Globalisierung, Welthandelsrouten, Waren- und Wissensaustausch, Lieferketten sind Begriffe, die nicht erst in der Neuzeit für die weltweite Wirtschaft von immenser Bedeutung sind, betonte Monika Frank, die Kultursenatorin der Hansestadt bei ihrer Eröffnungsrede zur aktuellen Ausstellung der Sammlung der Kulturen. Gerade weil diese durch den realen Irankrieg und der daraus folgenden Schließung der Straße von Hormus für Wirbel an den Aktienmärkten und Ärger an deutschen Tankstellen sorgt.
Schließlich hat es ausgiebigen Handel entlang der diversen Seidenstraßen per Karawanen und Kamelen schon seit der Antike von vor 200 Jahren vor Christus gegeben, wie eine große Karte gleich zu Beginn der Ausstellung belegt, die verschiedene Handelsrouten von China nach Europa zeigt. China ist heute der wichtigste Handelspartner Deutschlands und die Pfeffersäcke aus der alten Hanse- und Handelsstadt Lübeck wußten schon früh, ihre Geschäfte mit dem Orient zu treiben. Man hat fast das Gefühl, heutzutage kommt eigentlich alles aus Asien, meint die Kultursenatorin.
Dementsprechend spannt die Schau einen zeitlichen Bogen von der Antike bis in die Gegenwart. Neben den wechselhaften Beziehungen zwischen China und Deutschland, gewissermaßen den Endpunkten der Seidenstraße, liegt der Fokus auf den Ländern Zentralasiens entlang der historischen Handelsrouten. Dabei wurde nicht nur Seide, sondern auch eine Fülle an Produkten wie Gewürze, Tee, Porzellan, Glas oder auch Opium zwischen Ost und West gehandelt. Viel wichtiger waren diese Karawanenwege auch Wege des Transfers von technischem, mathematischem, astronomischem, kartografischem und medizinischem Wissen. Denn die Kulturen des Orients waren im Mittelalter den Europäern weit voraus.
Dr. Lars Frühsorge erklärt die Reiserouten der Seidenstraße durch die Jahrhunderte
Durch frühe Reisende wurden aus chinesischen und islamischen Kulturen zudem Musik, Architektur, Kunst, Religion und Literatur beeinflusst. Denn das Papier und der Buchdruck wurden ja bekanntermaßen nicht in Europa sondern in China erfunden. Gleiches gilt auch für Schwarzpulver, Steigbügel oder auch das Schachspiel. Und natürlich wurde Marzipan nicht von Niederegger erfunden, wie in den verschiedensten Legenden behauptet, sondern stammt aus dem heutigen Iran. Überhaupt räumt die Ausstellung mit einigen Unwahrheiten auf.
Frei nach dem Motto „unterwegs“, welches sich die Lübecker Museen für dieses Jahr auf die Fahnen geschrieben haben, beginnt die Sammlung der Kulturen mit einer Reise entlang der sogenannten Seidenstraße. Wobei der Begriff „Seidenstraße“ nicht etwa von Marco Polo, sondern von dem deutschen Geografen Ferdinand von Richthofen erst 1877 erfunden wurde, um das über 6600 Kilometer lange Netzwerk von Handelsrouten von China bis in den Mittelmeerraum entlang der verschiedensten Karawanenwege zu beschreiben.
Gegensätze: Historisches Bild aus einem orientalischem Harem und Fast Fashion Dirndl aus dem Onlineshop
Gezeigt werden profane wie überaus wertvolle Highlights aus den Beständen der kulturhistorischen Sammlung, die teilweise noch nie ausgestellt wurden. Wobei das Herzstück der Ausstellung die zentralasiatische Sammlung des ersten Direktors des Lübecker Völkerkundemuseums Richard Karutz ist. Dieser bereiste die Länder Zentralasiens zwischen 1903 und 1907 und dokumentierte in zwei Büchern anhand von Fotos und Objekten das traditionelle Leben in nomadischen Gemeinschaften und uralten Oasenstädten, bevor diese durch den russischen Kolonialismus und die Einverleibung der Länder in die Sowjetunion nachhaltig zerstört wurden. Als gravierendes Beispiel dient zum Beispiel ein Foto vom ausgetrockneten Aralsee, der durch den Baumwolle-Anbau mit dem immensen Wasserbedarf heute nicht mehr besteht.
Überhaupt wurde durch die Inszenierung der Ausstellung durch große Bildstrecken nicht nur ein ästhetisches Element mit einbezogen, sondern es soll auch der Aspekt des Reisens für den Besucher deutlich gemacht werden. Auch die ausgestellten Artefakte in ihren Vitrinen sind Teil dieser besonderen Inszenierung. "Keine langatmigen Texte!", verspricht der Sammlungsleiter Dr. Lars Frühsorge, obwohl es natürlich erklärende gelb unterlegte Titel der einzelnen Bereiche gibt. Zum Beispiel Erfindungen und Entwicklungen, Wissen und Transfer, Religionen oder auch Krankheit und Heilung. Aber jede Besucherin kann sich allein an der Ausstellung besonderer Objekte erfreuen ohne wissenschaftliches Grundwissen zu erarbeiten. Aber wie immer sorgt Frühsorge auch für einige Aha-Momente: So hängt ein altes Gemälde von einem orientalischen Harem mit nackten Damen neben einem „Fast-Fashion-Dirndel“ aus dem Online-Shop.
Ein Schiffsmodell aus Gewürznelken
Auch wird begleitend zur Ausstellung erstmals eine Reise auf den Spuren des früheren Völkerkunde-Direktors Richard Karutz durch Turkmenistan und Usbekistan gemeinsam mit der Geografischen Gesellschaft Lübeck im September 2026 angeboten. Wer nicht so lange warten möchte, dem empfehle ich eine Reise entlang der Seidenstrasse im St. Annen-Museum, denn dort gibt es zwischen Brautkleidern aus Usbekistan, uralten Hochzeitshauben, religiösen Objekten, Teppichen, Porzellan und Teile einer nomadischen Jurte auch so spezielle Objekte wie ein kleines Schiff aus Gewürznelken oder das älteste Exponat der Schau, eine Keilschrift des biblischen Königs Nebukadnezar aus dem 6. Jahrhundert vor Chr. entdecken.
„Der Lübecker Divan. Ein Reiseführer für die Seidenstraße“ vom 07.03. bis 30.08.2026, St. Annen-Museum Lübeck.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10-17 Uhr
Fotos: (c) Holger Kistenmacher














