Luisa Böse, Jakob Tögel, Foto: (c) Sinje Hasheider

„Wald“ in den Kammerspielen des Theater Lübeck
Hintersinnige Groteske ohne erhobenen Zeigefinger

Zu Beginn des amüsant-nachdenklichen Theaterabends in den Lübecker Kammerspielen stehen drei Schauspieler*innen (Luisa Böse, Anna-Lena Hitzfeld und Jakob Tögel) bis zu den Knien in schwarzen Maurer-Bütten und bewegen ihre Körper leicht im Wind vor dem noch geschlossenen Vorhang. Sie stellen die typisch beschnittenen Olivenbäume da, wie sie gerne im Sommer in Fußgängerzonen oder vor griechischen Restaurants stehen.

Die Olive, das wußte schon Plinius der Ältere, ist eine der ältesten Kulturpflanzen der Welt. Ihre Geschichte gilt als Musterbeispiel für das Zusammenwirken von Natur und menschlicher Landschaftskunst. Dann öffnet sich der Vorhang und los geht’s mit der sprachstarken Phantasie über den Klimawandel von der Dramaturgin und Lyrikerin Miriam V. Lesch. Ihr Stück „Wald“ wurde 2024 am Theater Oldenburg uraufgeführt.

Anna-Lena Hitzfeld, Johannes Merz, Jakob Tögel, Luisa Böse, Foto: (c) Sinja HasheiderAnna-Lena Hitzfeld, Johannes Merz, Jakob Tögel, Luisa Böse, Foto: (c) Sinja Hasheider

Das mittlerweile gerne gespielte Stück hatte jetzt auch in Lübeck Ende letzten Jahres Premiere. Inszeniert hat das Stück die Tänzerin, Choreografin und Regisseurin Katja Wachter als absurd komisches Bewegungstheater. Mit Elementen des Modern Dance findet Wachter so eine starke Darstellungsform für den Vorgang, den die Worte in Leschs Stück vorgeben. Wobei das spielfreudige Ensemble aus dem Lübecker Theater das geforderte Spiel und die tänzerische Umsetzung voller Leichtigkeit, Spass und mit Bravour gestaltet. Es folgt ein Stück aus 20 Szenen Text, welches vor allem durch ein grandioses Bewegungs- und Körpertheater zum Leben erweckt wird.

Zu sehen gibt es ein unterhaltsames Stück, welches sich hauptsächlich durch den choreografischen Zauber der Darsteller*innen entfaltet. Da wird selbst die Photosynthese tänzerisch erlebbar. Die hintersinnige Groteske ohne erhobenen Zeigefinger beginnt damit, dass sich auf dem Balkon von A. anscheinend über Nacht aus einem Riss im Beton ein Baum breit gemacht hat. Panische Anrufe beim Stadtgärtner und beim Forstamt bleiben sinnlos, weil die einen nicht zuständig sind und die anderen überfordert erscheinen.

Anna-Lena Hitzfeld, Foto: (c) Sinje HasheiderAnna-Lena Hitzfeld, Foto: (c) Sinje Hasheider

Denn wie ein Nachrichtensprecher verlautbart, handelt es sich um ein gesamteuropäisches Phänomen. Überall ist der Wald auf dem Vormarsch. In allen nordeuropäischen Städten wuchern plötzlich die Wälder, während die Menschen unter einer Hitzewelle ächzen. Es werden freiwillige Helfer gesucht, um das Wahrzeichen von Paris, den Eifelturm von Vegetation zu befreien, während Babi lustvoll durch die Gegend hüpft und zwischen Hochhausschluchten grast.

Absurderweise tauchen Cäsar und Plinius, der Ältere auf, die auf der zugewucherten Bühnen-Waldgegend nach ihrer Strasse suchen und dabei über die Erbärmlichkeit der Gegenwart im Anthropozän philosophieren. Und sie stellen sich die Frage aus Absurdität und Poesie, wie denn das Ende dieser Episode ablaufen könnte. Überall dringen Pflanzenwurzel hervor und fesseln die Darsteller*innen.

Jakob Tögel, Luisa Böse, Johannes Merz, Foto: (c) Sinje HasheiderJakob Tögel, Luisa Böse, Johannes Merz, Foto: (c) Sinje Hasheider

Dann greift der Forstmitarbeiter zur Stihl-Kettensäge und nietet alles nieder, was er erwischen kann. Das erinnert ein wenig an den unsäglichen Präsidenten Milei von Argentinien oder das Großmaul Elon Musk. Allerdings kommt der Arbeiter bei der Aktion auch zu Tode. Auch taucht noch eine Gräfin auf, die doch stark an Gloria von Thurn und Taxis erinnert, die die größte Waldbesitzerin der Republik ist. Leider fällt die schrille Gräfin weniger durch konsequenten Naturschutz oder Umweltbewusstsein auf, sondern sorgt durch rassistische Sprüche und ihre Nähe zu AFD und anderen Rechtsradikalen wie die Identitären aus Österreich für negatives Aufsehen.

Dafür lässt die Autorin und Lyrikerin Lesch mit absurd-lustigen Sprüchen und Wortspielen den Wald weiter wuchern, der sich Städte und Agrarflächen zurückerobert, ohne dabei in die bekannten, dystopischen Klischees zu verfallen. Stattdessen lässt sie Fichten, Birken, Buchen, Pilze und Käfer zu Wort kommen und über das neue Wachstum jubeln. Wachter und ihr wunderbares Ensemble erforschen derweil, wie sich das alles choreografisch umsetzen lässt. So entstehen Bewegungsmuster und Qualitäten nicht als abstraktes Konstrukt, sondern als Ausdrucksform von Menschen, Geschichten und Emotionen.

Luisa Böse, Johannes Merz, Jakob Tögel, Sonja Cariaso, Anna-Lena Hitzfeld, Foto: (c) Sinje HasheiderLuisa Böse, Johannes Merz, Jakob Tögel, Sonja Cariaso, Anna-Lena Hitzfeld, Foto: (c) Sinje Hasheider

Langsam fliehen die Menschen als Klimaflüchtlinge in den Süden, weil es dort zu heiss ist für die Bäume und den Wald. Aber Länder wie die Türkei oder Tunesien beginnen, ihre Grenzen zu schließen. Hört sich doch irgendwie bekannt an. Oder der Mensch muss sich radikal anpassen, um zu überleben. Denn eigentlich haben die Bäume recht mit ihrer Aussage: „Für eine einzige Spezies braucht ihr zu viel Platz“.

Ein lustvoll absurder Theaterabend als liebevolle Bewegungskomödie mit wunderbaren Schauspieler*innen und trotzdem genügend Gedankenfutter für die Besucher, die animiert werden, mal wieder bewußt durch die heimischen Wälder zu streifen.

Weitere Aufführungstermine: 20. März 20 Uhr, 12. April 18:30 Uhr, 25. April 20 Uhr. www.theaterluebeck.de


Fotos: (c) Sinje Hasheider


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