Seit Jahren feiern die Theater-Stücke über allerlei Musikergrößen aus Pop und Rock, wie unter anderem Rio Reiser, Sting, Bruce Springsteen, Neal Young oder Patti Smith große Erfolge am Lübecker Theater. Unter der Regie von Knut Winkmann und seinem Team wie dem musikalischem Leiter Willy Daum und der Band mit Urs Benterbusch, Jonathan Göring und Peter Imig gelang am Freitag ein weiterer großer Wurf.
Mit „Come as you are“ wurde die legendäre Grunge-Band Nirvana mit dem großartigen Sänger Kurt Cobain durchleuchtet und musikalisch in wunderbaren Bildern und Spielszenen auf die Bühne gebracht. Der Mythos, der sich um die Band (Kurt Cobain - Gitarre, Gesang und Lyrics, Kristof Novoselic - Bass und Dave Groll am Schlagzeug) gebildet hat, obwohl sie schon über 30 Jahre nicht mehr existiert, ist für viele ein Rätsel.
Gerade einmal drei offizielle Alben gibt es von Nirvana, die mit ihrem rohen, ungeschliffenen, schnodderigen Sound die Grunge-Ära maßgeblich mit beeinflusste, in dem sie sich gegen die Mainstream Trends in Kultur und Gesellschaft wendeten. Kurt Cobain wollte nie ein Rockstar sein, litt ein Leben lang an Magenproblemen, Depressionen und Drogensucht und erschoss sich 1994 auf brutalste Weise mit einer Schrotflinte, die seinen Kopf zertrümmerte. „It´s better to burn out than to fade away“. Soweit die Fakten.
Johannes Merz, Will Workman, Heiner Kock, Peter Imig, Jonathan Göring
Aber noch heute hat fast jeder und jede von uns einen Hit der Band im Ohr, werden ihre Songs bei guten Parties gespielt oder selbst junge Leute haben T-Shirts von Cobain und Co im Schrank. Viele mystische, wahre und unwahre Geschichten kursieren durch die Welt aus Kunst, Unterhaltung und Kommerz. Das Lübecker Theater und seine wunderbare Schauspieler-Crew versuchen jetzt, mit einem Spiel aus episodenhaften, gesampelten Szenen voller Projektionen, Klischees, Zuschreibungen, Haltungen und Rollenbildern, aber vor allem wunderbar gesungenen und gespielten Songs, dem Phänomen auf die Spur zu kommen.
Zu Beginn wird die offene Bühne von einem riesigen gemalten Porträt von Cobain mit seinen stahlblauen Augen begrenzt, vor der die dreiköpfige Band sich aufgestellt hat, um den Abend mit Verve und harten Riffs zu untermalen. Das fünfköpfige Schauspiel-Ensemble (Heiner Kock, Johannes Merz, Antonia Sophie Schirmeister, Henning Sembritzki und Will Workman) ist ein sprudelnder Mob aus spielfreudigen Darstellern, die nicht nur mit Energie, Lust und Witz ihre diversen Rollen spielen, sondern gleichzeitig zeigen dürfen, wie hervorragend sie gesanglich die Titel des Nirvana-Abends interpretieren.
Dabei wird zunächst die Kindheit und rebellische Jugend von Cobain beleuchtet. Schon früh war Klein-Kurt ein sensibler Bursche mit Hang zu Wildheit und Widerspruch, aber auch absolut talentiert in verschiedenen kreativen Bereichen. Er malte, fotografierte und drehte erste düstere Super-8-Filme. Aufgewachsen war er in der ehemaligen Holzfäller-Stadt Aberdeen im Nordwesten von Washington, in der es bald kein Holz mehr gab, langweilig „wie Bad Oldesloe“ war und er ein hyperaktives Kind, das von seinem Onkel die erste Gitarre bekam. Angeblich kaufte er sein weiteres Equipment durch den Verkauf von Waffen - ein Mythos wie so vieles über den Musiker und seine Band.
Henning Sembritzki, Antonia Sophie Schirmeister, Johannes Merz, Heiner Kock
Dazu wird in wilder Punk-Attitude gerockt, auf die Bühne gepisst (Schirmeister), wild rumgesprungen und geschrien. Passend zum Bild sind die originalen Klamotten zwischen Carohemden (Sembritzki), rotschwarzen Schlabber-Pullover, Springerstiefel, Chucks, Musiker-T-Shirts (Bikini-Kills) mit den unvermeidlichen blonden Perücken kombiniert. Sehr stilecht. Erzählt wird die schwierige Jugend von Cobain, der regelmäßig Kopfnüsse vom Vater bekommt und die Eltern hasst. Er selbst fühlt sich als außerirdisches Baby „from a different planet“. Dazu wird „I don´t care“ gesungen, weil man ja sowie so jung sterben will und eine attraktive Leiche hinterlassen möchte.
Kurt Cobain war ein Mann der Widersprüche, der sich nicht einordnen lassen wollte, weder mit der Platten-Industrie noch im Leben. Zerbrechlich und sanftmütig, aber auch zerstörerisch und selbstverletzend. "Punk is dead" wurde aber in einer höllischen Lautstärke auf der Bühne zelebriert bis das „weiße Rauschen“ auftauchte. Dazu trug man Röcke, um sich als Gay zu positionieren, um gegen den allgemeinen Schwulen-Hass und die Erniedrigungen von Frauen zu positionieren. Will Workman springt dazu wild in einem roten Rüschenrock über die Bühne und spielt Luftgitarre.
Aber auch die leisen, ernsten Balladen werden hervorragend von Henning Sembritzki allein mit der Gitarre am Bühnenrand gesungen. Lyrisch, kraftvoll, anarchistisch, aber auch traurig, sensibel werden die einzelnen Stationen des kurzen Lebens durchleuchtet und teilweise mit eingespielten Original-Tönen vorgetragen. Immer wieder gibt es Szenenapplaus nach jeder weiteren Nummer von der Band oder auch von allen lautstark gesungen. Unter anderem gibt es verschiedene Songs von Nevermind (1991) wie Love Buzz, Lithium, Stay away, In Bloom oder Something in the Way, in denen es um Verbrechen, Missbrauch, Obdachlosigkeit und Rebellion gegen alle Normen geht.
Will Workman
Dazu werden Kleider von der Decke gelassen, Videos, Original-Texte eingestreut oder mit verschiedenen Glaskästen auf der Bühne rum gespielt. Das Titel gebende Stück „Come as you are“ interpretiert Will Workman in langen weißen Unterhosen und einer Zwangsjacke, ein Spiegelbild von Wahnsinn und Widerstand. Dazu vertraten Nirvana immer ganz eindeutig Stellung: „Wenn irgendjemand von euch in irgendeiner Weise Homosexuelle, Menschen anderer Hautfarbe oder Frauen hasst, tut uns den Gefallen - lasst uns verdammt noch mal in Frieden“. Ein Spruch von Kurt Cobain geprägt, der auch in den Lübecker Kammerspielen vorgetragen und mit viel Beifall bedacht wurde.
Im Song „Polly“, die als 14jährige auf einem Konzert entführt und vergewaltigt wird, tobt Antonia Sophie Schirmeister mit Sturmhaube über dem Kopf und nur einem Klebestreifen über der Brust fast rein ins Publikum. Langsam kommt das traurige Ende der Geschichte näher. Ein Knochenmann und Masken kommen von der Decke, ein schwarzer Todesengel singt, während sich zwei Kurts den nächsten Schuss Heroin geben. „Something in the Way“.
Aber natürlich taucht auch noch die „meist gehasste“ Frau Amerikas auf: Courtney Love, die Ehefrau von Cobain und Frontfrau von Hole, die sogar ein Kind mit dem charismatischen Sänger hat. Mehrfach musste sie ihn retten, wenn er mal wieder in Depressionen verfallen, sich zu viel Gift in den Arm gepumpt hatte: „Arschloch“, auch wenn sie sich wieder einkriegen und übereinander herfallen (Heiner Kock und Johannes Merz). „High werden und Ficken“ rettete beiden häufig das kurze Leben. Aber trotzdem weiß ja jeder, dass sich Cobain irgendwann die Birne weg schießen wird, steht sein Grabeskreuz schon seit Beginn auf der linke Bühnenseite.
Johannes Merz, Antonia Sophie Schirmeister
Und natürlich wollen alle seinen Über-Hit „Smells like Teen Spirit“ hören, dessen bekannter Riff immer einmal kurz angespielt wird, während das Publikum auf später vertröstet wird. Das passiert dann endlich nach kaum endenden Standing Ovation am Ende des gelungenem Abends als Zugabe, wobei das bunt gemischte Publikum laut mitgröhlt und tanzt. Im ausverkauften Saal sitzen dabei die üblichen Verdächtigten älteren Datums aus der Lübecker Kulturszene neben jungen Leuten, die noch gar nicht gelebt haben, als Nirvana die Musikwelt aufmischte. Wunderbar das Bild eines weiß-haarigen Mittsiebzigers, der groovt und springt, die Arme dirigiert und lauthals mitsingt. Keiner will die Klasse-Band und das glückliche Ensemble von der Bühne lassen.
Aber alles hat ein Ende, auch die wunderbarste theatralische Hommage an eine magische Band, die irgendwie niemals sterben wird. Also gibt es als absolut letzte Nummer noch eine alte schraddelige Aufnahme der Beach Boys in Schwarz-Weiß und ein glückliches, bestens unterhaltenes Publikum strebt begeisternd diskutierend aus dem Saal in die Lübecker Nacht.=
Übrigens sind die nächsten drei Aufführungen zwar schon ausverkauft, aber es wird viele weitere Termine geben, die ich absolut empfehlen möchte.
Fotos: (c) Isabel Machado Rios















