Auf der Suche nach Lösungen für die Gegenwart warf die diesjährige Pop-Revue an der Musikhochschule Lübeck den Blick in die Zukunft – und fand Antworten in den Lehren der Geschichte.
Die Bundesrepublik im Jahre 2050. 20:15 Uhr, noch immer Primetime, noch immer Talkshow-Time. Und doch schwebt eine beklemmende Frage über den Köpfen des Publikums: Befinden wir uns hier überhaupt noch in einer Republik? Eine echte Reflexion des politischen Geschehens ist jedenfalls nicht im Interesse der Talkmasterin mit Namen Lenz (herrlich herrisch: Tjorven Christin Liebig). Die Todesstrafe ist wieder eingeführt, persönliche Sicherheit wird zum politischen Totschlagargument und überhaupt scheint der Demokratieabbau bis zur Unkenntlichkeit vorangetrieben worden zu sein. Das zukünftige Revival des linearen Fernsehens bleibt nicht der einzige dezente Hinweis darauf, dass auf der Bühne in den nächsten Stunden neben einer von vielen möglichen Zukünften vor allem unsere Gegenwart verhandelt werden wird: heutige Sorgen junger Menschen angesichts ganz aktueller politischer und gesellschaftlicher Entwicklungen.
Die von Karin Lorenz eigens zu diesem Anlass komponierte und mit technischen Störgeräuschen durchsetzte Ouvertüre hätte nicht nur Klaus Doldinger applaudieren lassen, sondern weckte auch Assoziationen mit Sci-Fi-Filmen der frühen 2000er – einer Zeit, zu der das „Ende der Geschichte“ eigentlich noch einen optimistischen Blick in die Zukunft ermöglicht hatte. Welch perfider, weil so effektvoller Griff in die Nostalgiekiste!
Sind kleinere Konflikte im Mehrgenerationenhaushalt gewohnt: Marty (Anna Stöcklin), der Großvater (Jan-Niclas Carstens), Lizzi (Fiona Kuchinke) und Katharina (Jenna Stegen), Foto: (c) Maximilian Busch
Dann nimmt die Handlung aber geschwind an Fahrt auf: Die Geschwister Marty, Lizzi und Katharina entdecken beim Entrümpeln des großväterlichen Dachbodens eine geheimnisvolle Tür, durch die sie in bester Hollywood-Manier sodann auch gleich hindurchtapern – verfolgt von einer Einheit matrixesker Zeitreise-Agenten um den grimmig-entschlossenen Commissioner Hargreeves (Antonia Eder), oberster Hüter des Zeit-Raum-Kontinuums. Was die drei nicht wissen: Diese Tür gehört zu einem Netzwerk aus Zeitreiseportalen – die ideenreich ausgeleuchtete Orgel wird zur Zeit-Raum-Reisemaschine – und sie führt einen immer dorthin, wo persönliche Erkenntnis lauert. Im Falle der drei Geschwister, deren politische Bildung von Talk-Shows nach oben beschriebenem Format geprägt ist, sind es historische Schlüsselmomente der Demokratiebildung.
Gleich als Erstes landen sie, wie sollte es anders sein, in Athen, und zwar im Jahre 399 v. Chr. Aber ach, wer nun vermutet hat, hier würden die Errungenschaften der hellenischen Volksabstimmung glorifiziert, sieht sich schnell eines Besseren belehrt. So lernen die Geschwister, dass auch die Demokratie in ihren Anfängen keinesfalls perfekt gewesen ist, da auf das männliche Bürgertum beschränkt und anfällig für hetzerische Dynamiken. So wohnen wir der Verurteilung des Sokrates zum Tode bei, der die Jugend mit seiner Philosophie verdorben haben soll. Dabei springen die Studierenden der Gefahr eines allzu belehrenden Tonfalls immer wieder von der Klinge. Beispielhaft sei hier das formvollendete a-cappella-Arrangement von Herbert Grönemeyers „Männer“ erwähnt (Arrangement: Chris Wagner), welches durch die saubere und augenzwinkernde Performance des MHL-PopsChors zu einer Wonne für Herz und Ohren wurde. Überhaupt wirkte vieles, sei es nun musikalisch, choreografisch (Leitung: Ulla Benninghoven) oder schauspielerisch (Leitung: Hartmut Uhlemann), auf den Punkt geprobt. Von Prof. Bernd Ruf (Gesamtleitung) hört man, dass die frühzeitige Organisation durch das diesjährige Revue-Team eine ausgesprochen effektive Probenarbeit ermöglicht hatte.
Sokrates (Lisann Gehm) vor dem Volksgericht, Foto: (c) Maximilian Busch
Die aus Klopapierrollenpappe gefertigten Rauschebärte der griechischen Bürger standen ebenso für einfallsreiche, kosteneffiziente Inszenierungsideen, wie der Gazevorhang, der Schauspiel und Orchester trennte, ohne letzteres dabei in die Unsichtbarkeit zu verbannen – wenn nicht gerade Kulissen darauf projiziert wurden.
Deren nächste ist die Pariser Bastille im Jahre 1789. In ihrem Schatten lernen die drei Geschwister, dass der Kampf um Mitbestimmung auch entschlossenes Handeln verlangt. (Dass die Französische Revolution zunächst einmal ein monatelanges Abschlachten adelsverdächtiger Personen zur Folge hatte, unterstreicht ja nur die dieser Revue zugrundeliegende Erkenntnis: Um Mitbestimmung zu kämpfen bedeutet ständig sich erneuernde Arbeit.) In diesem Abschnitt besonders hervorzuheben: die Performance des Titels „Ein Schuss“ aus dem Musical Hamilton mit originaler Choreografie. Absolut professionell getanzt und tight gerappt von vier jungen Revolutionären, für die man sofort zu den Waffen greifen möchte (Chris Hinze, Flip Jelle Reimann, Maximilian Stamp, Kieran Geisel).
Es folgt ein kurzer Abstecher in unsere Gegenwart, bei dem die Geschwister ihren Opa als jungen, virilen Zeitreise-Agenten kennenlernen (fällt niemals aus der Rolle: Jan-Niclas Carstens). Spontan-Applaus aus dem Publikum gibt es auf dessen Kommentar, dass die 2020er ein Jahrzehnt zum Vergessen seien. Schon aber läutet die amerikanische Nationalhymne in E-Gitarren-Fassung unverkennbar die nächste Folge des polit-historischen Mehrteilers ein: Woodstock 1968. Bob Dylans „Blowin‘ in the Wind“, herzergreifend gesungen von Emma Rösler, regt die Gedanken an: War da nicht schon einmal globale Krise? Und was war die politische und gesellschaftliche Reaktion? Natürlich hat es geknistert, damals. Aber langfristig betrachtet hat sich seitdem doch auch einiges zum Positiven entwickelt.
Bewegend: Emma Rösler singt Bob Dylan, Foto: (c) Maximilian Busch
Dass derselbe Haufen Hippies danach „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ von Ton Steine Scherben skandiert, darf durchaus als Aufruf zum handfesten Widerstand verstanden werden. Das Ende aber bleibt versöhnlich: Dem jungen Großvater gelingt es, die Geschwister den gestrengen Blicken seiner Kollegen zu entwinden und mit seinem gealterten Selbst wieder zu vereinen. So wird die Bühne der MHL nach einem Blick auf die Lehren der Geschichte zur Enklave der Hoffnung. Und so tanzt, trotz bedrückender Thematik, das Publikum am Ende in den Sitzreihen.
Die diesjährige Pop-Revue an der Musikhochschule Lübeck überzeugte neben vielseitiger und dabei durchweg gelungener musikalischer Darbietung, dynamischen Choreografien und mitreißendem Schauspiel auch mit konsistenter Handlung und einer gesunden Portion Humor. Darüber hinaus formulierten die Studierenden mit Songs wie „These Are the Days of Our Lives“ von Queen und Michael Jacksons „Heal the World“ auch eine deutliche Botschaft: Der Kampf um unsere Demokratie wird nicht 2050 ausgefochten, und auch nicht in der Vergangenheit, sondern heute, jetzt, in diesem Moment. Und er darf hoffnungsvoll gefochten werden.
Das Organisationsteam der diesjährigen Revue: Linus Weber, Fiona Kuchinke, Mariia Davydenko, Emma Rösler, Jenna Stegen, Marco Calderón

