Foto: (c) Carsten Windhorst, 2021

Rufus Wainwright
Power of Song

Rolf JägerVon

Er meint, was er sagt, und tut es dann. Nach zwei gefeierten Solokonzerten im Kampnagel im September 2020, während der noch neuen Pandemie, versprach Rufus Wainwright, mit Band wiederzukommen, sobald es ginge. Ein Mann, ein Wort, nun war er da.

Er war gut. Sehr gut. Entertainer, witzig, der ungeschnitten plaudert, sich dezidiert in halben Sätzen mitteilen kann. Ausnahmeerscheinung als Musiker, künstlerischer Selfmademan, Performer, Liedermacher, Komponist. Romantisch, theatralisch, authentisch, kurz und bündig. Meist, also nicht immer, hingebungsvoll. Eher lieblos seine Interpretationen des Leonard-Cohen-Geniestreichs „Hallelujah“ und seines eigenen „Montauk“, einem unwirklich schwebenden Etwas, das seinen Zauber in der vokalen Schwerstarbeit am Klavier einbüßt. Konzessionen an vermutete Erwartungen des Publikums? Wir wissen es nicht.

Herumklimpern

Rufus Wainwright ist ein Charismatiker, naturbelassen gewissermaßen, der eine Bühne füllt, sobald er sie betritt und ein Konzert lang dort lebt. Live on stage. Dass er heute Abend eine blaue Unterhose drunter hat - Slip, nicht Boxer, weiß abgesetzt am Bund und Eingriff -, erkennt das Publikum, als er kurz nach einem gefaketen, zugabelosen Konzertschluss - „Good night! Thank you!“ - auf die Bühne zurückkehrt und dort fix in ein rubinrotes Glitzerkleid und Perücke wechselt. Es folgen fünf Minuten Broadway, dass es kracht. Bigbandsound vom Band, singen, quietschen, Beine schmeißen. La Rufus und seine drei in Magd-Outfits gehüllten Bandmusiker im choreographischen Ausflipp-Modus, punktgenau und wie im Augenblick entstanden. Das volle Programm, stehende Ovationen. Eine mutmaßliche Kostprobe aus Wainwrights just fertiggestellter Musical-Produktion, die er im ersten Teil des Abends kurz und ostentativ erwähnt hatte. Wirklich verblüffend dann, mit welcher Selbstverständlichkeit er im nächsten Augenblick aus diesem 'Glamerica' heraustritt und sich mit lippenstiftverschmiertem Gesicht und rotem Fummel ganz gegenwärtigen US-Realitäten zuwendet, ohne an Glaubwürdigkeit zu verlieren. The power of song:

„I'm going to a town that has alreday been burnt down / I'm gonna see a place that has already been disgraced / I'm gonna see some folks that have already been let down / I'm so tired of America.“

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„Going To A Town“, ein Lied über die äußere Gestalt einer im Inneren zerfallenen Gesellschaft, Repertoire-Klassiker seit Veröffentlichung auf „Release The Stars“ (2007), dem fünften von bisher zehn Alben des US-Kanadiers. (Und recht anständig von George Michael gecovert). Er schrieb es, als er mal etwas früher als verabredet in einer Hotellobby wartete und sich dort ans Klavier setzte, um solange „ein bisschen herum zu klimpern“, die Zeit zu vertreiben. Nach zwanzig Minuten war der Song fertig. Aus Versehen. Passiert halt.

Bürger

Rufus wuchs auf im franko-kanadischen Montreal in einem musikalischen Haushalt von gewisser Bedeutung – Vater ist Loudon Wainwright III, Songmann der Generation Dylan mit Akustikgitarre, Mutter war Kate McGarrigle, die von '75 bis zu ihrem Tod 2010 mit ihrer Schwester Anna das Folk-Duo Kate & Anna McGarrigle bildete, das bis heute die Bewunderung nicht nur anglo-amerikanischer Songleute jedweder Couleur genießt.

Durch den ersten Besuch einer Musicalaufführung („Annie“) als 7-Jähriger angefixt von ganz anderen musikalischen Ästhetiken, machte der ohnehin extrovertierte Sohn sich am Klavier zu schaffen, stieß auf Klassik, Popsongs, zwei Generationen jeweils zeitgenössischer Singer/Songwriter und die Schriften von Wilde, Cocteau, Gertrude Stein et al. Mit 14 erkannte Wainwright seine Homosexualität, ging offen und unaufgeregt damit um, wie es ihm entsprach, und thematisierte die Homophobie der US-Republikaner (wie auch den Irakkrieg u. a.) unmissverständlich klar in Songs, ohne sich politisch vereinnahmen zu lassen. Ein Bürger und Künstler, über den sich allenthalben Kollegen bewundernd zu äußern begonnen hatten. Klavier-Songschreiber-Koryphäe Elton John etwa bezeichnete Rufus als einzigartig, „the best songwriter we have“, und auch im internationalen Independant-Lager wird Wainwright, dessen individuelle Qualitäten so selbstverständlich wie un-gestrig im Konservativen fußen, für seinen künstlerischen Freigeist geschätzt.

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Wainwrights Songs mit ihren vielen und scheinbar disparaten Einflüssen sind keine Konstruktionen oder Crossover-Experimente. Sie passieren intuitiv und bleiben es im Kern, komplex und im gleichen Maße eingängig. Geht Wainwright mal strukturell über die im Liedformat allgemein übliche Strophe/Refrain/Bridge-Struktur hinaus – und das tut er nicht selten -, bemerkt man das in der Regel nicht.

Es ist vor allem Wainwrights Stimme, die mit ihrem besonderen Timbre den Hörer mitnimmt, Aufmerksamkeit erzeugt, anspricht. Irgendwo zwischen dem Understatement und kompromisslos Persönlichen John Lennons, der lakonischen Schärfe eines Lou Reed und Judy Garlands Grandezza ist ihr sauber schwingender Klang doch nichts davon; kaum verwechselbar, hat man ihn einmal wahrgenommen. 2009 spielte er zwei Konzerte mit Material der Sängerin und Schwulen-Ikone Garland, schrieb zwei Opern („Prima Donna“, „Hadrian“) und die Musik für Robert Wilsons „Take All My Love: Shakespeare Sonnets“.

Ent-folgen

„Unfollow The Rules“, erschienen 2020, ist Wainwrights erste Songplatte seit acht Jahren. Ihr Titel, als demonstrativer Imperativ (dt. etwa: Ent-folge den Regeln) auf ein Banner geschrieben, hängt über der Bühne. Die Scans der Cover-Grafiken im Bühnenbackdrop, ebenfalls aus Wainwrights Hand, sind beeindruckend in Darstellung und Detailliertheit. Der Titelsong „Unfollow The Rules“ erzählt den Entscheidungskonflikt einer nicht näher benannten Ersten Person singular mit sich selbst, arbeitet mit Resignation, Gewissen und einem verschwimmenden Zeitbegriff zwischen Rück- und Ausblick. In brüchigem Dur und 3/4-Takt-Fragmenten, zusammengehalten von Rufus' ruhigem, gleichzeitig hadernden Gesang, befindet sich der Song musikalisch in der gleichen Verfassung wie sein angeschlagener Protagonist. Der schließlich die Reste von Hoffnung vom Haken nimmt, etwas Licht heraus schüttelt und akzeptiert, was ist und soll: „Don't give me what I want / Just give me what I'm needing / I will never know / But perhaps I'll have a feeling.“ (Brian Wilson im Subtext.)

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„Damsel In Distress“ berichtet flott und amüsiert von der Eifersucht seiner Mutter gegenüber Landsmännin und Songikone Joni Mitchell. „Early Morning Madness“ ist ein disharmonisch veredeltes, nervös hämmerndes Stück Depression mit Zeilen wie „That's the thing, it's a scare / I can hear the ring-trrring-trrrring of a flaying funeral snare“, das die Band regelrecht raushaut, den Irrsinn fühlbar macht, den Rufus singt und der Applaus danach etwas irritiert klingt. Keine Konzessionen, an dieser Stelle.

Eine sehr gute Band im Übrigen, die per Gitarre, Piano, Kontrabass und ein paar fein gesetzten Backing vocals konzentriert den anspruchsvollen Job einer flexiblen wie profilierten Begleitung tut. Ein bisschen weniger Hall auf Wainwrights Stimme hätte einigen Songpreziosen gutgetan, der Sänger hätte es verkraftet. Leicht. „Als würde die Stimme direkt in deinem Körper ertönen“, sagt jemand in der Pause in der Lobby. Es trifft den Punkt.

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