Foto: (c) Cata Portin

„Ein unbekannter Meister“ von Klaus Härö
Der alte Mann und das Gemälde

Susanne BirckVon

Klaus Härö bringt mit seinem neuen Film „Ein unbekannter Meister“ ein wunderbares, stilles Filmwerk auf die große Leinwand.

Olavis kleiner Kunsthandel läuft nicht mehr gut. Alte Gemälde möchte kaum noch einer kaufen, kaum ein Kunde verirrt sich in seinen Laden im Sousparterre mitten in Helsinkis wichtigstem Innenstadtviertel. Alles ist hier alt, angestaubt, aus anderen Zeiten, sogar das Telefon mit Wählscheibe ist noch in Betrieb. Sein kleines Geschäft möchte der alte Mann noch nicht aufgeben, aber irgendwann ist diese Entscheidung wohl unausweichlich. Das benachbarte Auktionshaus stellt die Kunstwerke für die anstehende Auktion aus. Olavi guckt sich unmotiviert um, da entdeckt er in einer Ecke auf einem Schrank ein wahrscheinlich altes Ölgemälde, das Porträt eines Mannes. Laut Katalog ist es das Werk eines unbekannten Meisters, noch dazu unsigniert. Ohne zuverlässige Zuordnung lässt sich der Wert dieses Bildes nicht einschätzen und ist für einen Kunsthändler nicht von großer Bedeutung.

Foto: (c) Cata PortinFoto: (c) Cata PortinDoch Olavi lässt dieses Bild nicht in Ruhe. Er beginnt zu recherchieren und stößt auf Hinweise, dass es ein Werk des russischen Malers Ilya Repin sein könnte. Bevor er entscheidet, ob er dieses Bild ersteigern möchte, muss er mehr in Erfahrung bringen. Ausgerechnet jetzt meldet sich seine Tochter Lea bei ihm, ihr Verhältnis ist seit Jahren zerrüttet, sie haben lange nicht mehr miteinander gesprochen. Sie bittet ihren Vater, dass ihr 15-jähriger Sohn Otto für ein paar Tage ein Schulpraktikum bei ihm machen darf, weil Otto dringend einen Praktikumsplatz braucht. Großvater und Enkel kennen sich kaum noch. Zu Anfang ist das Zusammentreffen spröde und von beiden als Notwendigkeit akzeptiert.

Als Olavi seinen Enkel in die Recherchearbeit zu dem Gemälde einbindet, beginnt das Eis zwischen ihnen zu brechen. Gemeinsam finden sie heraus, dass es sich bei dem Gemälde mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit um einen Repin handelt: Das Porträt von Jesus Christus. Nun beginnt für Olavi und Otto ein Wettlauf mit der Zeit und gegen den Auktionator, der selber nichts vom eigentlichen Wert des Bildes weiß. Die Auktion wird bald sein und es fehlt ein eindeutiger Beweis der Zuordnung des Gemäldes – und eigentlich hat Olavi auch gar kein Geld für den Ankauf. Doch er weiß: Das könnte seine letzte Chance auf einen großen Deal sein. Auf einen sehr, sehr bedeutsamen Deal.

Foto: (c) Cata PortinFoto: (c) Cata Portin

Die vordergründige Geschichte handelt von der Jagd nach einem wertvollen Gemälde, doch vielmehr geht es um die Konflikte eines alt gewordenen Mannes, die es noch zu lösen gilt, bevor es zu spät ist. Es ist eine Erzählung über die Schwierigkeiten des Älterwerdens, die fehlenden Brücken zwischen Eltern und Kindern, über Loslassen-Können, Distanz, Missverständnis und Enttäuschungen. Dass diese Grundkonstellation nicht in einem schwermütigen Drama endet – das ist typisch für die Filme von Klaus Härö. Triefendes Taschentuch-Kino? Weit gefehlt! Wir sind nicht in Hollywood, sondern in Europa, in Finnland. „Wir Finnen sind Pessimisten“, sagte Klaus Härö bei seinem Besuch einer der Vorstellungen auf den Nordischen Filmtagen.

Er selber beweist mit seinem Film das Gegenteil: „Ein unbekannter Meister“ ist ein bemerkenswerter, zarter Film voller warmherziger Melancholie, der Hoffnung und die Möglichkeit von Versöhnung vermittelt, eine ungewöhnliche Rahmenhandlung hat und nebenbei auch ein bisschen finnischen Humor zeigt. Erwähnenswert sind unbedingt das erstklassige, kleine Schauspiel-Ensemble, die hervorragende Kamera-Arbeit und die einfühlsame Filmmusik. Heikki Nousiainen brillierte bereits in „Post für Pastor Jakob“ (2009, Regie auch Klaus Härö) und prägt auch in diesem Film den Gesamteindruck dieses kleinen, stillen und wunderbaren Meisterwerks aus Finnland.

Ein unbekannter Meister (Tuntematon mestari / One Last Deal), Finnland 2018, 94 Minuten, Regie: Klaus Härö, Buch: Anna Heinämaa, Darsteller: Heikki Nousiainen (Olavi), Pirjo Lonka (Lea), Amos Brotherus (Otto)

60. Nordische Filmtage: Interview mit Klaus Härö zum Film „Ein unbekannter Meister“

Susanne Birck
Susanne Birck
Jahrgang 1969, nennt Lübeck seit 2003 ihre Wahlheimat. Die studierte Kulturwissenschaftlerin ist als Kulturjournalistin schreibend und fotografierend in der Stadt unterwegs. Schwerpunktthemen für Unser Lübeck: Filmkritiken, Interviews, Bildende Kunst.
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