6 x 45 Minuten hinter den Kulissen des politischen Alltags und seiner Mechanismen und den Medien in einer ethisch ausgehungerten Gegenwart. Kein Muss, aber ein astreines Kann.
Nachdem sie einen Artikel veröffentlicht, der den schwedischen Außenminister wegen Drogen und Bezahl-Sex zum Abdanken zwingt, wird die Investigativ-Journalistin Nina neue Pressesprecherin des neuen Ministers. Ein Fremder auf den Zuschauerrängen einer Sportveranstaltung vermittelt ihr den Job, sie sagt unverbindlich zu, und ein paar Tage später hat sie den Job. Und den Salat.
Nina Wedén auf dem U-Bahn Gleis, (c) Anders Nicander / Anagram Sverige AB / TV4
Was so dubios anfängt, stellt eine großradiale Veränderung des Lebens der frischgebackenen Ex-Journalistin dar, die sich nicht nur positiv auswirken wird, wie zuerst mal das höhere Gehalt. Professionell findet die Neue sich schnell zurecht in den endlosen Gängen des Stockholmer Riksdagshuset, dem schwedischen Parlamentshaus. Die Zusammenarbeit mit dem charismatischen und durchaus auch etwas selbsteingenommenen Minister - „auch ein kleiner Poser“, beschreibt Nina ihn einer Freundin freundlich – ist von Anfang an sehr gut. Er zieht Nina ins Vertrauen, nimmt sie zu speziellen auswärtigen Terminen mit, was ihr die Missbilligung langjähriger Mitarbeiter einbringt. Dass die Nähe beider zueinander intime Ahnungen entwickelt, macht es wiederum nicht einfacher, aber taugt als erzählerisches Momentum.
Der schwedische Außenminister Jacob Weiss, (c) Anders Nicander / Anagram Sverige AB / TV4
Und dann ist da die Politikberaterin Maxie, attraktiv mit Stil, alleinerziehende Mutter einer Teenage-Tochter mit zu wenig Zeit und einer Alkohol-Affinität, die für eine Consulting-Firma den Hintergrund des neuen Ministers ausspäht. Sie stößt auf Nina und stutzt, als sie bemerkt, dass die möglicherweise nur ein unwissender Teil eines großen Komplotts mit u.a. Putin und dem russischen Geheimdienst ist, bei dem die Sicherheit und das Überleben der Welt auf dem Spiel stehen.
Überzeugend dargestellt von Josefin Neldén (Nina) und Anna Sise (Maxie), werden die zwei ungleichen Frauen langsam und genau aufeinander zu erzählt, glaubwürdig wie das gesamte Ensemble, sodass die Inszenierung an sich praktisch verschwindet. Schnell, spannend, mit ruhigen, dichten Gesprächssequenzen, die den Zuschauer zum Spüren nah an die Personen bringen. Die fesselnde, angemessen konservative Produktion ist beispielhaft für die visuellen Qualitäten, die die Regisseure Lars Von Trier und Thomas Vinterberg 1995 mit dem „Dogma“-Konzept im internationalen Filmschaffen verankert haben.
Nina Wedén und Agneta Lindgren, (c) Anders Nicander / Anagram Sverige AB / TV4
Dass gerade skandinavische Film- und Fernsehmacher sowas besonders gut können, das weiß man spätestens seit „Borgen“, international erfolgreiche dänische Serie mit Sidse Babett Knudsen (2010-22). Ähnlich „Jäger – Tödliche Gier“ mit Rolf Lassgård 2018-21, wie „Doktrinen“ eine Produktion von Regisseur/Produzent/Drehbuchautor Jens Jonsson, qualitativ verlässlicher Verarbeiter von fundamental ernsten Angelegenheiten zu sehr guter Mainstream-TV-Kost mit relevantem Gegenwartsbezug.
Eine Gegenwart, in der eben doch viel vom scheinbar Unwahrscheinlichen Realität, denkbar, möglich ist im zerfahrenen neuen Europa, in Moskau, Vorderasien; unmissverständlich ohne Propaganda mit unabdingbar emotionalem Erzähl-Moment sauber aufgeblättert.


