Jörgen Leth und Susanne Kasimir

NFL 2022
64. Nordische Filmtage Lübeck sind eröffnet

Am Mittwochabend wurde die Eröffnung der Filmtage ein Fest für Augen und Ohren. Gekommen waren die üblichen Verdächtigen aus Kultur, Politik und Gesellschaft der Hansestadt Lübeck, sowie Film-Fans und Filmemacher aus nah und fern.

Gefeiert wurde aber nicht nur der Eröffnungsfilm, der dänische Dokumentarfilm „Music for Black Pigeons“ der Filmemacher Jörgen Leth und Andreas Koefoed über vergangene und aktuelle Helden des Freejazz, sondern auch der isländische Meister-Regisseur Fridrik Thor Fridriksson für sein filmisches Lebenswerk mit dem Ehrenpreis der Filmtage. Die Laudatio hielt der frühere ZDF-Redakteur und Produzent Alexander Bohr. Er bezeichnete Fridriksson als „den Paten eines aufblühenden isländischen Filmwunders“.

Das heute 68jährige Regie-As gilt als einer der einflussreichsten Filmschaffenden seines nördlichen Heimatlandes Island, obwohl er als Sohn eines Landwirtes nie eine Filmhochschule besucht hat. Dafür wurde er von seiner Mutter gemeinsam mit der gesamten Familie jeden Sonntag mit ins Kino genommen. Schon als 16jähriger Schüler gründete er mit Freunden in einem alten Kino in Reykjavik den ersten Filmclub des Landes. Anfang der 80er Jahre drehte er seine ersten eigenen Filme, zunächst auf Super-8, dann auf 16mm Film. 1992 war er mit seinem langen, ruhigen Film über das Altern und das Finden eines Platzes zum Leben „Children of Nature“ für den Oscar als bester fremdsprachiger Film nominiert.

Ehrenpreis der Filmtage für Fridrik Thor FridrikssonEhrenpreis der Filmtage für Fridrik Thor Fridriksson

Es folgten diverse andere Filme, die meist auch in Lübeck präsentiert wurden. Insgesamt sei er wohl ein gutes Dutzend mal in Lübeck gewesen, hat dabei drei Preise gewonnen und Lübeck und das Festival fest im Herzen, weil man immer auf Freunde und wichtige Kollegen des nordischen Film treffe, wie er im Interview betonte. Fridriksson war aber nie nur Regisseur, sondern auch Drehbuchschreiber, Produzent (u.a. von Lars von Triers „Dancer in the Dark“ mit Björk) und Dozent an der Icelandic Film School. Soeben hat er auch einen neuen Film abgeschlossen, der vermutlich im nächsten Jahr bei der Berlinale gezeigt werden wird.

Daneben ist Fridrik Thor Fridriksson ein äußerst angenehmer, freundlicher, humorvoller und trinkfester Gesprächspartner, wie ich bei früheren Begegnungen mit dem Meister aus Island bei persönlichen Begegnungen erleben durfte. Eben ein echter Wikinger. Beim gemeinsamen Anstehen für den Kauf eines Bieres erzählte mir Fridriksson noch die schaurig-schöne Anekdote, „dass Alkohol auch sein Leben gerettet habe. An 9/11 sollte er eigentlich einen Termin in den Twin-Towers in New York haben. Er war aber so betrunken, dass er seinen Flug verpasste“.

Alexander Bohr, Fridrik Thor Fridriksson und Thomas HailerAlexander Bohr, Fridrik Thor Fridriksson und Thomas Hailer

Neben dem undotierten Ehrenpreis der Filmtage wird er aber auch noch mit einer Hommage seiner besten fünf Filme ausgezeichnet. Im Rahmen der Filmtage werden „Movie Days“ von 1994 über seine Liebe zum Kino aus den Fünfziger Jahren (3.11.,10.45 Uhr), „Cold Fever“ über einen Japaner, der die Asche seiner auf Island verunglückten Eltern dorthin zurückbringen will (4.11., 10.45 Uhr), „Children of Nature“ von 1992 (4.11.,19.45 Uhr), „Angels of the Universe“, ein Film zwischen Realität, Psychiatrie und Irrealität (5.11., 10.15 Uhr), sowie „Mamma Gogo“, sein persönlichster Film über sein Filmschaffen und seine an Alzheimer erkrankte Mutter (6.11.,19.45 Uhr) zu sehen sein.

Jetzt aber zum Eröffnungsfilm, der seit mehr als zwanzig Jahren mal wieder ein Dokumentarfilm ist. Ein Film, in dem die dänischen Regisseure Leth und Koefoed über einen Zeitraum von eineinhalb Jahrzehnten den dänischen Gitarristen Jakob Bro begleitet haben. Alle drei Protagonisten waren bei der Eröffnung dabei. Der Film ist nicht nur ein Augen- und Ohren-Schmaus für eingefleischte Jazz-Fans, sondern soll auch Jazz-Verächtern aufzeigen, dass diese oft als avantgardistisch und abgehoben intellektuell abgetane Musikrichtung nicht anstrengend, sondern lustvoll und inspirierend sein kann. Der Film zeigt den dänischen Gitarristen Bro mit fast allen Jazz-Größen aus Europa und den USA. So wird das Zusammenspiel mit dem greisen Lee Konitz (1927 - 2020) bei einem seiner letzten Konzerte gezeigt. Die Kompositionen, gemeinsam mit Bro gespielt, blieben ihm fremd, hatte Konitz später erklärt. „Es sei Musik für schwarze Tauben. Denn eine solche habe an seinem Fenster ausgeharrt, solange er die CD auf seinem Player abgespielt habe“, ist im Film zu hören.

Filmszene aus 'Music for Black Pigeons'Filmszene aus 'Music for Black Pigeons'

Darüber hinaus kann man im Film erleben, wie immer wieder die unterschiedlichsten Musiker aus den verschiedensten Ländern und Kulturen es schaffen, mit ihren Improvisationen einen gemeinsamen Nenner und Rhythmus zu finden, schlussendlich als Band zu funktionieren. Wobei die Musiker aber trotzdem auch die unterschiedlichsten Antworten über die Bedeutung der Musik für sie selbst finden. Mal ist es einfach Schweigen, dann wiederum die „Feier des Lebens“, wie beim Schlagzeuger Andrew Cyrille. Der Gitarrist Bill Frisell erklärt, dass sein Instrument selbst für ihn nach 50 Jahren jeden Morgen immer wieder neu sei. Altmeister und Saxofonist Lee Konitz betont, dass „es das ist, was er immer machen wollte“. Während der eine (Bassist Thomas Morgan) nie üben mag, ist der Jazz für einen anderen (Trompeten-Altmeister Palle Mickelborg) nichts weniger, als „die Suche nach dem Sinn des Lebens“.

Leider kommt in dem Film mit der japanischen Percussionisten Midori Takada nur eine Frau vor, dafür belegen die Aussagen ihrer Kollegen aber die Alternativlosigkeit ihres Tuns. Eine fremdbestimmte Arbeit im Gegensatz zur freien Improvisation und eigenen Kreativität in der Musik kommt für keinen in Frage. Aber nicht nur die vielen Konzert-Ausschnitte und Interviews mit den Musikern sind im wunderbaren Jazz-Film zu sehen, sondern auch deren Lebensalltag abseits der Bühnen und Aufnahme-Studios. Alle führen ein unstetes Leben mit Rollkoffer und Hotel und ewigen Reisen über die Kontinente. Aber auch alle eint, dass ihr Leben aus Musik und Klängen besteht, die sie stets neu auszudrücken versuchen. Eben eine Feier des Lebens mit Hilfe von Musik.

Der Film ist auch noch am Donnerstag, den 3. November um 22.45 Uhr in der Stadthalle in Kino 6 zu sehen.

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Holger Kistenmacher
Holger Kistenmacher
Jahrgang 1956, freischaffender Journalist seit gut 25 Jahren, studierter Realschullehrer, praktizierender psychosozialer Betreuer, ambitionierter Fotograf und Kulturschreiber mit den Fachgebieten: Moderne Gegenwartskunst, Literatur, Musik zwischen Jazz und Rock, Nordische Filme, Moderner Tanz. Weltenbummler und Reisejournalist.

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