gegen den Terror und den Irak-Krieg, bezieht der Künstler eindeutig Stellung. So lässt er eine Mutter am Sarg ihres getöteten Sohnes klagen: „You killed, murdered my son“, während die Politikergarde von Bush, Cheney oder Rumsfeld antworten: „She is crazy. It was friendly fire.“ Andere Bilder zeigen Präsident Bush mit blutigen Händen oder am Krankenbett eines verletzten Soldaten, dem er die Hände schütteln will, obwohl der keine mehr hat.

Zwischen diesen gegensätzlichen Schaffensphasen gibt es über die vier Stockwerke verteilt die unterschiedlichsten Themen und Motive, vom überdrehten Schnappschuss der amerikanischen Kultur über einen pornografischen Comic bis hin zu skurrilen Alltagsszenen oder scheinbar persönlichen Favoriten, wie den Surferbildern oder den Baseballspielern und Eisenbahnen. Auch die Auseinandersetzung mit Familien-, Rassen- und Geschlechterbeziehungen, der Religion und dem Krieg fehlen nicht in seinem Œuvre. Das ganze kombiniert Pettibon mit lustiger Sprache aus Comic- und Street-Slang oder Poesie und Literatur, die sich aber einer Deutung entzieht.

Der scheue, fast schüchtern wirkende Künstler lässt sich eben nicht eindeutig einordnen. Die Freiheit der Kunst und sein eigener Umgang damit standen für ihn immer im Vordergrund. Pettibon will auch nicht, dass Leute ihm ihre Betrachtungsweise auf das Leben aufzwängen, dementsprechend vielschichtig ist sein Werk, wie auch seine Ausdrucksformen. „Ein Künstler wie ein Kontinent“, wie Kurator Dr. Ulrich Loock Pettibon bezeichnete, will entdeckt werden.

Die Ausstellung: Raymond Pettibon: Homo Americanus läuft in der Sammlung Falckenberg vom 26. Februar bis zum 11. September 2016.

Begleitend zur Ausstellung ist ein Katalog bei David Zwirner Books von 692 Seiten mit über 600 farbigen Abbildung zum Preis von 48 Euro erschienen.

Fotostrecke

Raymond Pettibon - Sammlung Falckenberg - No Title (When the going…), 2007, (c) Raymond Pettibon Raymond Pettibon - Sammlung Falckenberg Raymond Pettibon - Sammlung Falckenberg - (c) Raymond Pettibon Raymond Pettibon - Sammlung Falckenberg - (c) Raymond Pettibon Raymond Pettibon - Sammlung Falckenberg - (c) Raymond Pettibon Raymond Pettibon - Sammlung Falckenberg Raymond Pettibon - Sammlung Falckenberg Raymond Pettibon - Sammlung Falckenberg - (c) Raymond Pettibon Raymond Pettibon - Sammlung Falckenberg - (c) Raymond Pettibon Raymond Pettibon - Sammlung Falckenberg - (c) Raymond Pettibon Raymond Pettibon - Sammlung Falckenberg - Signierstunde mit Raymond Pettibon, Foto: Holger Kistenmacher Raymond Pettibon - Sammlung Falckenberg - Kurator Ulrich Loock, Foto: Holger Kistenmacher Raymond Pettibon - Sammlung Falckenberg - (c) Raymond Pettibon Raymond Pettibon - Sammlung Falckenberg - untitled (Self-portrait with eye-patch), 1998 Raymond Pettibon - Sammlung Falckenberg Raymond Pettibon - Sammlung Falckenberg - homo americanus, (c) Raymond Pettibon

 

Holger Kistenmacher
Holger Kistenmacher
Jahrgang 1956, freischaffender Journalist seit gut 25 Jahren, studierter Realschullehrer, praktizierender psychosozialer Betreuer, ambitionierter Fotograf und Kulturschreiber mit den Fachgebieten: Moderne Gegenwartskunst, Literatur, Musik zwischen Jazz und Rock, Nordische Filme, Moderner Tanz. Weltenbummler und Reisejournalist.
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