Hafenkino im Schuppen 6, Foto: (c) Olaf Malzahn

60. Nordische Filmtage
Baltic Retro – Transfer ins Jetzt.

Rolf JägerVon

Unter dem Titel „Baltic Transfer“ widmete sich die Retrospektive der 60. Nordischen Filmtage Lübeck (NFL) den Themen Ostsee und Häfen des Nordens. 'n büschen Nordsee, Fluss und Binnenmeer sind auch dabei.

875 Jahre Stadt Lübeck, 100 Jahre Unabhängigkeit der baltischen Länder, 60 Jahre NFL, der historisch 100. Geburtstag eines Filmsondergleichen: Zahlen, Zeiten, dass früher alles besser war und andere kreativ wirksame Zweifelhaftigkeiten, die sich in den Nordischen Filmtagen 2018 widerspiegelten. Ein vortrefflicher Jahrgang.

Mehrheitlich von vor der Jahrtausendwende, zeigte die renommierte Retrospektive-Sektion des Festivals die Ostsee mit Hafenstädten der Anrainerländer und überseeische Beziehungen; Filme, Schiffspassagen und Fährverbindungen, Handelsschifffahrt und Seetouristik, Krieg und krieghafte Konflikte, Flucht im 20. Jahrhundert sowie das Leben diesseits der Wasserkanten – Heuerbüros, Männerfreundschaft, Liebe, Arbeit, laden, löschen, schaufeln, rauchen, Prost.

Filmszene aus 'Baldevins Hochzeit'Filmszene aus 'Baldevins Hochzeit'

Schuppen
Neuer Spielort, neues Format bei den NFL: das „Hafenkino“ im Schuppen 6 an der Untertrave, mit 4 Stummfilmen und Live-Musik an 4 Abenden. „Baldevins Hochzeit“ (NOR 1926, von George Schnéevoigt) basiert auf einer als besonders flach geltenden Volkskomödie, die, erfolglos auf der Bühne, als Film einschlug. Slapstick, Auf-die-Fresse, jemand betrinkt sich mit Holzpolitur (wissend!), ein Lob der Faulheit, puppennaive resp. clevere Frauen in den männlich definierten gesellschaftlichen Verhältnissen jener Tage. Ziemlicher Spaß, der in den ersten ca. 45 Minuten in HL spielt; die alten Bilder der Stadt lösen ein allgemeines Ortsraten im Publikum aus: „Wo ist das denn noch mal? Das ist doch ...!“ „Genau, beim Dings, an der Obertrave!“

Das Gemurmel mischt sich mit dem unterschwellig pochenden Brummen der Filmprojektor-Maschine, ein fast mannhohes Getüm mit einer 35-mm-Celluloidfilm-Rolle mit dem Durchmesser etwa einer 24er Fahrradgröße. Wunderbar. Jörg Schöning, der gut gestimmte Retrospektive-Kurator, freut sich und bittet bei der Gelegenheit schon vorab um Geduld, da er die deutschen Untertitel während der Vorführung, quasi live, per Hand setzen muss, ohne es vorher geprobt haben zu können. Geht alles gut und seinen Gang – spontan, wie improvisiert, lässt Schöning ein paar schnelle, diverse Fehl-Abfolgen von Sätzen springen, on-off, stop-motion, beherzt, noch mal. Und der Laden lacht. Authentisch, Baby: Lübecker 2018 im Hafenschuppen 6, der in den 1920ern noch in Benutzung war, zur Zeit der Handlung des Films also.

Werner Loll, Jörg Schöning und Volker Linde, Foto: (c) Olaf MalzahnWerner Loll, Jörg Schöning und Volker Linde, Foto: (c) Olaf Malzahn

Stimmig auch die musikalische Begleitung der Lübecker Musiker Werner Loll (Piano) und Volker Linde (Akkordeon, E-Gitarre), die mit der Erfahrung vieler Jahre norwegisches (plus zweimal lübsches) Volksliedmaterial leicht und stilisicher mit Jazz und Blues infiltrieren. Großer Applaus für Bild und Ton am Schluss an diesem Abend wie auch am nächsten – wenngleich der musikalische Teil, bestritten vom bekannten Lübecker TroubaDuo (5-string-Geige, Akkordeon), doch etwas an Tiefe vermissen ließ. „Wellen der Leidenschaft“ (EST 1930, Regie: Wladimir Gaidarow) handelt von illegalen Schnapsgeschäften in den Kaschemmen von Tallinn. „Ruf des Meeres“ (POL 1927, Regie: Henryk Szaro) am dritten Abend vom Kampf gegen eine Schmugglerbande in Gdingen, bei live eingespielter Musik vom Tonträger. MusikerInnen der Musik- und Kunstschule Lübeck schließlich begleiteten Walter Fürsts „Café X“ (NOR 1928), einen sehr konsequent erzählten Film über finstere, böse Machenschaften im Hafenviertel Oslos live. Fazit Hafenkino: Gute Idee, mit Sorgfalt, Kompetenz und viel Liebe realisiert. Funktioniert. Mehr, bitte.

Ingmar
Eröffnungsfilm der Retrospektiven war in diesem Jahr die Milieustudie „Hafenstadt“ (1948), der fünfte abendfüllende Spielfilm des damals gerade 30-jährigen Ingmar Bergman, der in diesem Jahr seinen 100sten gefeiert hätte. Grund genug für eine Bergman-Reihe, gerade bei den NFL. „Hafenstadt“, seit Jahren eine Seltenheit auf der Leinwand und im TV (Bergman selbst gefiel der Film nicht, er unterband die Vorführungen baldmöglichst), erzählt von sozialen Außenseitern in Göteborg nach dem 2. Weltkrieg. Zum ersten Mal mit einer Frauenfigur im Mittelpunkt, zeigt sich hier ein Regisseur und Autor noch im Begriff, die eigene Sprache zu finden, und sich zwischen knochenharter Prügel, Suff, seelischem Kollaps und einem verblüffenden, kurzatmigen Semi-Happy-End an den damals international dominanten filmischen und philosophischen Trends orientierte: „Dem italienischen Neorealismus und dem französischen Existenzialismus“, wie der Kurator in der Anmoderation erläutert. „Vor dem Hintergrund einer Hafenstadt steht die Frage nach der Verantwortung des Individuums für sein Leben.“ Siehe Roberto Rossellini („Rom, offene Stadt“), Jean Renoir („Bestie Mensch“) u. a. Kurator Schöning, heiter und in Anlehnung an einen Klassiker von Roberto Rossellini: „,Göteborg, offene Stadt‘ hätte sein Film auch gut heißen können.“

Filmszene aus 'Hafenstadt', Foto: (c) AB Svensk FilmindustriFilmszene aus 'Hafenstadt', Foto: (c) AB Svensk Filmindustri

Ein sehr guter Film, ästhetisch wie schauspielerisch mit sicherer Hand gebaut, der aber Bergman als einen der ganz Großen in der Geschichte des Films, der er werden sollte, noch nicht erkennen lässt; nur in der Rückschau. Bei den Filmfestspielen in Cannes 1997 erhielt er gar die goldene „Palme der Palmen“ als Bester Regisseur aller Zeiten. Ein irgendwie metaphysischer Ehrentitel, der auch anderen seiner Zunft gut stünde – allerdings nur sehr wenigen, die ihm an Einfluss, Erschließung von künstlerischem Neuland und kreativer Konsequenz nahekommen.

Balten
Erstmals dabei in diesem Jahr waren Filme aus den baltischen Staaten, das substanzielle Spektrum ist breit. Verblüffend etwa „Adam möchte ein Mensch werden“ (1959, Regie: Vytautas Žalakevičius) aus Litauen, ein Jugenddrama, das in den '30er Jahren spielt, u. a. mit Elementen des amerikanischen Film Noir, visuell experimentell: Überblendungen, „Citizen Kane“-sche Unschärfe- und Auflösungseffekte, Schwarz-Weiß-Psychedelia, die dem Elend der Litauer in Arbeitslosigkeit und Verbrechen zwischen den Kriegen Ausdruck verleihen.

Filmszene aus 'Adam möchte ein Mensch werden', Foto: (c) Lithuanian Film CentreFilmszene aus 'Adam möchte ein Mensch werden', Foto: (c) Lithuanian Film Centre

Aus Estland stammt das Gesellschaftsporträt „Die Mittagsfähre“ von Regisseur Kaljo Kiisk (1964), ein Mix aus Kammerspiel und Katastrophenfilm. „Ein Apfel im Fluss“ (LET 1974, R: Aivars Freimanis) erzählt mit z. T. dokumentarischem Bildmaterial vom unbeschwerten Sommer eines Werftarbeiters mit seiner Freundin auf einer Flussinsel. Der Action-Krimi „Feuerwasser“ (1994) des estnischen Regisseurs Hardi Volmer einmal mehr mit dem regen Schmuggelverkehr zwischen den Anrainerstaaten der Ostsee.

Dokumentarisch
„Der Fall Cap Arcona“ (DEU 1995) rekonstruiert die irrtümliche, tragische Versenkung eines Schiffes mit KZ-Gefangenen im Mai 1945 durch die Royal Air Force in der Neustädter Bucht. Überlebende Passagiere wie Augenzeugen von Land aus berichten. Erschütternd. Ebenso die Bilder der schwedisch-norwegisch-polnisch-deutschen Produktion „Hafen der Hoffnung“ (2011) von Magnus Gertten, der an die Menschen erinnert, die 1945 aus KZs befreit wurden und mithilfe des Internationalen Roten Kreuzes Malmö erreichten.

Filmszene aus Hafenarbeit im Hafenbetriebsverein Lübeck, Foto: (c) Peter SchubertFilmszene aus Hafenarbeit im Hafenbetriebsverein Lübeck, Foto: (c) Peter Schubert

Die Arbeitswelt zu Zeiten des noch florierenden Stückgutverkehrs über die Ostsee ist Gegenstand des 1976 in Lübeck gedrehten „Hafenarbeit im Hafenbetriebsverein Lübeck“ (DEU 1977). Gar nicht lange her, und doch schon eine andere Welt. Wie eine aktuelle Referenz funktioniert die z. T. im Autoterminal-Hafen Bremerhaven gedrehte Romanverfilmung „Yarden – The Yard“ (SWE/DEU 2016) von Måns Månsson, ein Blick in die Arbeitsbedingungen eines modernen Hafenbetriebs.

Immer wieder gern genommen:
Der isländische Hochsee-Thriller „Reykjavik – Rotterdam: Tödliche Lieferung“ (ISL/NL/DE 2008) mit Baltasar Kormákur. Extratrocken, was Humor, physische Härte, psychische Brüche und die systeminherente Gier und Dummheit von Menschen hier und dort auf dem Planeten betrifft. You name it. 2012 erschien übrigens ein US-Remake mit dem Titel „Contraband“, mit Kormákur als Regisseur und Hauptdarsteller Mark Wahlberg. Naja. Geht so.

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