Die Frühjahrsausgabe des WORTschatz-Magazins nimmt Leserinnen und Leser mit auf eine Reise durch die verschiedenen Möglichkeiten abstrakter Sprachkunst und vereint dazu Werke von Lübecker Künstlerinnen und Künstlern mit Rätselspaß und experimentellen Ansätzen.
Literatur wird – nach heutigem Verständnis – in dem Moment zur solchen, in dem sie gelesen wird. Unliteratur wird vielleicht nie literarisch gelesen, sei es, weil ihre Verfasser es nicht darauf anlegen, oder weil sie nicht nach Literatur aussieht. Dabei sind die Grenzen sprachlicher Kreativität fließend – und viel weiter, als einem präsent sein mag. Der WORTschatz verschreibt sich dieser Grenzüberschreitung ohne jede Militanz. Denn auch die größten, etabliertesten, kanonisiertesten Literaturen haben einmal als Unliteratur begonnen, und selbst die größten Namen der Literaturgeschichte sind als Unliteraten geboren worden. Ganz am etymologischen Beginn der Literaturgeschichte steht übrigens das lateinische „linere“, was mit „beschmieren“ übersetzt werden kann. Form, Ordnung, Kanon kamen erst später hinzu.
Alberto Moravia ist (nicht) KI-kompatibel
Wie die Literatur entstammt auch das Wort „abstrakt“ dem Lateinischen, und wie im Falle der Literatur bewirkt das Abstrakte heute sehr viel konkretere Vorstellungen, als in früherer Zeit. Wo heute Stirnen gerunzelt oder lautstarke Diskussionen um künstlerischen Wert ausgetragen werden, meinte „abstractus“ nichts weiter als „fortgezogen“ oder „entfernt“. Abstrakte Kunst entfernt sich dementsprechend vom konkreten Inhalt, und auch abstrakte Sprachkunst tut dies notwendigerweise – was aber nicht bedeutet, dass nicht ein neuer Inhalt daraus entstehen kann. Inhaltsfreie Sprache erscheint zunächst als Paradox. Haben sich all unsere hochkomplexen menschlichen Lautkonglomerate nicht eben mit dem Zweck herausgebildet, auf möglichst präzise Weise Informationen auszutauschen? Und doch: Obwohl Sprache und Inhalte untrennbar miteinander einherzugehen scheinen, lohnt ein Blick auf Möglichkeiten, mit denen eben diese eiserne Verbindung aufgebrochen werden kann. Denn je konkreter ein Inhalt, desto rigider die sprachlichen Grenzen, innerhalb derer wir ihn kommunizieren. Und eingegrenzte Sprache hat in der Menschheitsgeschichte selten etwas mit Demokratie und Freiheit zu tun gehabt.
Die Frühjahrsausgabe des WORTschatz-Magazins widmet sich dem Themenkomplex sprachlicher Abstraktion und Kodierung. „Kernige Codes & vertrackte Abstrakte“ nimmt Leserinnen und Leser mit auf eine Reise durch die verschiedenen Möglichkeiten abstrakter Sprachkunst und stellt Werke aus beiden Sphären des Abstrakten vor. Sie alle stammen von mit Lübeck verbundenen sprachkünstlerischen Stimmen. Der erste Teil stellt die Befreiung vom Inhalt in den sprachkünstlerischen Blickpunkt. Wo Ala Razavi abstrakte kalligrafische Formen entwirft oder Louise Preuß allem Schreiben freien Lauf lässt, fragt niemand nach dem Inhalt ihrer Linien. Und Anja Ackermann revidiert unsere vorurteilsbehaftete Wahrnehmung des fliegenden Roberts aus dem „Struwwelpeter“ mithilfe von Anagrammen. Im Mittelteil abstrahiert Panagiotis Sentementes sowohl auf die befreiende als auch auf die verwandelnde Art (und wird dabei recht kafkaesk), während Tilo Strauß das WORT zur Grundlage von Bild und Ton erhebt.
Ausschnitt aus Anja Ackermanns 'Längst überfällige Gegenstimme'
Im letzten Abschnitt schließlich werden bestehende Texte mittels Codierung formaler sprachlicher Aspekte in neue Wortfolgen oder gar Musik oder Malerei verwandelt: Aus einem Gedicht des Travemünder Kult-Künstlers Ali Alarm über seine Heimat wird mit Codierung durch „Recycling“ formaler Texteigenschaften eine „Ode an den Zahnarzt“, bevor die Ergebnisse eines Workshops am Johanneum zu Lübeck Aufschluss darüber geben, wie sich Texte in Musik übersetzen lassen – ohne wie beim klassischen Soundtrack dem Inhalt verpflichtet zu sein.
Nach einem näheren Blick auf die Code-Natur von Kreuzworträtseln samt angeschlossenem Rätselspaß werden schließlich anhand von Parallelen zwischen der Biografie des italienischen Nobelpreisdaueranwärters Alberto Moravia und dem Leben eines Protagonisten seines Romans „La Noia“ die Fähigkeiten generativer KI als Helferin bei der Schaffung von Code-Kunst geprüft. In einem Text die Vokale zu zählen, ist für KI doch wohl eine der leichteren Übungen – oder etwa NICHT?
Der WORTschatz bei Arno AdlerDas Magazin ist derzeit u.a. bei den Buchhandlungen Prosa, Langenkamp und Arno Adler gratis erhältlich, außerdem in der Lübecker Stadtbibliothek. Zu vielen Beiträgen liefert die Digitale Rückseite ergänzende Informationen, Beispiele oder eine weitere künstlerische Dimension (www.schatzwort.de). Der WORTschatz ist außerdem bei Instagram: @wortschatzluebeck. Viel Spaß beim Lesen, Anschauen, Hinhören – und Inhalte Nebensache sein lassen.
Am Dienstag, 19. Mai 2026, um 19:30 Uhr laden der WORTschatz und der Literatur Stadt Lübeck e.V. zur Vorstellung der Frühjahrsausgabe samt Lesung im LiteraturOrt Kö19, Königstraße 19, 23552 Lübeck – Eintritt frei!
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Nachdem die ersten beiden Ausgaben noch im Rahmen des Kulturfunke-Preises für Innovation und Experiment 2025 von der Possehl-Stiftung gefördert worden sind, freut sich der WORTschatz nun über Spenden.
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Fotos: Leonhard Calm










