Apropos KI
Vom Suchen und Gefundenwerden

Die Online-Recherche des eigenen Namens erlebt durch KI-generierte Kurzbiografien gerade eine Zäsur. Ein Plädoyer für das Googeln des eigenen Namens – mit Blick auf Chancen und gesteigerte Verantwortung angesichts neuer Möglichkeiten der Personensuche.

Als ich die Ergebnisse überfliege, welche die Google-KI „Gemini“ über mich in wenigen Absätzen zusammengetragen hat, schwillt meine Brust. Jahre der digitalen Konditionierung haben mich gelehrt, dass eine Zusammenfassung des eigenen Schaffens im Internet, zumal nicht selbstverfasst, Beleg der eigenen Bedeutung ist - dass man wenigstens eine Kerbe im ewig weiterwuchernden Gehölz der Menschheitsgeschichte hinterlassen hat.

Kulturjournalist sei ich, so steht es da, und außerdem Musikvermittler. Ich selbst wäre kaum auf die Idee gekommen, mich als Musikvermittler darzustellen. Sicherlich, Musik spielt in meinem journalistischen Schaffen eine Rolle, und ja, ich bemühe mich in Workshops und Projekten, Brücken zwischen verschiedenen Kunstrichtungen zu schlagen – aber bin ich deshalb Musikvermittler? Jedenfalls nicht von Ausbildungswegen her. Und ob ich als solcher gelten möchte, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Ich lasse die Sache ruhen und schließe etwas unbefriedigt den Browser.

Bis vor Kurzem gehörte das Googeln des eigenen Namens zu den schönsten und zugleich paradoxesten Prokrastinationsmethoden. Schön aus dem Grunde, dass man sich mit der eigenen Existenz beschäftigte, anstatt sich im Schlund des Social-Media-Feeds zu verlieren. Paradox, weil man doch insgeheim hoffte, unter diesen ganzen Ergebnissen möge sich der ein oder andere Hinweis auf beginnenden öffentlichen Erfolg verbergen – während man durch die fortwährende Selbstablenkung verhinderte, dass es dazu kommen möge. Denn der heilige Gral servergestützter Berühmtheit war schließlich noch immer die fremdverfasste Wikipedia-Biografie, und die wollte hart erarbeitet sein. Sich selbst zu googeln bedeutete Konfrontation mit der eigenen Unauffälligkeit. Mit dem drohenden Mangel an Vermächtnis und der Durchschnittlichkeit des eigenen Seins. Mit der Erkenntnis: Über wen im Netz wenig zu finden ist, der führt wahrscheinlich ein stabiles, geruhsames Leben. 

Heute lässt sich festhalten: Das Exklusivitätsversprechen der Internet-Biografie, es war einmal. Seit der flächendeckenden Integration der Google-KI „Gemini“ in die zum Deonym der Online-Suche gewordene Suchmaschine ist jeder und jede von uns berühmt. Auf Anfrage präsentiert das Servermonster Kurzbiografien zu jedem beliebigen Namen, dem man ggf. noch einen Ort hinzugefügt hat, eine glattgeschrubbte Vita zum Konsum am Kaffeeautomaten, destilliert aus sämtlichen Gelegenheiten, zu denen der oder die Betreffende in der Vergangenheit Erwähnung im Netz gefunden hat. 

Der praktische Nutzen scheint unzweifelhaft: Der Name eines Bewerbers kommt Ihnen vage bekannt vor? Wozu Zeit mit einer ganzen, möglicherweise unübersichtlich gestalteten Bewerbung verschwenden – fragen Sie Gemini.  Einen äußerlich attraktiven Menschen auf Interessenkompatibilität prüfen, bevor du persönlichen Kontakt riskierst? Frag Gemini. Das Modell wird schon ein paar belastende Indizien ausbuddeln. Und diese ständig überarbeitete Kita-Kraft, ist die überhaupt dafür ausgebildet? Geminieren wir uns nicht, es herausfinden zu lassen…

Am nächsten Tag habe ich mich mit meinem Musikvermittlertum arrangiert. Das klingt zumindest nach etwas mit Sinn. Aber ach! Als ich zur Bestätigung meinen Namen noch einmal in die Suchleiste tippe, ist es schon wieder passé. Stattdessen bin ich nun Fotograf. „Seine Kulturfotos und Konzertfotografien erscheinen regelmäßig in Zeitungen wie den Lübecker Nachrichten.“ Ich hoffe, keiner der mir bekannten Fotografen bekommt das Gleiche über mich angezeigt. Es stimmt, dass ich einige wenige Male – weit entfernt von irgendeiner Regelmäßigkeit – einen Smartphone-Schnappschuss zu meinen Artikeln geliefert habe, weil es andernfalls kein Bildmaterial gegeben hätte. So etwas passiert bei dem heutigen Freiberufler-Tetris, mithilfe dessen eingedampfte Redaktionsteams Druckprodukt und Online-Ausgabe zu füllen bemüht sind. Aber bei aller Liebe, deshalb bin ich doch nicht gleich Fotograf und ganz bestimmt nicht in einem Maße, dass ich dies als zentralen Aspekt meines Schaffens angegeben sehen wollte. Und was überhaupt hat man sich unter „Kulturfotos“ vorzustellen?

Dies ist der Punkt, an dem ich beginne, Namen aus meinem Bekanntenkreis zu geminieren. Eine, die kürzlich ihren Abschluss im Feld der Nachhaltigkeits- bzw. Umweltwissenschaften erlangt hat, wird von Gemini als Musikpädagogin bezeichnet – weil sie als passionierte Querflötistin an der Uni einmal einen freiwilligen Grundlagenkurs zum Umgang mit ihrem Instrument angeboten hatte. Zustande gekommen, so erinnert sie sich, sei der letzten Endes nicht. Zwar ist der Begriff „Musikpädagogin“ nicht geschützt, gerade im vom Gemini suggerierten biografischen Kontext assoziiert man ihn aber doch gemeinhin mit einer irgendwie gearteten Form von einschlägiger Berufsausbildung.

Einen Freund von mir stellt Gemini großspurig als Fußballfunktionär dar. Es stimmt zwar, dass dieser ehrenamtlich im Vorstand eines Fußballvereins tätig ist – er selbst wäre aber wohl allein aus beruflichen Gründen kaum damit einverstanden, dass seine Tätigkeit im Großhandel samt Ausbildungsweg nur untergeordnete Erwähnung findet, zumal in einer allgemein zugänglichen Kurzbiografie, welche die Liste der Suchergebnisse zu seinem Namen nebenbei auch noch anführt.

Unpräzise, oberflächliche, sich ständig in ihrer Schwerpunktsetzung verändernde Kurzbiografien, die Google dennoch vor allen anderen Suchergebnissen anzeigt, werden vor allem deshalb zum Problem, weil wir uns daran gewöhnt haben, dass Google uns die relevantesten Ergebnisse zu einer Suchanfrage nach oben schiebt. Warum also weiterforschen, wenn der erste gelesene Eintrag doch schon die griffige Zusammenfassung all dessen, was noch folgen könnte, verspricht?

Nach einem Blick auf die Websites, die das Modell brav als Informationsquellen listet, wird mir der Kern des Problems offenbar: nicht die Herkunft der Informationen ist zweifelhaft, sondern deren von Gemini vorgenommene Gewichtung. Da wir nicht über all unsere Tätigkeiten online Rechenschaft ablegen, arbeitet Gemini pars pro toto mit allen verfügbaren Erwähnungen. Die von Gemini vorgenommene Gewichtung dieser Erwähnungen rührt augenscheinlich von der Menge an Inhalten her, die das Modell zu einem bestimmten Kontext findet. So ist es logische Konsequenz, dass der Fußballfunktionär, der auf lokal relevanten Websites zu sehen ist und dessen Statements in regionaler Sportberichterstattung, Fan-Foren und nicht zuletzt dem vereinseigenen Internetauftritt zu lesen sind, dabei an Bedeutung gewinnt gegenüber dem Großhändler, über den kaum jemals berichtet wird. Genauso verhält es sich mit der ehemals in Jugendwettbewerben vertretenen und dementsprechend medial erfassten Querflötistin gegenüber der jungen Nachhaltigkeits-Wissenschaftlerin, die noch keine Veröffentlichung vorzuweisen hat. 

Zur Fehleinschätzung verleitet hier der von Gemini angewendete absolute Seinsbegriff: Ich bin Kulturfotograf, sie ist Musikpädagogin, er ist Fußballfunktionär. Diese Art der Formulierung suggeriert, dass es sich hierbei nicht nur um den zentralen Aspekt im beruflichen Schaffen einer Person handelt (welches Gemini nicht vollständig erfasst), sondern auch um einen zentralen Aspekt ihrer Identität. Bei Menschen, die regelmäßig im Fokus der Berichterstattung stehen und deren öffentliches Bild dadurch ohnehin geprägt ist, mag dies weniger ausschlaggebend sein. Im Falle von Privatpersonen aber ist es hochgradig irreführend. Obwohl sie anderes vortäuschen, liefern Geminis Kurzbiografien selten einen umfassenden Eindruck von den Tätigkeiten und Interessen einer Person. Dazu sei gesagt: Sobald jemand eine eigene Website inklusive Vita vorweisen kann, werden auch die Gemini-Biografien deutlich verlässlicher.

Beruhigend ist: Die aktuelle Unfähigkeit des Modells, überzeugende Kurzbiografien zu Privatpersonen zu generieren, bedeutet auch, dass wir trotz allem Kontrollverlust über unsere Daten noch immer nicht zu „gläsernen“ Bürgerinnen und Bürgern geworden sind.
Unerfreulich bleibt: Details, die irgendwo, irgendwann in irgendeinem Kontext im Zusammenhang mit dem eigenen Namen gebracht wurden, reißt Gemini aus ihrem wohlbedachten zeitlichen und inhaltlichen Kontext. Das ist nicht per se ein Datenschutzproblem, da diese Daten ja bereits an anderer Stelle online zu finden sind. In ihrer geminisierten, von Kontext befreiten Form aber beeinflussen sie die am einfachsten zugängliche Darstellung unserer Person, ohne dass wir darüber in Kenntnis gesetzt worden wären. 

Die Zeit der nicht immer fehlerfreien, aber meist recht umfassenden Wikipedia-Biografien, sie sieht ihrem Ende entgegen. Zu verlockend, zu scheineffizient sind die neuen Alternativen, die zweifelsohne zukünftig präziser werden. Bis dahin gilt es, sich der eigenen Verantwortung im Umgang mit diesen bewusst zu bleiben. Von Gemini verfasste Kurzbiografien weisen eine deutliche Färbung in Richtung der Informationen auf, die über eine Person an anderer Stelle online veröffentlicht worden sind. Doch selbst heute, in einer Zeit, in der ein Großteil unseres Lebens digital erfasst scheint, sind private Online-Biografien bei weitem nicht lückenlos. Und erst recht lässt sich auf diesem Wege kein umfassendes Abbild einer Persönlichkeit erhalten.

Was hilft? Den Spieß umzukehren. Sich wieder regelmäßig selbst zu googeln und zu prüfen, welche Halbwahrheiten da an der Spitze der ich-bezogenen Suchergebnisse so über einen verbreitet werden. Mit einem Blick auf die von Gemini herangezogenen Websites lassen sich veraltete Informationsquellen über einen selbst auftreiben, deren Existenz man schon längst verdrängt hatte – und für deren Aktualisierung oder Beseitigung man eigentlich längst hätte sorgen sollen.

Googelt euch häufiger selbst! Und verlasst euch nicht darauf, was Gemini über andere zu wissen vorgibt.


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