Schlagzeug-Genie Kassa Overall

Internationale Kulturfabrik Kampnagel Hamburg
Überjazz Festival 2025

Zum 15. Mal und leider vermutlich auch zum letzten Mal fand am Wochenende das wunderbare Überjazz-Musikfestival rund um Jazz und Artverwandtem zwischen HipHop, Soul, R&B, Ambient und allerlei avantgardistischen Experimenten statt.

Denn ab 2026 wird die alte Kulturfabrik Kampnagel, das Zentrum für die schöneren Künste in Hamburg Barmbek umfassend saniert und renoviert. Das soll zwar alles bei laufendem Betrieb stattfinden, aber so ein überbordendes Festival mit ca. 2.500 Zuschauern und vier gleichzeitig bespielten Hallen dürfte den Rahmen dann doch leider sprengen.

Die indisch-stämmige Sängerin GanavyaDie indisch-stämmige Sängerin Ganavya

Wieder einmal gab es ein Line-Up der Spitzenklasse, zwischen alten Jazzgrößen, wie dem legendären Saxophonisten Gary Bartz und aufstrebenden Entdeckungen wie Melanie Charles Feat. Ignabu & Paul Wilson Bae. Dabei begann der Samstag ganz entspannt und fast schon andächtig mit der außergewöhnlichen Besetzung von Harfe und Bass plus der grandiosen indisch-stämmigen Sängerin Ganavya, die sowohl altindische Poesie, palästinensische Dichtkunst und Spiritual-Jazz kombinierte. Konzentriert und beseelt lauschte ein fast schon entrücktes Publikum der glockenklaren Stimme der in New York geborenen und in Tamil Nadu/Indien aufgewachsenen Sängerin.

Kahil El`Zabar Ethnic Heritage EnsembleKahil El`Zabar Ethnic Heritage Ensemble

Weiter ging es in der großen Halle K6 mit afrozentriertem Spiritual-Jazz rund um das Kahil El`Zabar Ethnic Heritage Ensemble, das der exzentrische Schlagzeuger und Multiinstrumentalist Kahil El`Zabar 1973 in Chicago gegründet hatte. Die fünfköpfige Band lieferte einen illustren Set ab, wobei El`Zabar mit Verve sein Cajun und später sein Schlagzeug bearbeitete, während seine Mitmusiker virtuos die komplexesten Arrangements des Meisters umsetzten.

Es folgten zwei wunderbare, schwarze Sängerinnen zwischen Blues, R&B und Gospel, nämlich Niecy Blues und Keiyaa, die völlig abgehoben und solo die Bühne performten. Hingegen war der Auftritt des seltsamerweise extrem gehypten Nelson Brandt, alias Knowsum/ Nepumuk ein völliger Flop. Wie ein klassischer Nerd langweilte er sowohl auf deutsch als auch auf englisch mit einer wenig inspirierten Show. Sehr seltsam.

Der legendäre Saxophonist Gary BartzDer legendäre Saxophonist Gary Bartz

Aber die wahren Highlights kamen ja noch: Da war zunächst der legendäre Saxophonist Gary Bartz, der schon mit Miles Davis und diversen anderen Größen der Jazz-Geschichte gespielt hat. Seit über sechs Jahrzehnten beherrscht der alte Meister mit weißer Mähne sein Instrument und bewahrt zugleich das Erbe der afroamerikanischen Musik.

Ihm folgte auf der großen Bühne K6 der exzentrische Multiinstrumentalist, Komponist und „Klangarchäologe“ Adrian Younge aus Los Angeles. Aufgebrezelt mit Cowboy-Hut, lässiger Reiterhose und nackten Füssen in kleinen schwarzen Schuhen stolzierte er exaltiert im Storchenschritt mit seinem Bass über die Bühne und lenkte sein 8-köpfiges Orchester. Besonders auffällig war dabei das Damen-Quartett aus zwei Geigen, einer Trompete und einer Saxophonistin, die dem Meister in Sachen Show-Einlage in nichts nachstand. Die dargebotene Musik bewegte sich zwischen Jazz, Soul, Hiphop und brasilianischen Einflüssen - schwarze Musiktraditionen über die Kontinente vom Feinsten.

Adrian Younge plus krasse SaxophonistinAdrian Younge plus krasse Saxophonistin

Ganz andere Töne schlug der Poet, Musiker und Schauspieler Saul Williams an, der in seinem „Spoken-Word-Auftritt“ wortgewaltig die Ungerechtigkeiten der Welt anprangerte. Ihm ging es um erlittenes Leid der schwarzen Bevölkerung durch Kolonialismus, Sklaverei und Ausbeutung in Afrika, aktuell im Sudan und Kongo, aber auch in den USA. Aber auch die aktuelle Lage in Gaza mit dem Genozid an den Palästinensern oder der Umgang der Niederländer und Engländer bei der Besiedelung Nordamerikas mit der indigenen Bevölkerung blieb nicht unerwähnt. Begleitet wurde der sehr spezielle Auftritt von Carlos Nino and Friends. Der großartige Percussionist hatte eine wunderbare Flötistin und den Keyboarder Surya Botofasina dabei, die rund um die Performance von Saul Williams eine experimentelle Klanglandschaft schufen - beeindruckend.

Spoken Words-Artist Saul Williams and FriendsSpoken Words-Artist Saul Williams and Friends

Mein persönlicher Höhepunkt des sehr diversen und vielfältigen Abends war dann der Auftritt von Neo-Soul-Sänger Bilal, der von vielen Fachleuten und Musikkritikern als der neue Prince abgefeiert wird. Zwar ist der herausragende Vokalist nicht so exzentrisch wie der kleine, leider zu früh von uns gegangene Prince, aber stimmlich kann er locker mit ihm mithalten. Dementsprechend hat er auch bereits mit anderen Größen der Neuzeit, wie Erykah Badu oder Kendrick Lamar kollaboriert. Ausgestattet mit einer dreiköpfigen Band aus Congas, Bass und einem erstklassigem Gitarristen legten die Musiker einen unfassbaren Auftritt hin, der die Halle zum Kochen und die begeisterten Fans zum Tanzen brachten.

Neo-Soul-Sänger BilalNeo-Soul-Sänger Bilal

Und dann waren da ja auch noch die sensationelle Sängerin Melanie Charles, die im Trio mit dem Schlagzeuger Ignabu und dem Keyboarder Paul Wilson Bae im kleinen intimen Club KMH einen ebenso tanzbaren Set ablieferten, wie der herausragende Schlagzeuger Kassa Overall, ein Wiederholungstäter beim Überjazz-Festival. Diesmal hatte der geniale US-Drummer und Rapper Kassa Overall den Saxophonisten Emilio Modeste, Bendji Allonge an den Congas und Rashan Carter am Bass dabei. Mit gewaltigen Rhythmus-Gewittern untermalte der schon mehrfach beim Festival aufspielende Musiker seinen fabelhaften Auftritt. Inspiration hatte er dabei von HipHop-Größen wie Outcast oder dem legendären Wu-Tang-Clan erhalten. Gerade hatte er mit dem Album „Cream“ alte Klassiker neu interpretiert und damit seine überbordende Spielfreude und seine Innovationskraft auf Platte geprägt. Sein krasser Live-Auftritt zur späten Stunde verursachte nicht nur bei mir pure Freude, sondern auch erneut wilde Tanz-Einlagen.

Bleibt zu hoffen, dass den Machern vom Überjazz-Festival für die nächsten Jahre etwas einfällt, damit dieses einzigartige Zusammentreffen von alten und neuen Jazz-Freunden und rundum weiter leben kann und so locker und familiär bleibt wie gewohnt auf Kampnagel. Wo steht man schon mal in der Bierschlange neben Jazz-Legende Gary Bartz oder raucht gemütlich eine beim Plausch mit Melanie Charles und Ignabu.


Fotos: (c) Holger Kistenmacher


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