Foto: (c) Christoffer Greiß

Wieder da - Manfred Maurenbrecher
Lieder und Lesung im LiveCV. Leben? Ja bitte.

Rolf JägerVon

Vor 10 Jahren, schätzt Manfred Maurenbrecher, sei er zum ersten Mal hier gewesen, und war es seitdem jährlich, meist solo am Klavier. So auch jetzt, runde zwei Jahre nach der pandemisch bedingten Absage des letzten Termins in HL, der mal als Konzert mit Band geplant war: Lockdown.

Umfeld und Zeitgeist

Kunst und Kultur im ungesunden Zustand der Stagnation, als der kleine Berliner be.bra-Verlag mit der Idee auf Manfred Maurenbrecher zukam, ein Buch über die '80er Jahre zu verfassen, das „Jahrzehnt, in dem ich ins Labyrinth der Profi-Unterhalter geriet“, so Maurenbrecher: „Die '80er wären jetzt modern, das sei jetzt interessant, meinten die.“ Zunächst wenig interessiert, sagte er doch noch zu, nachdem genügend Erinnerungen in ihm aufstiegen waren, und verbrachte mit diesem „sehr schönen Gefühl die nächsten vier Wochen im Liegestuhl“, um den Text dann, kaum zwei Monate vor der Deadline, regelrecht „runter zu schreiben“.

„Der Rest ist Mut“ heißt seine ausdrucksstarke, vielschichtige und astrein lesbare Doku zwischen Selbstreflexion, Songs, Kunst und Business, viel Schönem und politischem Zwielicht. Erzählt entlang seiner eigenen Geschichte, vermittelt Maurenbrechers Buch – durchaus auch Menschen, die zu jung waren, um jene Zeit selbst erlebt zu haben – einen fühlbaren Eindruck vom (pop-)kulturellen Umfeld und Zeitgeist jener Tage. Etwa, wie der junge Manfred quasi direkt nach einem Auftritt in einer Berliner Pizzeria von Spliff-Drummer Herwig Mitteregger ins Studio geholt wurde, plötzlich einen Manager und einen Vertrag bei einem Majorlabel hatte und sich nun nicht mehr frug, wie es nach dem Studium weitergehen sollte mit ihm und seiner Liebsten. Die offizielle Version ihrer Pläne - Lehramt und Soziales –, wie sie mit den Schwiegereltern in spe kommuniziert wurden, taugte vor allem zur Entkräftung von Vorurteilen über den zotteligen Boyfriend der Tochter.

Seit damals, '81, hat Maurenbrecher 35 Alben aufgenommen, Liedtexte für andere, drei Romane und diverse Drehbücher geschrieben, Radiofeatures produziert und moderiert und Auszeichnungen gesammelt. 1985 erschien „Viel zu schön“, die Platte, die Manfred Maurenbrecher vom Kritikerliebling zum Star katapultieren sollte. Ein kraftvolles Konzert mit Band in der Hamburger Markthalle wurde vom WDR Rockpalast gefilmt und gesendet (und 2021 auf CD/DVD veröffentlicht), die Dinge standen günstig. Dennoch schmiss Maurenbrecher die Popstar-Idee ein paar Jahre danach für immer weg. Er war – ganz woanders – angekommen.

Anders als früher

Maurenbrecher liest an diesem Abend mit offensichtlichem Vergnügen, wechselt zu Betrachtungen, Anekdoten und Liedern; „Schüttmulde“ etwa aus dem Album „Inneres Ausland“ (2020), das mit lustvoll gurgelndem Schunkelton und dynamisch vorbehaltlosem Klavier erzählt, wie der Musiker den Titel als solchen aufgabelte („Zwei Männer auf dem Weg zur Arbeit … “) und was so ein Fachbegriff aus der Bau- und Abfallwirtschaft sonst noch zum Ausdruck bringen kann: „Kirmesplatz der Ängste, der Junge an den Scootern ist pechschwarz, / das Eismädel hat Schlitzaugen, der Blumenmann stinkt nach Hartz. / Manche fragen: Wo sind die Volksdeutschen? Tja, sowas gibt es heut' nicht mehr. / Am besten hört ihr auf zu lamentieren: Da muss ’ne Schüttmulde her! Da muss 'ne Schüttmulde her.... !“

Foto: (c) Christoffer GreißFoto: (c) Christoffer Greiß

Ein paar neue, noch unveröffentlichte Songs lassen aufhorchen; bestechend klare Akkordfolgen mit Finesse unweit Randy Newman, flächige, rhythmisch sachte akzentuierte Texturen, ein homogener, organischer Fluss aus Wort und Klang. Maurenbrecher: „Anders als früher, als ich noch jünger war, und immer alles exakt auf den Punkt sollte. Das interessiert mich heute nicht mehr so.“ Ein Lied über den Frachter, der sich vor einigen Monaten im Suez-Kanal verkeilt hatte und den Schiffsverkehr zum Stillstand brachte, erzählt aus Sicht des Schiffes selbst, das sich, müde und marode von der kapitalistischen Vertriebsarbeit, willentlich selbst sabotiert und quer legt. Innere und innerste Dinge kommen zum Ausdruck, Träume, Sehnsucht nach einer besseren Welt. Maurenbrecher sagt „wo der Adler mit der Taube fliegt“, wenn er dieses Bild meint, ohne Umschweife, entäußert sich in Ruhe und glaubhaft: „Da ist ein Ort, wo alles gut tut / Wo keiner sagt: Wohin woher / kein Idiotenwort, das weh tut, / niemand fragt: Wozu wofür? / Dafür gibt es keine Gründe, / keinen Schlüssel und für keine Tür. / Das ist dort, wo ich verschwinde, / das Dunkel von mir. / … / Ich such nach nichts, so lang ich es noch finde / im Dunkel von mir.“

Foto: (c) Christoffer GreißFoto: (c) Christoffer Greiß

Die Grenze zwischen Künstler und Publikum ist nicht mehr wirklich spürbar, Freundlichkeit und Respekt sind gegenseitig, das Vergnügen spiegelt sich. Und das damals ausgefallene Bandkonzert kann man ja noch nachholen?! Hoffen wir das Beste.

Manfred Maurenbrecher:

„Der Rest ist Mut – Vom Liedermachen in den Achtzigern“, April 2021, Bebra Verlag, 273 Seiten, Amazon.

„Live at Rockpalast“ (DVD/CD-Set), Mig-Music/ Indigo, Amazon.

Das Buch und die DVD/CD sind in den inhabergeführten Buchhandlungen Belling, Prosa, Buchfink, Arno Adler, Langenkamp, maKULaTUR und Buchstabe erhältlich.

Manfred Maurenbrecher: Resonanz und Alltag

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