Kulturfabrik Kampnagel
Wir sind das Volk - ein krasses Musical aus Deutschland

Holger KistenmacherVon

2022 feiert das KRASS Kultur Crash Festival sein 10jähriges Jubiläum auf Kampnagel in Hamburg. Unter der künstlerischen Leitung des Kurators Branko Simic geht es wie seit Jahren um „Deutschland mit Akzent“: als Herkunft, Konfliktfläche, funktionierendes Miteinander, Regelwerk und als Zukunft.

Dabei geht es immer auch um den poetischen Blick von Außenseitern auf das Land. Die Aufarbeitung historischer Kontexte findet ebenso Platz wie eine Gegenwartsdiagnose und ein künstlerischer Blick in die Kristallkugel. Gleich zu Beginn des sehr umfangreichen Festival-Programms gab es ein spektakuläres Gastspiel: Die slowenische Musiklegende Laibach hatte gemeinsam mit der Berliner Dramaturgin und Autorin Anja Quickert ein monumentales Musiktheater-Musical zum Deutschsein nach Texten von Heiner Müller zu bieten.

Der DDR-Dramatiker Heiner Müller (1929-1995) hatte sich ja Zeit seines Lebens an der deutschen Geschichte und deren Gräueltaten abgearbeitet. Posthum wurde jetzt eine Musikproduktion nach seinen Texten erstellt, die zwischen brachialen Klängen, bösen Wort-Beiträgen und romantischen Anflügen in Form von Streichersätzen und lieblichen Klaviertönen mit beschwingtem Gesang wechselte. So blieb einem beim vom Sänger Cveto Kobel klassisch vorgetragenen Hans Albert-Schlager „Flieger, grüß mir die Sonne“ das Lachen förmlich im Halse stecken, als die Trommler mit martialischen Schlägen, begleitet von dramatischen Streichern die düsteren Geister der Geschichte heraufbeschwörten.

Ähnlich verstörend die Einheit aus Klang und Worten bei dem autobiografischen Prosatext von Müller (im Herbst 197…) über die Verhaftung seines Vaters durch die SA und die darauffolgende Flucht der Familie nach Mecklenburg. Dazu gab es schwere, düstere Trommeln und kratzige, dissonante Streicher in Anlehnung an Velvet Underground. Dieses Kindheitstrauma von Müller verarbeitete dieser in dem Text „Der Vater“, der mit diabolischer Stimme von Milan Fran vorgelesen wurde, während die Musiker Ambient-Electronic dazusteuern.

Insgesamt 10 Musiker (3 Trommler und Schlagzeuger, 4 Streicher, 2 Klavier- und Synthesizerspieler und ein Gitarrist, der sein Instrument meist mit dem Bogen spielte) wurden von den Sänger/innen Agnes Mann, Susanne Sachsse und Cveto Kobal unterstützt. Die Texte waren teilweise schwer zu ertragen, wenn es um den Tod des Kindes geht, „wo der Arm immer wieder aus dem Boden kommt“. Oder Zeilen vorgetragen werden wie: „ein toter Vater wäre vielleicht ein besserer Vater gewesen“. Teilweise komisch wird das Deutschsein an sich aufs Korn genommen: „10 Deutsche sind dümmer als 5 Deutsche“.

Trotzdem gibt es am Ende ein wenig Licht am Ende des Tunnels. In „Traumwald“ nimmt uns Gesang mit zuckersüßer Stimme zu verwunschenen Streichern und Ambient-Electronic sanft an die Hand, um uns friedlich in den Tod zu geleiten. Und in seinem Schlussbeitrag verkündet der Chef-Philosoph des slowenischen Kunstkollektiv NSK, Peter Mlakar in seiner Rede: Wir sind das Volk nur durch die Liebe“, dass die „Über-Wahrheit“ Liebe statt Hass lautet. Vertrauen könne man den Deutschen aufgrund ihres blinden Gehorsams in der Vergangenheit allerdings nicht, was auch schon Müller 1990 erkannte, der damals Mißtrauen hegte, sobald das Wort „Volk“ fiel. Ähnlich wie Brecht sprach er lieber von der Bevölkerung. Statt uns jedoch die Köpfe einzuschlagen, versuchen Laibach lieber, sich in unsere Herzen und Eingeweide einzunisten, um unsere Gene zu verändern.

Ein heftiger Abend aus den unterschiedlichsten Gründen. Mal, weil die an Rammstein erinnernde Musik brutal und laut gegen die Bauchdecke hämmert, aber vor allem auch, weil wir Deutschen den Spiegel vorgehalten bekommen. Denn es ist sehr deutsch zu denken, Deutsche sind immer die anderen. Die über die wir lachen. Dabei sind wir es alle, egal ob Faschist oder Antifaschist. Willkommen im Abgrund der hohen Kunst der Widersprüchlichkeit. Da passt selbst beim Raustreten aus der großen Halle K6 das säuselige Liedchen vom „Hitlerli“. Ein Abend, der nachhallt.

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Fotos: (c) Holger Kistenmacher

Holger Kistenmacher
Holger Kistenmacher
Jahrgang 1956, freischaffender Journalist seit gut 25 Jahren, studierter Realschullehrer, praktizierender psychosozialer Betreuer, ambitionierter Fotograf und Kulturschreiber mit den Fachgebieten: Moderne Gegenwartskunst, Literatur, Musik zwischen Jazz und Rock, Nordische Filme, Moderner Tanz. Weltenbummler und Reisejournalist.
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