Das Theater Lübeck hat mit dem vor 36 Jahren uraufgeführten Musical-Schauspiel "The Black Rider" einen großen Coup gelandet. Besetzung, Bühnenbild und Musik ergänzen sich zu einem bunten Gesamtkunstwerk, auch wenn der Plot ein teuflisch abgründiges Bild der Gesellschaft darstellt.
Während die Oper "Der Freischütz" von Carl Maria von Weber ein Happy End zwischen der Förstertochter und dem als schlechten Schützen bekannten Freier bereithält, hat hier die dem Teufel vorbehaltene Kugel ´ihren eigenen Witz´, wie es im Text heißt, und trifft die Braut tödlich. Dieser ´eigene Witz´ sind die vermeintlich leistungssteigernden Drogen im übertragenen Sinne. Sie ersetzen bildlich die metallenen Kugeln aus den althergebrachten Freischützversionen und wirken am Ende ebenso tödlich. Doppeldeutig macht beides süchtig und abhängig, der Schuss oder der Schuss, Kugel oder weißes Kügelchen.
Johannes Merz (Wilhelm), Antonia Sophie Schirmeister (Stelzfuß), Foto: (c) Isabel Machado Rios
Der Teufel, in diesem Stück der Stelzfuß, ist in der Lübecker Inszenierung von Malte C. Lachmann eindeutig weiblich. Die gesanglich versierte Antonia Sophie Schirmeister begrüßt das Publikum wie ein Zirkusdirektor mit Klängen aus dem Jahrmarkt- und Zirkusbereich, stimmlich im typisch dreckigen Waits-Sound. Wandlungsfähig wie ein Teufel schlüpft sie später als Verführerin in einen Ganzkörper-Schlangensuit und erinnert damit an die Schlange im Paradies. Die Haare in wechselnden Längen immer brennend feuerrot. Beim Abschluss des Bündnisses mit dem verzweifelten Brautwerber wirkt sie mit hochgefönter Haarpracht androgyn wie ein Abguss von David Bowie. Sie spielt und singt facettenreich frech, mit lang ausgestreckter Zunge sowie dabei immer wieder kalt eingefrorenem Poker-Face.
Diesem teuflisch multitalentierten Wesen hat der Brautwerber Wilhelm, hier dargestellt von dem tänzerisch zu Hochform auflaufenden Johannes Merz, nichts entgegenzusetzen. Er gerät als Außenseiter der Waldgesellschaft auf Abwege, entscheidet sich rauschhaft willenlos für das Falsche und zerstört schlussendlich seine Liebe.
Johannes Merz (Wilhelm), Luisa Böse (Käthchen), Foto: (c) Isabel Machado Rios
Das verzweifelte, umworbene Käthchen, gespielt von Luisa Böse, singt hell, sicher und klar. Ihre Eltern, das Försterehepaar, werden von den langjährig anerkannten Größen des Lübecker Theaters Andreas Hutzel und Susanne Höhne dargestellt. Sie verkörpern die Bürgerlichkeit, besorgt um die Tradition als Erbförsterei sowie um das Wohl ihrer Tochter.
Die eindrucksvoll mit rechteckig angeordneten Leuchtröhren versehene Bühne gibt eine unergründliche Tiefe des Waldes wider. Die Bühne endet mit einem leicht transparenten Wald- und Straßenbild, hinter dem die sechsköpfige Band versteckt ist. Der Wald wirkt zunehmend gespenstisch, immer wieder wandeln Tiergestalten mit blanken Schädeln durch die Szenerie.
Ensemble, Johannes Merz (Wilhelm), Foto: (c) Isabel Machado Rios
Musikalisch gibt sich die Band rau, dissonant und psychedelisch, immer frei nach der Rocklegende Tom Waits. Gern hätten sie in Waits´ Sinne etwas scheppernder aufspielen können. Schließlich sind die Klänge und Texte häufig unter Drogeneinfluss entstanden. Die Texte sind leider nicht immer gut verständlich, was aber nicht daran liegt, dass die Sprachen Deutsch und Englisch erfrischend launig durcheinander gemischt werden. Es ist das ´Casting of the Magic Bullets´.
Das Stück erfreut sich allgemeiner Beliebtheit, es ist so gut wie ausverkauft. Begeistert gibt das Publikum regelmäßig Zwischenapplaus und bedankt sich am Ende stürmisch.
Weitere Aufführungstermine: 22. März 2026 18 Uhr, 2. April 19:30 Uhr, 10. April 19:30 Uhr, 26. April 18 Uhr
Fotos: (c) Isabel Machado Rios













