Das Schleswig-Holstein Festival Orchestra und Dirigent Michael Sanderling, Foto: Hildegard Przybyla

Musik- und Kongresshalle Lübeck
Das junge SHMF-Orchestra überzeugt mit Schostakowitschs "Leningrader Sinfonie"

Am 09.08.2025 führte das Schleswig-Holstein Festival Orchestra eine der schwierigsten aber dennoch wohl populärsten Sinfonien von Dmitri Schostakowitsch auf. Zufall hin oder her, genau an diesem Tag jährte sich sein Todestag zum 50. Mal.

Das mag für die jungen Musiker Ansporn und Huldigung gleichermaßen sein, sie bewältigten das Werk unter Leitung von Michael Sanderling mit Präzision und Spielfreude. Nur selten kommt diese 7. Sinfonie des russischen Komponisten zu Gehör, erfordert sie doch eine gewaltige Orchesterbesetzung mit mehr als 100 Musizierenden.

Oft wird dieses Werk als Zeitzeugnis gedeutet. Auch im begleitenden Programmheft wird viel Kriegerisches erwähnt, von einer Stadt unter Belagerung durch die deutsche Wehrmacht in den Jahren 1941 und 1942. Schostakowitsch schrieb große Teile dieses eineinhalb Stunden langen Werks in seiner Heimatstadt Leningrad, als mehr als eine Million Bewohner durch Hunger und Bomben ums Leben kamen.

Foto: Hildegard PrzybylaFoto: Hildegard Przybyla

Tatsächlich hört sich das ohrenbetäubende Crescendo am Ende des ersten Satzes wie eine Darstellung des mit Grauen und Gewalt heranrückenden Feindes an und der Komponist selbst hat den Krieg als zentrales Motiv seines Werks genannt. Jedoch lässt er sich nicht auf ein Freund-Feind-Denken oder gar Werkzeug der stalinistischen Propaganda reduzieren. Er schrieb später einmal: "Ich empfinde unendlichen Schmerz um alle, die Hitler umgebracht hat, aber nicht weniger Schmerz bereitet mir der Gedanke an die auf Stalins Befehl Ermordeten." Diese Äußerungen machen deutlich, dass das Werk sich nicht nur gegen die Nazis, sondern ebenso gegen das System Stalins richtet. Politisch gedeutet darf man das dramatische Werk als Anklage und Widerstand gegen jegliche Gewaltherrschaft verstehen.

Trotz allem: diese Sinfonie ist zuallererst ein künstlerisch musikalisches Monument. Der Dirigent Michael Sanderling weiß es genial zu präsentieren, ist ihm doch die Dechiffrierung der Komposition durch seinen Vater Kurt Sanderling, ebenfalls Dirigent, quasi in die Wiege gelegt worden. Der 1936 nach Moskau emigrierte Vater war mit dem Komponisten befreundet und lernte ihn zu verstehen, war sein Schaffen doch der ständigen Kontrolle des stalinistischen Systems ausgesetzt.

Dirigent und Orchester gingen das Werk konzentriert und voller Spielfreude an. Beginnend im ersten Satz mit zarten Soli von Violine und Piccoloflöte sowie geheimnisvoll getuschten Trommelklängen gesellten sich Bläser und schließlich das gesamte Orchester hinzu. Die Trommelklänge wiederholten sich ebenso wie die Bläserthemen immer wieder, bis das gesamte Orchester zu einem lärmenden Crescendo aufbrach. Nach diesem eindringlichen Ende des ersten Satze applaudierte das ergriffene Publikum spontan.

Foto: Hildegard PrzybylaFoto: Hildegard Przybyla

Der zweite Satz begann optimistisch, eine wohlklingende Melodie wurde von der Oboe und sodann von der Bassklarinette angestimmt. Dieser freundlichen Stimmung ist jedoch nur vordergründig zu trauen, schon bald herrschten wieder alle Schlagzeuge neben beängstigend auftrumpfenden Bläsern. Auch der dritte Satz begann geheimnisvoll melodisch, um bedrohlich zu enden. Ebenso das Finale, harmlos zu Beginn mit später ansteigendem Getöse aus allen Instrumenten. Sanderling beendete den Kraftakt mit großer Geste und bedankte sich bei allen Musikern, insbesondere den Solisten. Der Applaus aus dem Publikum hielt lange an

Die Leistung der über 100 jungen, hochtalentierten Musiker ist enorm. Keiner von ihnen ist älter als 26 Jahre, sie werden jährlich aus der ganzen Welt neu auserlesen. Unter ihnen befindet sich aktuell niemand aus Russland oder der Ukraine.


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