Am Mittwochabend war es endlich soweit, worauf Filmfans des nordischen Films lange warten mussten. Die 68. Ausgabe der NFL wurde eröffnet. Leider mit einigen Längen in den Begrüßungen, Wortbeiträgen, Danksagungen, Verabschiedungen, Ehrungen und Preisverteilungen. Aber der Reihe nach.
Wie gewohnt führte die Moderatorin Loretta Stern durch den Abend. Neu war eine etwas hölzerne und teilweise einfach falsche KI-generierte Simultan-Übersetzung als Obertitel auf der Leinwand. Dann wurden mit Susanne Kasimir, der scheidenden Geschäftsführerin und Hanna Reifgerst, der neuen künstlerischen Leiterin des Festivals die Macherinnen der Filmtage auf der Bühne begrüßt. Dabei wurde hauptsächlich aber den gut 300 Mitarbeitern hinter der großen Bühne gedankt, die ein solches Festival erst möglich machen, was sehr löblich war. Dann erklärte Kasimir ihren letzten Wunsch, der aber als direkte Aufforderung an das versammelte Publikum aus Bürgermeister, Kultursenatorin und Bürgerschaft gemeint war, die Nordischen Filmtage in einer Beantragung als immaterielles Kulturgut anzuerkennen.
Dieser Ruf wurde auch vom aus Kiel angereisten Kulturstaatssekretär Dr. Philipp Salamon-Menger gehört und für unterstützenswert befunden. Gleichzeitig betonte er die Bedeutung des Festivals nicht nur für Lübeck, sondern auch für das gesamte Kulturleben in Schleswig-Holstein. Darüberhinaus outete er sich als Filmfan und lobte die NFL als Alleinstellungsmerkmal für Nordische Filme und nannte seine Favoriten.
Susanne Kasimir (Geschäftsführerin NFL), Prof.Dr.Wolfgang Sandberger (Vorstandsvorsitzender Possehlstiftung), Barbara Häbe (Jury Lübecker Drehbuchstipendium), Johanna Domke (Preisträgerin Lübecker Drehbuchstipendium), Hanna Reifgerst (Künstlerische Leiterin NFL)
Dann wurden die diesjährigen Preise für die Drehbuch-Einreichungen des Jahres bekannt gegeben. Gesponsert durch die Possehl-Stiftung, vertreten durch ihren Vorsitzenden Professor Dr. Wolfgang Sandberger und das Jury-Mitglied Barbara Häbe von Arte wurden die symbolischen roten Backsteine für die besten Drehbücher für die Sparten „Visuelles Erzählen“ und Spielfilm vergeben. Die Preise in Höhe von jeweils 35.000 Euro beinhalten aber auch eine 28-tägige Residenz in Lübeck und fachliche Betreuung während dieser Zeit. Johanna Domke erhielt den Preis für ihr Projekt „Die andere Seite der Maske“. Das Filmer-Duo Arne Körner und Rafael Stachowiak wollen damit ihren Spielfilm über die Beobachtung der schwulen Szene in der DDR durch die Stasi realisieren. Der Titel der wahren Geschichte: „Rosa Liste“.
Dann kam es zur Überreichung des diesjährigen Ehrenpreises der NFL an die Erfinderin und Leiterin des International Sàmi Film Institute, Anne Lajla Utsi. Diesmal also keine Schauspielerin oder Regisseur, aber trotzdem eine Persönlichkeit aus der Filmkultur, die Großartiges geschaffen hat. Mit ihrer Arbeit hat sie der Filmkultur aus Sàpmi auf die Internationale Landkarte des Filmes verholfen. Diese marginalisierte Filmkultur hat mittlerweile Filme aus allen Regionen ihrer indigenen Bevölkerung von Norwegen, Schweden, Finnland, Grönland über Kanada bis nach Sibirien in die Welt geschickt.
Diese besondere Bedeutung ihrer Arbeit wurde auch vom norwegisch-Sami-Regisseur und Schauspieler Nils Gaup in seiner Laudatio für die Ehrenpreisträgerin hervorgehoben. Ihre Fähigkeit, Brücken zu bauen zwischen den Kulturen und den Filmschaffenden, sei einzigartig. Dabei war es sein Film „Pathfinder“ von 1987, der durch seine Oscar-Nominierung als bester fremdsprachiger Spielfilm Anne Lajla Utsi im Alter von 14 Jahren für ihre spätere Tätigkeit inspiriert hatte. Es war ihr erster Film aus ihrer Heimat und in ihrer Sprache, den sie jemals gesehen hatte, erklärte sie bei ihrer Danksagung.
Filmszene aus 'Ulya', (c) B-Rated International
Dann aber wurde es endlich Zeit, den Eröffnungsfilm der diesjährigen Filmtage zu zeigen. Mit „Ulya“, einem Schwarz-Weiß-Werk des lettischen Regisseurs Viesturs Kairiss wurde ein Sportdrama präsentiert, das auf wahre Begebenheiten beruht. Gezeigt wird die Geschichte der lettischen Basketball-Legende Uljana Semjonova, die während ihrer Karriere diverse Goldmedaillen bei Olympischen Spielen, Welt- und Europa-Meisterschaften sammeln konnte. Aufgewachsen auf einem Bauernhof in sehr abgeschiedener ländlicher Umgebung in Lettland wird sie von einem Scout entdeckt und nach Riga verpflanzt. Das sehr scheue, aber große Mädchen ist völlig verunsichert. Wie schon zuvor wird sie aufgrund ihrer Naivität und anfänglichen Plumpheit von ihren Mitspielerinnen gemobbt und belächelt.
Gespielt wird die spätere 2,13 Meter große Sportlerin übrigens vom männlichen Schauspieler Karlis Arnolds Avots, der vielen Festivalgängern aus anderen Produktionen, wie „Soviet Jeans“, einer Serie aus dem Jahre 2024 bekannt sein dürfte. Die persönliche Geschichte von Semjonova, die Anfang 2026 im Alter von 73 Jahren verstorben ist, hat dabei verschiedene Ebenen. Einerseits zeigt sie die persönliche Entwicklung der jungen Frau, die sportlich immer erfolgreicher wird, aber auch ihre Einsamkeit und Ausgegrenztheit innerhalb der Gruppe. Dazu kommen teilweise politische Einflussnahmen durch die Politik und den russischen Sport, die sie nach Leningrad locken wollen. Dafür wird ein verheirateter Mann instrumentalisiert, der mit ihr flirtet und ihr erste Liebe verspricht. Gleichzeitig wird ihr mit medizinischen Untersuchungen gedroht, um ihr wahres Geschlecht oder ihre Körpergröße zu ergründen. Man unterstellt ihr überhöhten Fleischkonsum, der mit Wachstumshormonen behandelter Tiere einhergeht.
Gerade in dieser Thematik hat der Film seine Stärken. Allerdings hat die Schwarz-Weiß-Produktion, die wohl künstlerisch wertvoll wirken soll und einen dokumentarischen Charakter hat, auch Schwächen. Oft sind die Bilder sehr düster, unscharf oder grobkörnig. Gerade wenn man in den ersten Reihen sitzt, ist der Film schwer zu ertragen, weil schwer zu visualisieren, wie ich in der ersten Reihe feststellen musste. Trotzdem einmal ein gewagter Film zur Eröffnung, der Hoffnung auf viel mehr gute Filme in den nächsten Tagen macht.
Fotos: (c) Holger Kistenmacher

