Anna Calvi, Foto: (c) Holger Kistenmacher

Gitarrenvirtuosin Anna Calvi rockt Kampnagel
Ein Wolf im Schafspelz

Holger KistenmacherVon

Die 38-jährige Engländerin Anna Calvi kommt daher wie ein Model, singt theatralisch, engelsgleich wie ein Opernstar und spielt ihre Fender Telecaster wie eine Reinkarnation von Gitarren-Ikone Jimi Hendrix. Am Wochenende war sie in Hamburg zu Gast, um ihr lang ersehntes drittes Album „Hunter“ vorzustellen.

Fast fünf Jahre ließ sich die britische Musikerin Zeit für ihr aktuelles Werk. Der Kritiker-Liebling, der auch in Kollegenkreisen von Brian Eno bis David Byrne hoch geschätzt wird, tourte lieber mit Nick Cave oder Morrissey und schrieb mit Theaterregisseur Robert Wilson eine Oper. Entsprechend hoch war die Erwartung des Publikums in der ausverkauften K6 von Kampnagel.

Auf dämmeriger Bühne legen schon mal der Schlagzeuger Alex Thomas und die Keyboarderin Mally Harpaz los, während die zierliche Lady mit ihrer großen Gitarre sich langsam auf den Steg mitten ins Publikum begibt. Anna Calvi ist die personifizierte Schüchternheit, dabei hat die knapp 1,60 m kleine Musikerin mit ihren roten Schmoll-Lippen, den hohen Wangenknochen, ihren Reh-Augen und der wild toupierten Sturmfrisur ein grandioses Standing: ein echter Wolf im Schafspelz.

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Mit „Swimming Pool“ heizt sie dem Publikum erst einmal kräftig ein und lässt ihre Gitarre kreischen. Sie spielt und singt mit Seele, Leidenschaft und Feuer und sticht damit einzigartig aus dem Einheitsbrei des Mainstreams heraus. Als leidenschaftliche Feministin und Schwulen-&-Lesben-Aktivistin setzt sie neue musikalische Maßstäbe und haut mit „Hunter“ eine Kampfansage an den Zeitgeist von Homophobie, Geldgier, Sexismus, Rassismus, Machotum in der Rockszene und mangelnder Empathie raus. Auf ihren weißen Stiefeletten stolziert sie mit ihrer Riesen-Gitarre immer mal wieder auf den Steg mitten ins Publikum und begeistert mit ihren knall-harten Solis.

Die auch an der Geige ausgebildete Musikerin braucht keine langen Reden, sondern überzeugt mit ihrem virtuosen Gitarrenspiel und den engagierten Texten. Als bekennende Lesbe, die nie einen Hehl aus ihrer Vorliebe zum weiblichen Geschlecht gemacht hat, kämpft sie gegen verkrustete Geschlechterrollen und überholte Gender-Klischees. „Ich weiß genau, wie du dich fühlst, wenn du nicht gehst und nicht redest wie ein Mann“, singt Calvi in ihrem Song „As a man“.

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Es folgen einige Stücke aus ihrem sensationellen Erstling wie „I´ll be your man“ oder „The devil“. Aber sie setzt sich auch dafür ein, dass wir Männer uns trauen sollen, unsere weibliche Seite nicht zu unterdrücken. „Prügel nicht das Mädchen aus meinem Jungen“, fordert Anna Calvi in „Don´t beat the girl out of my boy“.

So spannend wie ihre Musik ist auch Annas Vita: Sie ist die Tochter eines Italieners und einer Engländerin. Beide sind Psychiater, bekennende Nudisten und LSD-Konsumenten. Sprich: Anna wächst in einem freizügigen Haushalt in Twickenham, südwestlich von London auf – und ist alles, nur kein typisches Mädchen. Sie lernt Geige, will eigentlich Kunst studieren, aber bleibt an der geliebten Gitarre hängen, weil sie auf Hendrix und Django Reinhardt steht. In den 2000ern spielt sie erfolglos in Indie-Bands wie Cheap Hotel, bis sie bei einem Konzert vom Label Domino Records (Arctic Monkeys, Franz Ferdinand) entdeckt wird.

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Fotos: (c) Holger Kistenmacher

Holger Kistenmacher
Holger Kistenmacher
Jahrgang 1956, freischaffender Journalist seit gut 25 Jahren, studierter Realschullehrer, praktizierender psychosozialer Betreuer, ambitionierter Fotograf und Kulturschreiber mit den Fachgebieten: Moderne Gegenwartskunst, Literatur, Musik zwischen Jazz und Rock, Nordische Filme, Moderner Tanz. Weltenbummler und Reisejournalist.
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