Wann hat man das zuletzt jemals gesehen? Völlig losgelöst tanzt eine ältere Dame in Hippie-Chic nach alten Genesis-Liedern, während andere beseelte, ältere Herrschaften verträumt mit geschlossenen Augen die lädierten Hüften schwingen oder weitere auf jugendlich getrimmte Rentner stimmgewaltig alle Texte akkurat mitsingen. Bei „Carpet Crawlers“ singt sogar der Security-Mann unterhalb der Bierwerbung neben der Bühne textsicher mit.
Steve Hackett, der ehemalige Genesis-Gitarrist und mit mittlerweile 74 Jahren immer noch ein grandioser Virtuose an seiner Gitarre, gab sich am Freitagabend bei bestem Sommerwetter die Ehre, ein wunderbares Konzert mit neuen und alten Songs zu präsentieren. Dabei war das Areal des lauschigen Stadtparks völlig bestuhlt und das Gros des Publikums eher 65 Jahre plus. Trotzdem herrschte von Beginn an eine mitreißende Aufgeregtheit und Vorfreude.
Nad Sylvan
Jubel brandete auf, als das elektronisch verspielte Intro aus dem Sound einer startenden Dampflok, kombiniert mit einem Mitschnitt aus einer BBC-Radio-Kindersendung (Listen with mother), sowie symphonischen Streichorchester endlich in Gitarren-orientierte Rockmusik überging. Hackett und seine 5 Mitstreiter spielten das Eröffnungsstück seines neuen Albums: „People of the Smoke“. Bei der Begrüßung des Publikums, welches mit ihm zusammen älter geworden ist, freute sich Hackett über das wunderbare Sommerwetter und kündigte für den ersten Set überwiegend neueres Material an, um im zweiten Set alte Songs aus Zeiten von „The Lamb lies down on Broadway“ zu spielen. Das war die Zeit, als er noch der Gitarrist von Genesis war, Peter Gabriel der geniale Sänger und kreative Kopf der Band und Phil Collins noch nicht auf Pop-Musik und die fette Kohle aus war.
Steve Hackett
Das alles ist jetzt gut 50 Jahre her, und auch der Vokuhila von Hackett sieht noch so aus wie früher, aber wie der Gitarrengott zwischenzeitlich betonte: „Das hört sich an wie von einer anderen Band, aber wir sind immer noch da!“ Dann folgt ein Mix aus Folk Rock, Art Rock, Hard Rock, Jazz und sinfonischen Arrangements. Aktuelle Nummern wie „The Devil´s Cathedral, Every Day, Camino Royal“ wechseln sich ab mit wunderbaren Gitarren- oder Bass-Soli. Hacketts aktuelle Band aus Rob Townsend (Saxophon, Flöte), Roger King (Orgel,Piano), Craig Blundell (Drums), Jonas Reingold (Bass) und Nad Sylvan (Gesang) spielen trotzdem keine Nostalgie-Show, sondern eine Show, die die Vergangenheit mit der Gegenwart reflektiert.
Mal beginnt es ganz leise mit einem Glockenspiel, gefolgt von theatralisch anmutender Filmmusik, die sich dramatisch hochschaukelt und in einem strahlendem Gitarrensolo von Steve Hackett förmlich explodiert. Der Ausnahme-Gitarrist, den viele mit Jeff Beck, Eric Clapton oder Van Halen gleichsetzen, hat immer noch sehr flinke Finger und spielt sehr souverän selbst die schwierigsten Passagen. Erste Standing Ovations sind die Folge. Dann gibt es 20 Minuten Pause, schließlich müssen sich auch die älteren Herrschaften mal frisch machen und ein neues Bierchen kaufen.
Craig Blundell, Steve Hackett und Jonas Reingold
Dann folgt der heiß ersehnte Part mit den alten Genesis-Songs, wie „The Lamb lies down on Broadway“, „Carpet Crawlers“, „The Chamber of 32 Doors“, „Fly in a Windshield“ oder „Dancing with the Moonlit Knight“. Alles jubelt, wirft die Arme in die Höhe oder singt lauthals mit. Kaum noch einen hält es länger in den Stühlen. Erinnerungen an wilde Jugendzeiten kommen auf, als noch die langen Haare geschüttelt wurden. Vielleicht zwackt hier schon einmal die Hüfte, dort will das Knie nicht mehr so locker grooven, aber die Stimmung könnte nicht besser sein.
Textsicher geht es weiter mit frühen Genesis-Hits wie „Selling England by the Pound“. Jeder darf einmal ein Solo spielen, bis Hackett seine Gitarre wieder auf die Überholspur bringt. Dazu weht ein laues Lüftchen am ersten wirklich wunderbaren Sommerabend. Aber irgendwann muss ja auch mal Schluss sein. Natürlich erklatschen sich die Leute noch ein paar Zugaben wie „Firth of Fifth“, sowie ein deftiges Schlagzeugsolo vom hervorragenden Drummer Craig Blendell, bevor mit „Los Endos/Slogans“ dann aber wirklich Feierabend ist und ein bestens unterhaltenes und ausgelassenes Publikum sich in die Nacht verabschiedet.
(Übrigens: ich will mich hier nicht lustig machen über die ältere Generation, schließlich gehöre ich selbst ja dazu und durfte schon Mitte der Siebziger noch die Original Genesis-Band mit Peter Gabriel damals in der Kieler Ostsee-Halle erleben. Und auch meine Gelenke haben schon bessere Tage gesehen!)
Fotos: Holger Kistenmacher