Petra Kallies, Dr. Peter Delius, Gabriele Schopenhauer, Dr. Alexander Bastek, Ellen Ehrich, Matthias Isecke-Vogelsang, Heike Schulz, Foto: (c) Thomas Berg

Hanse-Unternehmerinnen in Lübeck
ZIVILCOURAGE auf dem Werteprüfstand

Hildegard PrzybylaVon

Unter der bewährten Leitung von Ellen Ehrich und der Schirmherrschaft der Stadtpräsidentin Gabriele Schopenhauer führten die Hanse-Unternehmerinnen ihre offene Jahresveranstaltung im Lübecker Museum Behnhaus Drägerhaus durch.

Alljährlich wird jeweils ein Aspekt aus dem Wertekanon besonders beleuchtet und zum Thema des Abends erhoben, in diesem Jahr war es die ZIVILCOURAGE. So furchtbar alt ist dieser Begriff gar nicht. Erst im 19. Jahrhundert schwappte er von Frankreich kommend nach Deutschland über und wurde erstmals öffentlich von dem Noch-Abgeordneten Otto von Bismarck in den allgemeinen Sprachgebrauch eingeführt, indem er sagte: "Sie werden nicht selten finden, dass es ganz achtbaren Leuten an Zivilcourage fehlt." Zivilcourage, schlicht zu übersetzen als Bürgermut, zeigt, wer für seine – menschlich gerechte – Überzeugung mutig eintritt und dafür auch Risiken in Kauf nimmt.

Eine ausgewählt vielseitige Runde führte in das weite Feld dieses Themas ein. Auf den Hausherrn des Behnhauses, Dr. Alexander Bastek, folgten der Leiter des ePunkt Dr. Peter Delius, Pröpstin Petra Kallies sowie die Vorsitzende des Weißen Rings Lübeck, Heike Schulz. Fach- und sachkundig moderiert wurde die Diskussionsrunde von dem ehemaligen Schulleiter Matthias Isecke-Vogelsang.

Dr. Alexander Bastek hob den Museumsleiter Carl Georg Heise hervor, der im Dritten Reich einen Teil seines Barlach-Plans durchsetzte, indem er zumindest drei der für die Katharinenkirche vorgesehenen Barlach-Figuren "Frau im Wind", "Bettler" und "Singender Klosterschüler" kaufte und im Versteck rettete.

Hildegard Przybyla und Matthias Isecke-Vogelsang, Foto: (c) Thomas BergHildegard Przybyla und Matthias Isecke-Vogelsang, Foto: (c) Thomas Berg

Dr. Peter Delius gab Tipps für unmittelbare Zeugen eines handgreiflichen Streits oder Gewaltverbrechens. Er riet, den jeweiligen Täter, der grundsätzlich nur Gegenangriffe erwarte, durch positive Überraschungshandlungen abzulenken, wie zum Beispiel Singen oder direkte, freundliche Kontaktaufnahme mit dem Opfer. Pröpstin Petra Kallies ging auf die vier Lübecker Märtyrer ein, deren 75. Todestag gerade begangen worden war.

Heike Schulz vom Weißen Ring in Lübeck zeigte an Hand des in der Presse breit besprochenen Falles der jungen Polizistin, die während einer Bahnfahrt in einen Messerangriff verwickelt war und auf den Täter geschossen hatte, dass beherztes Eingreifen grundsätzlich nicht ohne Risiko ist. Zivilcourage werde immer propagiert, aber nicht gewürdigt und bei Verletzung nicht einmal angemessen entschädigt.

Damit hatte Matthias Isecke-Vogelsang ausreichend Stoff, um den Anwesenden ihre persönlichen Einstellungen zu entlocken. Wie verhalte ich mich im Ernstfall? Aus dem Bauch heraus spontan oder nach vorheriger Abwägung der Gefahren für mich selbst? Ist schon unbequemes Handeln oder bloßer Mut allein Zivilcourage? Welche Vorbilder gibt es? Können wir unseren Kindern Zivilcourage vermitteln? Kann man Zivilcourage lernen?

Die unterschiedlichen Antworten und Statements zeigten, dass es eine einheitliche Definition für den Begriff ZIVILCOURAGE nicht gibt. Bei Alexander Bastek steht sie für standhaftes Einstehen für seine Überzeugungen – auch bei deutlichem Gegenwind, für Heike Schulz bedeutet Zivilcourage "gelebten Opferschutz". Sie machte als ehemalige Oberstaatsanwältin gleichzeitig darauf aufmerksam, dass jeder den Straftatbestand der unterlassenen Hilfeleistung erfüllt, der bei Gefahr oder Not nicht Hilfe leistet, obwohl es ihm zumutbar ist.

Ellen Ehrich, Foto: (c) Thomas BergEllen Ehrich, Foto: (c) Thomas BergFür Ellen Ehrich ist Zivilcourage eine Frage der inneren Haltung, getragen von Respekt und Toleranz, immer nach dem Motto: Dem Menschen zugewandt leben und handeln. Petra Kallies räumte ein, dass sie gern mutiger wäre; gleichwohl mahnte sie, nicht wegzuschauen, und hielt Zivilcourage für das Gegenteil von Feigheit.

Der Moderator selbst erwies sich als ausgesprochen bibelfest, indem er sehr passend an die Handlung des barmherzigen Samariters erinnerte und umgekehrt auf Hiob hinwies, der den ihm nicht immer gerecht erscheinenden Schöpfer mutig kritisierte. Einig waren sich alle Anwesenden, dass auch psychischem Druck wie Mobbing, Cybermobbing und Ausgrenzung gleichermaßen mutig entgegenzutreten sei.

Dieser lebhafte Abend verhalf allen Teilnehmenden und Gästen zu neuen Einsichten und Anregungen über Zivilcourage. Die nächste Veranstaltung zum Thema Werte wird am 25. Februar 2019 mit dem Zukunftsforscher Prof. Dr. Opaschowski stattfinden. Dann werden die Fragen im Mittelpunkt stehen, wie wir als Menschen arbeiten und leben werden und was sich gerade in den Städten ändern wird.

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