Ein Konzert ist ein Konzert ist ein Konzert. Und - ein Konzert. Gerade neulich. Und sowieso, wenn es um Brad Mehldau geht. Der US-Pianist hat einen sozusagen Wahnsinns-Ruf als Live-Musiker und spielte in der Hamburger Elbphilharmonie im Rahmen der „Reflektor“-Reihe ein selbst konzipiertes Programm aus 4 Konzerten an 4 aufeinanderfolgenden Tagen, unterschiedlich in Form und Inhalt.
Das zumindest partielle Selbstporträt eines diversen, hochaktiven, aber nie beliebigen Musikers, der gerade auch als wichtigster zeitgenössischer Jazzpianist, als der er gilt, Genregrenzen beiseite stellt und durch eben diesen libertären Umgang als Musiker über sein Instrument hinaus Bedeutung hat, selbst ein künstlerisches Statement ist. Es lautet: Freiheit, meint Raum, Zeit, Liebe, und weine, wenn die Atmung knapp wird, und poche wie dein Herz im Hirn sich windet.
Brad Mehldau, Foto: (c) DanielDittus.com
Der Musiker als Instrument
Dass Brad Mehldau einer der wichtigsten lebenden Musiker nicht nur dieser, sondern wahrscheinlich aller Zeiten sei, meint Kontrabassist Christian McBride, Mehldaus Duo-Partner am letzten Abend der Konzertreihe. Was natürlich nur die Zeit selbst zeigen wird; soweit sie es schon konnte, lässt sich konstatieren, dass der 1970 in Jacksonville/Florida geborene Mehldau sich in den vergangenen gut 30 Jahren als recording artist erst mal nicht vertan hat.
Mehldau und McBride hatten musikalische Verbindung auf den ersten Blick in den 80ern. Wie damals allen die Münder offenstanden, als der junge, noch unbekannte und schlanke McBride anfing zu spielen, erzählt Mehldau beim gegenseitigen Vorstellen auf der Bühne; der inzwischen verbreiterte McBride dann, seitlich von achtern des Korpus' seiner Bassgeige hervorragend, weist auf das so gut wie total unveränderte Äußere des Klavierspielers hin. Ha.
Brad Mehldau und Christian McBride, Foto: (c) DanielDittus.com
Ein Duo, spieltechnisch auf schwindelerregendem Level, aufeinander eingespielt wie zwei Hände derselben Person, dessen Spielfreude jeden pathetischen Verdacht entkräftet, die sich die Bälle zuschmeißen und dem anderen Raum geben, sich profitabel herumschubsen, gegenseitig vom Gleis ziehen und locker zurück flexen, weit aus dem Song können, ohne zu verlassen, was er ist und meint. 3D-Improv. Zwei Leute, die zwei Stunden und zwei Zugaben später immer noch niemand gehen lassen mochte.
Das zweite Reflektor-Konzert spielt Brad Mehldau solo, mit Eigenkompositionen, darunter die „14 Reveries“ (dt.: Träumereien), die Mehldau als „destillierte Emotionen“ bezeichnet und so empfindbar waren; plus Interpretationen von Pop-Klassikern von Brian Wilson, Nick Drake und „Calling You“ von Bob Telson aus dem „Out Of Rosenheim“-Soundtrack, eine Ballade, ein definitives Gesangsstück – ein Lied also –, das in Händen eines einfühlungsfähigen Instrumentalisten seine Stimme nicht verliert.
Brad Mehldau und Christian McBride, Foto: (c) DanielDittus.com
Mehldau als verlässlich unberechenbarer Improvisator zitiert und interpretiert, bewegt sich in einem nicht enden wollenden Strom aus Bildern und Assoziationen, wird zum Instrument der Musik. Rattert, tropft, verdunkelt, geht mit Genuss aus der Tonart, klaubt rechtwinklige Teile, konstatiert einen Kreis. Zieht fragile, schimmernde Schönheiten frei, die einem das Herz brechen. All das so locker wie Ella Fitzgeralds Gesang.
Cool
Zwei Tage vorher bei der Masterclass-Veranstaltung im kleinen Saal. Proben, Coachings vor Publikum von Mehldau mit je 2 Jazz-Trios und Quartetten aus Musikstudenten der Hamburger Musikhochschule.
Um dem jungen Pianisten der ersten Band, Jakob Eckert, was zu verdeutlichen, beginnt Mehldau am zweiten Klavier auf der Bühne zu spielen – um sich nach vielleicht 45 Sekunden abrupt mit einem „Ah!“ scheinbar gerade noch aus der Improvisation rauszuholen, die ihn auf der Stelle in die Tasten zog. Gelächter bei allen, Mehldau schüttelt den Kopf, sich seines Jobs an diesem Abend wieder bewusst werdend.
Masterclass mit Brad Mehldau, Foto: (c) DanielDittus.com
Die Band hat ein Stück von Sonny Rollins mit, „Airegin“ (1949), Be-Bop-Klassiker mit Afro-Einschlag (der Songtitel ist der Landesname Nigeria rückwärts), rhythmisch wie harmonisch anspruchsvoll, schnell, melodisch anziehend.
Die Band kriegt es sauber, aber funktionell rüber, bis das Stück beim dritten, vierten Ansatz nach nur 20 Minuten mit wenigen Hinweisen und Vorschlägen von Mehldau zu atmen beginnt. Spürbar auf und vor der Bühne, Bassmann Mario Kolbe lächelt strahlend, Mehldau hat es ent-knäult, reduziert, ins Leben geholt. Es stoffwechselt. Ein Erlebnis. „Cool.“
Die Münze auf dem Boden
„Brahms wachte eines Morgens auf und hatte den Blues“, hatte Brahms-Fan Brad Mehldau mal über seine sinfonische Jazz-Komposition „Variations on a Melancholy Theme“ (2013) gesagt: eine bruchlos verbundene Suite aus kurzen Variationen eines Themas, melancholisch, aber ohne düstere Schwermut, Schatten eher durch Licht. Ineinanderfließende Klavier- und Orchesterparts, Jazz, Klassik und Song verzwirbeln sich mit Gershwin und Stravinsky, Americana und Western music mit Hufeklappern vom leise grinsenden Perkussionisten. Songanlehnungen statt Refrains, präzise tiefe Akzente von 3 Hornist*nnen, gelenkige Melodien als homogene Bruttoregister-Streichersätze werden unschwer durch den Saal bewegt. Das Ding ist voll von Leben.
Brad Mehldau und die Hamburger Camerata, Foto: (c) DanielDittus.com
Realisiert vom flexiblen und exzellent spielgeilen 35-köpfigen Kammerorchester Camerata Hamburg, Leitung Clark Rundell, ausgewiesener englischer Spezialist für gewagte, genreübergreifende Kooperationen vom 18. Jh. bis zu Neuer Musik. Klavier: Brad.
Finale Instanz ist der Saal als solcher, als organisch co-aktives Klang-Behältnis.
Der Klang wird nicht gelenkt wie Surround-Sound im Kino, er geht direkt von der Bühne aus, wo er gemacht wird, wird unverstärkt von einem großen Reflektor (sic!) gezielt gestreut, sodass auch die kürzeste Harfensaite bis in die 25m hohe letzte Zuschauerebene hörbar ist, wie eine Münze, die auf den Steinboden eines antiken Amphi-Theaters fällt.
Brad Mehldau und die Hamburger Camerata mit dem Dirigenten Clark Rundell, Foto: (c) DanielDittus.com
Der Bigband-Abend der Konzertreihe hatte gewisse Klangschwächen, weil neben den elektrischen Instrumenten auch die rein akustischen verstärkt durch die aufgestellten PA-Lautsprecher mussten, und ein verwischter, disproportionierter Sound entstand.
Zusätzlich ist die Frankfurter HR-Bigband nicht wirklich für Schärfe, Schnitt und Druck bekannt. Selbstverständlich wissen die Musiker, was sie tun, und die „Architektur der Musik“ (Programmheft) und Arrangements der Mehldau-Werke vom vielfach ausgezeichneten kanadischen Bandleader Darcy James Argue sind durchaus erkennbar. Dennoch hätte die NDR Big Band aus Hamburg dem Ganzen etwas mehr Präsenz verliehen.
Brad Mehldau und die hr-Bigband, Foto: (c) DanielDittus.com
Resümee:
Sehr feine, intensive, diverse Ausnahmeerfahrung mit und über Musik und ihre Kräfte. Die Location ist eine Attraktion an sich und trotz fehlender herumstehender/-hängender/-liegender Gemütlichkeits-Attribute und -Objekte nicht steril und kühl. „Gastgeber“ Mehldau war der unauffälligste unter all den kollektiv schwarz gekleideten Orchesterleuten in diesen Tagen, verfügt über gute Bühnenpräsenz jenseits von eitel geschwätzig, und als Musiker – again and again, wenn Sie mich fragen – ein Offenbarung.
Es gibt solche Menschen. Leute. Musiker, Musikerinnen. Die, wenn sie was tun, was viele andere auch sehr gut machen, dennoch woanders sind in der Raumzeit.
Und „Cry Me A River“ spielen.
Fotos: (c) www.DanielDittus.com


























